Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 36 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228802--64140-3276190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Da erschien der Ortspolizeidiener, der Daniel sofort zu sprechen wünschte. Daniel ging hinaus und erhielt den Befehl, am andern Morgen neun Uhr sich auf dem Landratsamte einzustellen. Was gilt der Schmerz? Der Befehl der Obrigkeit mußte befolgt werden und präzis 9 Uhr am andern Morgen war Daniel aus dem Landratsamte. „Ah,^ braver Bursche, ich habe ihm eine gute Nachricht untzuteilen," empfing ihn lächelnd der Landrat. Daniel stand mit versteinerten Gesichtszügeu, ohne sich zu rühren oder zu antworten. „Ich habe ihm seinen Schutzbrief besorgt, er kann ihn gleich mitnehmen und an der Kasse das Schntzgeld bezahlen." „Ich will keinen Schutz." „Was? Was will er denn?" „Ich will nach Amerika." „Ich meine doch, er will die Tochter seines Herrn heiraten." Da ging ein Zittern durch den Körper Daniels, mit krampfhaft geballten gäuften stand er da und mit den Zähnen knirschend, zischte er: „Sie ist tot, Herr Laudrat." ibinb enp p b'Tasn Lied?ur tzaiidsls am flirsgsng drs Sabbat. Uebertragen von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin. (Ursprünglich zum Ausgang des Versöhnnngstages, so mit etwas verändertem Texte im portugiesischen Ritus. Sämtliche neun Vierzeiler enden mit dem Worte nW (Nacht). Der erste Vers ist zur Wiederholung nach jedem folgenden gedacht. Aus den Anfangsbuchstaben der Verse — vom zweiten angefangen — ergibt sich der Name des Verfassers jjopn pnrO Der Heilig von Unheilig geschieden, — O. daß alle Sünde stets wir mieden! — lieber Haus und Kinder halt' gnädig Wacht, Daß sie leuchten Sternen gleich bei Nacht. HSB Schon weicht der Tag, wie der Palme Schatten Flieht, wenn's Abend wird, die stillen Matten; Dich rufen wir, der liebend uns bewacht, Bis Morgen wird, ob lang'auch die Nacht! Dem Tabor gleich stark ist deine Gnade, Ach, richt' nicht meine sündigen Pfade; Vergib, wie da weicht der Tag, kaum erwacht, So schnell als weicht das Dunkel der Nacht! HS^PI In Eile flieht meines Vetens Zeit. Was ist's, was mir bleibt, was Ruhe nur beut? ' Ach, auf meine heißen Zähren Hab' acht, Die ich einsam wein' in stiller Nacht! ^Ip O Herr, verwirf nicht schwacher Lippen Wort, Den Himmel erschließ ihm, du Weltenhort; Ich harr'! Schon hat feucht die Locken gemacht Der niederrieselnde Tau der Nacht! "“TUTI Adonai, Erhab'ner, Heiliger Du, Laß in meinen Nöten mich finden Ruh', Wenn finster dränend mit stürmischer Macht lieber mich sinkt das Grauen der Nacht! '"pflK'lp Erkennen laß mich meines Lebens Pfad, Daß nimmer ich wank', ob auch Leid mir naht. Wenn bange Sorge über mich gebracht Am Tage das Glück, der Zweifel bei Nacht. O Herr, scheuche der Sünde Gebaren, Daß nicht höhnen meiner Feinde Scharen: Wo ist sein Gott, des jubelnd er gedacht Im Lied des Tages, im Lied der Nacht? 13PI3 Dem Tongebild' in deiner Allmacht Hand Vergib, wenn es umstrickt der Erde Tand; Preisend sei deiner, Adonai, gedacht Im Licht des Tages, in finstrer Nacht! Literarische Mitteilungen. Der Prozeß Hilsner, Aktenauszug verfaßt von Maximilian Paul Schiff, Wien 1908. L. Nosner. Das verletzte Rechtsbewußtsein kommt nicht zur Ruhe, kann nicht zur Ruhe kommen, denn der Menschheit edelstes Empfinden fühlt sich in ihm getroffen. Und darum sind auch die Akten über die „Hilsner-Affäre" noch lange nicht abgeschlossen. Bald da, bald dort werden Stimmen laut, nicht blos zugunsten des unglücklichen Gefangenen in Stein, mehr noch zugunsten der in unerhörter Weise hier mit Füßen getretenen Gerechtigkeit. Seit dem Erscheinen des berühmten Nußbaumschen Buches hat die kriminelle Fachwissenschaft kaum mehr etwas zu diesem Justizfalle zu sagen. Gründlicher kann in diese Art von Geschworenenweisheit nicht mehr hineingeleuchtet werden. Gefruchtet hat's allerdings wenig oder nichts. Jene, die es angeht und die zur Abhilfe nicht nur befugt, sondern verpflichtet wären, schwiegen und schweigen. Warum? Auch Dreyfus mußte erst Jahre auf der Teufelsinsel verbringen, ehe sein „Fall" das berufene Forum zum Handeln zwang. Oesterreich, und besonders das heutige mit dem Liberalismus von Luegers Gnaden, ist am wenigsten geeignet, Zola's hervorzubringen. Mit der Macht geht da immer das Recht. Die nichtjüdischen Führer des geistigen Oesterreichs segeln entweder im Fahrwasser der alles beherrschenden christlich-sozialen Partei, oder aber sie hüten sich, dem Klerikalismus offen entgegenzutreten. 'Wer heute mit „j’accuse" in Oesterreich käme, wüßte so leicht nicht, wo aufzuhören, so viel gibts da anzuklagen. Und immer wieder sind es deshalb Juden, die ihre Stimme in den Dienst der Gerechtigkeit stellen. Die Spalten der „Oesterr. Wochenschrift" brachten wiederholt offene rücksichtslose Anklagen selbst gegen hoch- und höchstgestellte Iustizbeomte, die so rührige „Oesterr. Isr. Union" hat einen sehr bedeutenden Preis auf die Entdeckung des wirklichen Mörders ausgesetzt, und nunmehr hat der wiederholt durch sein mutvolles Eingreifen in öffentlich-jüdische Fragen sich auszeichnende Herr Paul Schiff, einer der hervorragendsten Wiener Industriellen, gleichfalls in dieser Angelegenheit das Wort ergriffen. Er ging dabei von dem sehr schätzenswerten Grundsätze aus. daß die Wahrheit am eindringlichsten selbst für sich spricht und hat deshalb das gesamte Aktenmaterial dieses Kriminalfalls zusammengetragen und in leicht übersichtlicher Weise der breiten Oeffentlichkeit vorgelegt. Den Fall kennen lernen, heißt für die Unschuld des armen Hilsner eintreten, bedeutet jene verurteilen, die um jeden Preis ein Opfer und einen Ritualmord haben mußten. Herr Paul Schiff hat sich durch diese Veröffentlichung sehr verdient gemacht, obzwar sie kaum die Herbeiführung eines Erfolges beschleunigen wird. Dieser wird erst kommen, wenn die Ritualmordpartei reif für den Zusammenbruch sein wird. Hilsner könnte für Oesterreich werden, was Dreyfus für Frankreich geworden: ein Anlaß zur Selbstbefreiung für ein geistig geknechtetes Volk. Göppingen. Rabbiner Dr. Tänzer. Druck und Verlag von 'Rudolf Mo Ne m Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. ..