Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 30 (sequence 8)
- Language
- German
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30 Lriek aus Laudon. Bon Reverend Dr. Chotzner. einem vor einigen Wochen in diesen Blättern unter der Aufschrift „Der^Abfall" erschienenen Leitartikel wurde ein entschiedenes Mißtrauen gegen die Glaubhaftigkeit der Statistik ausgedrückt, die der Missionar I. de Le Roy in einer Schrift aufgestellt hat, die von ihm unter dem Titel „Judentaufen im neunzehnten Jahrhundert" veröffentlicht wurde. Dieses Mißtrauen wurde sicherlich seinerzeit von all den Lesern des fraglichen Leitartikels ebenfalls gehegt, die zuweilen Gelegenheit hatten, das dunkle Tun Und Treiben der Judenmissionäre im allgemeinen etwas näher zu beobachten. Das bekannte lateinische Sprichwort: kaeta loguentur (Taten sprechen) hat wohl da seine Geltung, wo gar. kein Zweifel hinsichtlich deren Richtigkeit herrscht, aber im besagten Falle dürfte wohl ein Fragezeichen recht gut am Platze sein. Natürlich möchte ich hier bloß von Großbritannien sprechen, wo laut Herrn Le Roys Angabe während des verflossenen Jahrhunderts 23 000 Judentaufen stattgefunden haben sollen.. Bedenkt man aber, daß vor dem Jahre 1880 die ganze Anzahl der in England wohnenden Juden sich auf etwa 80 000 bis 100000 Seelen belief, so ist es kaum glaublich, daß. die besagte, verhältnismäßig ungeheure Zahl von Judentaufen richtig sei. Denn welcher Jude denkt hier im freien England ans Taufen, wo er ohne dasselbe fast alle wichtigen Aemter im Staate bekleiden kann und darf, vorausgesetzt, daß er die dazu nötigen Fähigkeiten und Anlagen besitzt. Wer sich aber hierzulande fast ausschließlich tauft, das sind meist die nnliebsamen, vom Auslande hierher kommenden östlichen Schnorrer, die aus ihrer Tauferei nicht selten ein einträgliches Geschäft machen. Denn, nachdem sie sich in einer gewissen Stadt für Geld und gute Worte haben taufen lassen, tauchen sie später auf einem andern Platze wieder als Juden aus, uub zwar unter verschiedenen Namen, und empfangen daselbst die Taufe aufs neue, wofür sie wiederum eine größere oder kleinere Belohnung erhalten. Dieser Umstand ist es nun, der die Judenmissionäre, in England wenigstens, glauben macht, daß sie jährlich zahlreiche Judenseelen in ihr Netz gefangen hätten. Dies ist aber ihr Geschäft, und sie denken sich wohl: business is business, wobei ein bißchen mehr oder weniger Aufschneiderei die Interessen desselben öfter fördern hilft. - Die hiesigen jüdischen Blätter haben sich in jüngster Zeit mit der Besprechung eines hier entstandenen Problems beschäftigt, das in diesen Blättern erwähnt zu werden verdient. Bekanntlich hat in England seit einer langen Reihe von Jahren die Institution bestanden, derzufolge die gesamten jüdischen Gemeinden daselbst und deren religiöse Interessen unter der respektiven Leitung und Aufsicht eines periodisch zu wählenden Chief Rabbi stehen sollten. Die Aufgabe des letzteren war vor etwa einem Vierteljahrhundert 'noch einigermaßen erträglich, aber in neuester Zeit wurde sie höchst erschwert, wo eine enorme Anzahl von neu eingewanderten Juden sich im englischen Weltreiche mit ihren Familien niedergelassen haben. Nun ist glücklicherweise der jetzige Chief Rabbi, Dr. H. Adler, ein Mann von seltener Begabung und Energie, dessen Autorität in den höchsten jüdischen wie nichtjüdischen Kreisen im ganzen britischen Reiche gerne und in verdienter Weise anerkannt wird. Die Frage taucht aber auf: Wer wird einst das Amt eines englischen Chief Rabbi bekleiden, wenn dasselbe später vakant