Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 32 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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32 zeichnen, damit man daraus ungefähr ermesse, einen wie reichen Beitrag zur Kulturgeschichte des Judentums es liefert. Muß sich aber unsere Freude an jener Geistesschöpfung nicht steigern, wenn wir daran denken, wie sie zustande gekommen ist? In welch traurigen: Zustande befand sich damals das Material! Der größere Teil in alle Winde zerstoben, in Bibliotheken vergraben; der verfügbare Stofs noch ungesichtet, vielfach textlich verderbt. Welch eine.Kraft gehörte dazu, aus diesen altersgrauen Trümmern einen wohlgeordneten Bau herzustellen? Und Zunz hat das geleistet. Sein Spürsinn stöberte auch weit Entlegenes auf, und seine Gelehrsamkeit stellte zahllose Einzelheiten zusammen; seine geistige' Schärfe entdeckte selbst in der stillen Ecke irgendeines mittelalterlichen Rechtsbescheides ein wertvolles Steinchen, und seine systematische Kraft fügte aus dem großen Durcheinander das Gleiche zu dem Gleichen. Seine Gewissenhaftigkeithielt ihn in strenger Unparteilichkeit an der gegebenen Eigenart der Quelle fest, und feine philosophische Denkweise ließ ihn mit glänzender Treffsicherheit das Gemeinsame und Wichtige, das wahrhaft Charakteristische hervorheben. Wenn wir den Inhalt unseres Meisterwerkes heute in vielen anderen Büchern wiederfinden, die Methode können wir nur aus ihm selber schöpfe::. Sie hat ihm in erster Reihe seine epochemachende Bedeutung verliehen, denn hier erst lernten die jüdischen Forscher nach schüchternen, namentlich von Krochmal und Rappoport ausgehenden Versuchen, wie man es anzufangen habe, um die Gedankenmassen und zahllosen Erscheinungen der jüdischen Literatur in Klarheit und Wahrheit der Welt vvrzusühren. Diese Methode aber verdankte Zunz der Bildung, welche ihm Gymnasium, Universität und überhaupt das Studium deutscher Wissenschaft eingeprügt hatten. Das dürfen wir nie vergessen, und wenn wir bedenken, welch gewaltigen Segen jene Methode der jüdischen Wissenschaft gebracht, welch eine Erneuerung, welch einen Garten der schönsten Früchte wir ihr verdanken, dann werden wir dazu gedrängt, innige Dankbarkeit der Geisteskultur unseres Vaterlandes darzubringen. Alleii: die „Gottesdienstlichen Vorträge" erheben noch eine zweite wichtige Forderung. Die jüdische Predigt hat eine große, stolze Vergangenheit anfznweisen, sie soll diese Vergangenheit nicht außer acht lassen, sie soll sich nicht ihrer durch ihre ganze geschichtliche Entwicklung ihr ausgeprägten Eigenart entkleiden; es soll sich nicht wiederholen, was n:an erst jüngst von einer Predigtsammlung gerühmt hat, daß sie von Midraschim frei sei. Der jüdische Prediger soll das Gold, das ihn: aus Propheten, Darschanim und Maggidin: entgegenstrvmt, sich möglichst zu eigen nmchen, um es nüt den Schätzen der Weltliteratur zu verschmelzen, damit die Predigt das Ergebnis und die Höherbildung der bisherigen Gedankenwelt des Judentums darstelle. Im anderen Falle braucht der Kanzelredner kein Rabbiner zu sein; mancher Volksredner, nmncher Schriftsteller könnte es besser nmchen als er. Solche Erfolge wäre:: wohl die schönsten Triumphe unseres Meisterwerkes im praktischen Leben, aber sie entheben uns nicht der Pflicht, dasselbe zn sei::em Jubiläum noch besonders zu feiern. Ich halte hier zwei Wege für die zweckmäßigsten. Ein berufener Gelehrter sollte es unternehmen, alles was die jüdische Wissenschaft seit Erscheinen der „Gottesdienstlichen Vorträge" auf