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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
Seite 31 (sequence 9)
Language
German
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herzlichen Worten Glückwünsche auszusprechen, und die Staatsbehörden hatteU sogar ihren höchsten Fachbeamten, den Kultusminister, als Vertreter zu der Weihefeier entsandt. Welch, eine glänzende Versammlung mochte damals die .Aula der Lehranstalt beherbergt haben! Während ich mir aber diese Versammlung'lebendig vor Augen führte, tauchte ein Kops vor mir auf, den das leibliche Auge nicht zu sehen vermochte; gehörte er doch einem Toten an: Leopold Zunz. Auf dem Angesicht spielte ein wehmütiges Lächeln, was mochte es bedeuten? Bald hatte ich seine Rede entziffert. Die Wissenschaft des Judentums begeht.einen Jomtob. gibt es nicht noch einen anderen Jomtob, dem sie in diesem Jahre ein besonderes Gedenken schuldet, R. Jomtob Lippmann Zunz? „Die Wissenschaff des Judentums hat. sich eine würdige Heimstätte errichtet, doch was wäre diese Heimstätte ohne den geistigen Bau, den ich ihr einst geschaffen? Ihm aber ist in diesem Hahre ein Jubiläum erstanden." Vor einem Dreivierteljahrhundert . hat Zunz seine „Gottesdienstlichen Vortrüge der Juden" der Öffentlichkeit übergeben Haben wir dieser Tatsache eine Weihestunde zu widmen? Wohl mancher mag spöttisch lächelnd rufen: Wieder eine Jubelfeier, haben wir deren denn nicht genug? Und das alles um eines Buches willen? Was käme heraus, wenn wir jeder bedeutenden Schrift eine solche Ehre erweisen wollten? Und doch ist unsere Forderung durchaus berechtigt.' Es handelt sich hier nicht nur den Kultus eines einzelnen Menschen, die Erinnerung an seinen Geburts- oder Todestag. Dem ist allerdings das Judentum nicht sonderlich günstig gesinnt; läßt es doch die Person um so mehr zurücktreten, je hervorragender die Schöpfungen ihres Geistes sind. Diesen Schöpfungen aber will es die gerechte Anerkennung nicht vorenthalten, und haben sie noch dazu einen großen, weitreichenden Segen gestiftet, wie sollten wir uns da nicht gedrängt fühlen, unsere Liebe und Dankbarkeit ausdrücklich zu bekunden? Es gibt aber sicherlich keinen Eingeweihten, der den „Gottesdienstlichen Vorträgen" von Zunz um ihres Inhalts wie um ihrer Wirkung willen einen der ersten Plätze in der jüdischen Literatur verweigern wird. Schon unmittelbar nach seinem Erscheinen (1832) wirkte das Buch wie etwas Außergewöhnliches und Gewaltiges auf die Geister. Hoch schlugen die Wellen der Bewunderung, sein Verfasser ward sofort „als der . bedeutendste jüdische Gelehrte unserer Zeit" anerkannt (A. Geigers Schriften V. 81). Und diesen nachhaltigen Eindruck vermochten die verflossenen Jahrzehnte nicht aufzuheben. Gewiß haben Bacher, Weiß und andere manche Angaben jenes Werkes berichtigt und viele neue Beiträge zur Erhellung dieses Gebietes geliefert. Unbekannte Midraschim sind uns durch den Druck zugänglich geworden, und von den verbreiteten haben die bekanntesten. Uebersetzer ins Deutsche gefunden; die philologischkritische Forschung hat sich dieses Stoffes bemächtigt, und die Haggada der Tannai'ten und palästinensischen Amoräer eine treffliche wissensch.aftliche Bearbeitung gefunden., Trotz aller dieser Fortschritte sind die „Gottesdienstlichen Vorträge" noch heute nicht übertroffen; sind sie doch ein Grundwert, ein unentbehrliches Hilfsmittel für jeden geblieben, der sich nicht bloß aus diesem, bestimmten Felde genauer umsehen, sondern überhaupt in das Geistes- und Gemütsleben unserer Vorfahren tiefer eindringen will. Wir sehen da, wie das Gotteswort der Heiligen Schrift, in das liebende Herz Israels eingesenkt, eine Wunderbars Fruchtbarkeit entfaltet. Man begnügt sich nicht mit seiner Uebersetzung in die Landessprache (Targurn), sondern sucht seinen wirklichen oder vermeintlichen