wird? Sind ja die Pflichten, die damit verbunden sind, schon jetzt schwer genug, und es ist leicht zu sehen, daß sie mit jedem neu kommenden Jahre sich noch viel umfangreicher entfalten müssen. Jedenfalls ist die Lösung des fraglichen Problems keineswegs leicht zu. nennen und kann auch nicht auf recht.lange verschoben werden. Wie in diesen Blättern bereits kurz angedeutet wurde,, wird, die „Jewish Quarterly Review“ nach einer zwanzigjährigen ruhmvollen Existenz nächstens (im Juli 1908) auf- , hören zu erscheinen. Diese kaum erwartete Nachricht hat natürlich . in verschiedenen Gelehrtenkreisen aufrichtiges Bedauern verursacht, denn die fragliche Review hatte manche Vorteile aufzuweisen, die ähnlichen jüdischen Zeitschriften in der Regel abgehen. Sie war, man möchte sagen — inter alia —^ ein literarisches render-vous, wo jüdische und christliche Gelehrte in harmonischer Weise einen Austausch ihrer Ideen haben konnten, . ohne dabei in eine ernste Kollision zu geraten. Die Editoren der Review, die Herren I. Abrahams und C. -G. Montefiore, werden sicherlich ihre Genugtuung in dem angenehmen Bewußtsein finden, daß sie während einer langen Periode direkt und indirekt die höheren Interessen des Judentums in anerkennender Weise gefördert haben. Zu bemerken wäre noch, daß die. weitere Existenz der Review nicht vollständig aufhören wird, da die Editoren die Absicht haben, weitere Nummern derselben zu unbestimmten Zeiten erscheinen zu lassen. — In letzterer Zeit sind hier verschiedene von nichtjüdischen Autoren verfaßte Schriften erschienen, die teils die jüdische Religion und teils auch die jüdische Literatur des Altertums zum Gegenstände haben. Darunter ist ein Buch besonders erwähnenswert, das einen. bekannten englischen Gelehrten, Dr. Courtney, zum Verfasser hat, und worin von der Position der hebräischen Bibel gesprochen wird, die sie von jeher in den verschiedenen Literaturen der Welt eingenommen hat und noch jetzt einnimmt. Dieser Umstand ist insofern, bemerkenswert, als in den zahlreichen Schriften, die hier jahraus jahrein erscheinen, worin das Alte Testament behandelt wird, letzteres meistens vom Standpunkte seines hohen religiöse;: und ethischen Werts beurteilt wird. Dr. Courtney wendet aber in dieser Schrift seine Aufmerksamkeit hauptsächlich dem literarischen Gehalte desselben zu, und zitiert darin eine große Anzahl von Beispielen, die -er als Muster von poetischem Stile hinstellt. — Professor Marks, der erste Prediger der hiesigen reformierten Gemeinde, hat jüngst in voller Geistesfrische seinen 97. Geburtstag gefeiert. Sein früherer Kollege im Amte, Dr. Albert Löwy, ist jetzt im einundneunzigsten Lebensjahre, und ist ebenfalls noch geistessrisch. — . In Oxford ist jetzt ein junger Mann aus Rußland als Gemeinde-Schochet tätig, der infolge seiner großen literarischen ' Begabung von der dortigen Universität mit einer hohen akademischen Würde beehrt worden ist. Sein Name ist Mr. S eg all. — Ein zweites Kuriosum bietet ein Glaubensgenosse hier, dessen Name Mr. Lyons ist. Derselbe ist Direktor einer hiesigen Gesellschaft, die billige Speisehäuser ins Leben gerufen hat, ist aber zugleich auch — mirabile dictu — . ein anerkannter Kunstmaler und Verfasser von verschiedenen lesenswerten Büchern. Line Lrinnerung. Von Dr. S. Grzymisch. or wenigen Wochen hatte die Lehranstalt für die Wissenschaft des, Judentums ihren großen Tag: sie feierte den Einzug in ihr neues Heim. Fern und nah hatten von ihrer Teilnahme und Verehrung für sie Zeugnis abgelegt; von allen Seiten waren Gäste herbeigeströmt, um der alma mater in.