Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 35 (sequence 13)
- Language
- German
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35 und für gar nichts Besonderes gehalten, aber im Dorfe und in der Umgegend sprach man sehr viel von der „schönen christlichen Hilfsbereitschaft" Daniels; sogar der Landrat geruhte einmal anzuhalten, als er auf der Landstraße Daniel begegnete, rief ihn an seinen Wagen heran, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Er ist ein braver Bursche." Jsenstein suchte diese für Daniel günstige Stimmung auszunutzen und bemühte sich beim Landrat Persönlich, den Schutzbrief für Daniel Zu erlangen. Bei dieser Gelegenheit teilte er auch dem Landrat, der den Einwand machte, Daniel habe kein selbständiges Geschäft, offen mit, daß er beabsichtige, Daniel als Schwiegersohn einzusetzen und ihin sein eigenes Geschäft zu übertragen. „Ich werde befürworten," sagte der Landrat verbindlich; aber als wieder einige Monate verflossen waren, kam abermals ein ablehnender Bescheid. Es seien im letzten Jahre schon so viele Schutzbriefe erteilt worden, daß es ninnöglich sei, dem Gesuche zu entsprechen. Im darauffolgenden Sommer, an einem schwülen Abend, sahen Familie Jsenstein und Daniel auf der Bank vor der Haustür, als ein Kind aus dem ersten der gegenüberliegenden Häuser herauskam, in der Hand ein rundes Stück Holz, an dem mit zwei dickköpfigen Schuhnägeln ein viereckiges Stück Papier befestigt war. . „Na, was ist denn da Merkwürdiges passiert," sagte Jsenstein, „daß noch so spät am Abend der Knüppel herumgeht?" „Das werden wir gleich erfahren," sagte Frau Jsenstein, „wir kommen ja gleich an die Reihe." Richtig, soeben kam schon ein Kind aus dem zweiten Hause und trug „den Knüppel", das damalige Organ öffentlicher Bekanntmachungen auf dem Dorfe, in das dritte Haus, das dem Jsensteinschen am nächsten lag, und nach einigen Minuten wurde Jsenstein vom Kinde des Nachbarn „der Knüppel" gebracht. Es war eine kurze Bekanntmachung, die Hienstein schnell gelesen hatte. „Narrischkeit, heißt üre Wichtigkeit," sagte er und gab den Knüppel seiner Frau. Sie las ihn lächelnd und gab ihn Daniel, denn Recha hatte schon aus Neugier über das seltene Ereignis über die Schulter ihrer Mutter hinweg die Bekanntmachung gelesen. Daniel las dann das Schriftstück und trug dann „den Knüppel" stillschweigend ins nächste Nachbarhaus. „Der Mühe wert, daß man so spät abends extra „den Knüppel" herumschickt," sagte Daniel, als er zurückkam und sich wieder ans die Bank setzte. „Ja, der Hund der Frau Landrat ist wichtiger, als wenn es sich um Menschen handelt", sagte kopfschüttelnd Jsenstein. „Es ist ein schönes Hündchen, ich kenn's," sagte Daniel, „ich hasts schon oft gesehen, wenn's beim Laudrat in' der d'haise saß." „Nun, vielleicht begegnet es Dir auf Deinen Gängern dann kannst Du den Taler Belohnung verdienen." „Liegt mir auf." Aber man soll von der unbedeutenden Sache nicht gering deuten, wer weiß, welchen Einfluß sie auf nnser Schicksal und unseren Lebensweg haben kann. Am andern Tage hatte Daniel für seinen Herrn eine Besorgung in der Kreisstadt zu machen. Der Weg führte eine stunde lang durch Wald, und da Recha eine große Liebhaberin von Sträußchen aus Feldblumen war, ging er abseits vom Wege'quer durch den Wald, wo er verschiedene Lichtungen kannte, auf denen die schönsten Waldblumen blühten. Auf einer. dieser Lichtungen sah er einen Scherenschleifer im Grase liegen und an dem danebenstehenden Karren desselben ein schönes, weißes Bologneserhündchen angebunden. das unzweifelhaft au dem . Stricke - zerrte, mit dein es angebunden war. -; „Sie haben ja da das Hündchen der Frau Landrat/" sagte Daniel. „So? Das weiß ich nicht, ich hast's hier im Walde gefunden." .