Inhalt aus verborgenen Tiefen ans Licht zu ziehen, indem man seine Worte und Gedanken erläutert (Derusch). Der Verstand bemächtigt sich seiner Gesetze, um sie zu zergliedern und aus ihnen neue Vorschriften zu entwickeln,/welche dem praktischen Leben feste Bahnen weisen (Halacha)- und das Gefühl ruft die Phantasie ' zu Hilfe, um die lichten und dunklen Gestalten der Vergangenheit mit einer Fülle von Sagen, Erzählungen, Gleichnissen zu umkränzen, in welche sinnvolle Sprichwörter und Lebensregeln eingesprengt sind (Haggada). Der jüdische Geist erscheint hier in lebhafter und bedeutender Tätigkeit, freiwillig vor der Königin Gotteslehre sich beugend. * Ihr Wille wird überall anerkannt, und doch ist ihr Regiment kein despotisches; unter ihrem Namen vollzieht sich vielmebr manch selbständige Gedankentat. Zunz zeigt uns schon in der Heiligen Schrift (Psalmen, Chronik) die ersten Spuren einer solchen Auslegung, wir sehen sie dann in der talmudischen Zeit gewaltig wachsen und sich ausbreiten und auch in der räbbinischen sich fortentwickeln. In den älteren Schriften und im Talmud, mit der Halacha brüderlich vereint, erscheint die Haggada später in eigenen Werken und Sammlungen, die sich teils eng au ihre biblische Mutter anschließen, teils den Festen und bevorzugten Sabbaten des Jahres folgen. Kein Wunder; ist sie doch ein Niederschlag der Predigt oder der erbaulichen Betrachtung, die in Israels Mitte seit uralter Zeit eine wichtige Rolle spielte und an Sabbaten und Festtagen wie bei gewissen freudigen und traurigen Ereignissen im Leben des einzelnen ihre Blüten entfaltete. In ihr strömt die jüdische Seele ihr tiefes, reiches Empfinden aus, ihren Stolz auf eine glänzende Vergangenheit und ihre Hoffnung auf eine große Zukunft, ihren Schmerz in einer leidvollen Gegenwart und ihren Trost unter den Fittichen des Allmächtigen, den Lohn derer, welche die göttlichen Gebote beobachten, und die Schmach ihrer Verächter, weise Lehren für die Wahrheitssuchenden und herzliche Ermahnungen für die Zweifler und Gleichgültigen, blühende Gleichnisse als Hilfsmittel zum Verständnis und zur Erhaltung der Aufmerksamkeit und tiefsinnige Betrachtungen über den Urgrund des Seienden, Welt und Gott. Darum wird auch die Erläuterung des Gotteswortes vor der Gemeinde als ein sehr verdienstliches Werk angesehen, dem sich schon früh hochangesehene Gelehrte, wie Schemaja und Abtaljon, unterzogen. Der Darschan, der Baal Haggada durfte sich als Nachfolger des Nabi, des alten Propheten,'betrachten. Im Mittelalter gewinnt die Haggada einen solchen Einfluß, daß sie eine Zeitlang sogar die Gebete, die Pijutim und Selichot, beherrscht. Als aber vom 13. Jahrhundert an das geistige Leben in Israels Gemeinden mehr und mehr seine blühende Frische einbüßt, werden auch die Predigten seltener und meist von scharfsinnigen, aber kleinlichen Spitzfindigkeiten oder von den wirren Träumen der Kabbala durchsetzt. Eine Ausnahme bilden allerdings im 16.—18. Jahrhundert die sephardischen und italienischen Juden, welche gute Kanzelredner auszuweisen haben. Eine Wandlung zum Besseren bringt erst die Einkehr in die allgemeine Kultur im 19. Jahrhundert. Der Geist jener Kultur muß fortan veredelnd auf den ganzen Gottesdienst der Synagoge wirken, indem dieser von dem Geist der Ordnung und Würde getragen sein, und sich zwar entschieden auf die Ueberlieferung stützen, aber vor Aenderungen nicht zurückschrecken soll, wo das Verständnis und die Weihe beeinträchtigt' werden. Wir haben mit diesen Ausführungen nicht beabsichtigt, den Inhalt der „Gottesdienstlichen Vorträge" wiederzugeben, denn das wäre bei einem so alten und bekannten Werke ebenso überflüssig, wie in diesen wenigen Sätzen unmöglich; wir . wollten nur seine Grundrichtung, seine allgemeine Stimmung

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