diesem Gebiete neu hervorgebracht und verbessert hat, streng sachlich zusammenzufassen. Er würde mit dieser Arbeit den Fachgenossen und Theologen ein froh begrüßtes Geschenk machen. Den: Laienpnbliknm aber sollte jene große Geistesschöpfung in allen Literaturvereinen so bald als möglich durch Vorträge nahe gebracht werden, welche die Geschichte der jüdischen Predigt behandeln. So würdensich alle Schichten vereinigen, unserem Altmeister wenigstens eine Ehrung im Geiste darzubringen. Wenn ein Ehepaar 75 Jahre zusammen gelebt hat und das Fest der eisernen Hochzeit feiert, dann erregt dieses Ereignis in weiten Kreisen allgemeines Aufsehen, und doch ist aus einem solchen Bunde oft so wenig Wertvolles hervorgegangen. Die jüdische Gemeinschaft ist nunmehr ein Dreivierteljahrhnndert im Besitze der „Gottesdienstlichen Vorträge", und dieser Besitz hat herrliche Früchte gezeitigt. Soll dieses Gedenkjahr spurlos vorübergehen? „Gedenket der Tage der Vorzeit, nehmet mit Einsicht auf die Jahre der vergangenen Geschlechter, frage Deinen Vater, daß er es Dir künde, Deine Alten, daß sie es Dir sagen/' (5. Mose 32,7.) Io?rk Israels. Non Karl Schwarz-Berlin. ls ich vor einigen Monaten im Haag durch die Straßen ging, begegnete mir ein altes Männchen nüt einer Begleiterin. Ich kan: soeben aus dem Mauritshuis und befand mich noch ganz im Bannkreise Nembrandts, des großen Holländers, dessen Werke kennen zu lernen, ich eine Reise durch Holland unternommen hatte — und hier gewahrte ich nun den bedeutendsten lebenden holländischen Meister, der zwar gebeugt von: Alter langsam daherging, dessen Geist aber mit jugendlicher Frische noch rüstig schafft, wenngleich schon über 80 Jahre verflossen sind, seit er zu Groningen das Licht der Welt erblickte, das Licht, das so wehmütig.und verhalten durch seine Werke zittert, und das er, wie sein großer Landsmann, mit der größten Meisterschaft wiederzngeben vermochte. Am 27. Januar begeht Jozef Israels seinen 84. Geburtstag, und anläßlich dieses Festes wollen auch wir ihm unsere Glückwünsche mit diesen Zeilen kundtnn. Mögen dem weitberühinten und verehrten Altmeister noch viele Jahre in körperlicher und geistiger Frische beschieden sein, auf daß er sich der Dankbarkeit aller derer erfreue, die bewundernd vor seinen Werken stehen! Ueber den Künstler Israels ist schon viel geschrieben, seine Arbeiten sind eingehender Betrachtungen gewürdigt worden, und über sein Leben ist wenig zu berichten. Aber nicht nur mit dem Pinsel und der Radiernadel ist er ein Meister, auch die Feder hat er gerührt, und ihr verdanken wir zwei Schriften/) die auch ins Deutsche übersetzt worden sind, und in denen wir ihn als einen ausgezeichneten Beobachter und Plauderer kennen lernen. „Alles hat so seine Eigentümlichkeiten — was man malt, kann durch kein Musizieren oder Schreiben erreicht werden; wenn man dagegen eine Geschichte erzählen oder seine Ansichten über das eine oder andere zu erkennen geben will, so muß man sprechen oder schreiben — und so habe ich denn dieses einzige Mal den geschmeidigen Pinsel mit der stählernen Schreibfeder vertauscht ::nd die bunten Farben beiseite gelegt, um mich nüt der einfachen Tinte zu behelfen." So lautet die Einleitung seiner Reisebeschreibung „Spanien". Aber die „stählerne Schreibfeder" gleitet ihm leicht über das Papier, die ') „Spanien" nun Jozef Israels. Mit Nachbildungen von Handzeichnungen des Verfassers. Verlag Bruno Cassierer Berlin, 1906. — „Nembrandt". Eine Studie von Jozef Israels Uebersetzt von Else Otten. Coneordia, Deutsche Verlagsanstalt.