-,,Das ist merkwürdig, gestern ist es der Frau Landrat gestohlen worden." „Wieso wissen Sie das?" „Weil gestern abend in unserem Dorfe und sicher auch in allen Dörfern des ganzen Kreises „der Knüppel" hermngeschickt wurde, wo dem Wiederbringer eine Belohnung versprochen wird, und sicher sind auch alle Gendarmen des Kreises ans der Suche nach dem Hündchen und dem Diebe." „Ich bin froh, wenn ich es los bin, ich geh aber nicht in die Stadt. Wenn Sie es mitnehmen wollen, soll es" mir recht sein." „Geben Sie her, ich nehme es mit." 'Daniel ergriff den Strick und siehe da, das Hündchen, , das-'ahnen mochte, daß der riebe Besitzergreifer es gut mit ihm meinte, da er in der Richtung nach der Stadt mit' ihm ging, folgte freudig bellend. Eine Stunde später drücktder Laudrat Daniel freudig die Hand, als er den vermißten Liebling ablieferte und erzählte, wie er' dazu gekornmen sei. „Ja, er ist ein braver Bursche," sagte der Landrat leutselig, „ihm will ich keinen Taler geben, für ihn weiß ich etwas Besseres. Geh er ruhig nach Hause, er wird bald von mir hören." David machte seine Besorgungen, ltnb auf dem Heimweg dachte er immer an die besondere Freundlichkeit und das wohlwollende Lächeln des Landrats, das sein Herz hoffnungsfroh schwellen ließ. „O, sicher wird er jetzt alles tun, daß ich meinen Schutz bekouune und dann werde ich die liebe Recha heiraten. Die Geschichte mit dem Hündchen war doch. ein großes Glück, für das ich dankbar sein muß. Recha darf ich natürlich nichts sagen, aber Herrn Jsenstein darf ich doch meine Hoffnungen Mitteilen, vielleicht kann er noch etwas nachhelfen. Gott sei Dank, endlich kommt das Glück." So ging er selig lächelnd und Luftschlösser bauend für sich dahin und freute sich auch darüber, daß er Herrn Jsenstein eine so frohe Nachricht zu bringen hatte. Aber wie ward er enttäuscht! Beim Eintritt in das Haus sah er nur verstörte, verweinte Gesichter. Recha lag schwer verletzt zu Bette. Zwei durchgehende Pferde waren durch die Dorfstraße ge- > jagt, und Recha war zugesprungen, um ein auf der Straße spielendes Kind fortzureißen. Es war ihr gelungen, das Kind rechtzeitig fortzuziehen, aber sie selbst hatte, da die Pferde im rasendsten Laufe um die scharfe Ecke am Kirchhofe rannten, von dem Hinterteil des Wagens einen Stoß erhalten, daß sie mit der Stirne gegen einen im Wege liegenden Stein..geschleudert wurde. Sie blieb bewußtlos liegen und eine breite klaffende Wunde zeigte sich an der Stirn. Schlimmer als das . war es, daß der herbeigerufeue Arzt einen Schädelbruch und eine Gehirnerschütterung feststettte. Eine Woche laug lag sie fiebernd und bewußtlos zu Bette, am achten Tage erlöste sie der Tod von allem Erdenleid. Jsenstein führte Daniel an der Hand zum Bette, wo die Verschiedene lag. „Jetzt darfst Du sie noch einmal küssen," sagte er, und den Kopf auf den Tisch legend, brach er in lautes, .herzbrechendes Schluchzen aus.. Daniel küßte die Tote auf die Stirn und setzte sich dann in tränenlosem Schmerze in eine Ecke.