Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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welchen dem Repräsentanten-Kollegium -bei den. Wahlen zum Schulvorstand ein größerer Einfluß als bisher eingeräumt werde. Die Versammlung nahm einen dringlichen Antrag des Gemeindevorstandes an, wonach die -jährliche Subvention, für die Talmud-Thora-Schule um 10000 Mark erhöht wird. Der Hauptgegenstand der diesmaligen Sitzung bildete die Beratung des Gemeindebudgets für das Jahr 1908. Unter den Ausgaben figuriert in erster Linie das Armenwesen, das einen Jahresaufwand von 65000 Mark erfordert, während für das Schulwesen 60400 Mark vorgesehen sind. Bezüglich des Voranschlages für das Jahr 1908, welcher mit einem Fehlbetrag von fast 31000 Mark schließt, wurde bemerkt, daß sich nach den Erfahrungen früherer Jahre das Defizit fast immer in einen Ueberschuß verwandele, was wohl auch diesmal der Fall sein-werde. Auf Antrag des Herrn H. Bachrach wurde eine fünfgliedrige Kommission eingesetzt zur Beratung der Mittel und Wege zur Hebung der Gemeindefinanzen. Ferner wurde bei der Position „Begräbniswesen" der folgende Antrag des Herrn Alex Levh: „Das Repräsentantenkollegium vermißt» die Ausübung der Tätigkeit der in den §§ 58 und 60 des Gemeindestatuts festgesetzten Kommission für das Begräbniswesen und erwartet die unverzügliche Erneuerung dieser Kommission", angenommen. e. Frankfurt a. M., 7. Januar. Die Regierung fordert für dcis Kaiser Friedrich-Gymnasium die Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts für die jüdischen Besucher. Seither war der jüdische Religionsunterricht an dieser staatlichen Anstalt nur fakultativ. Der Ausschuß der israelitischen Gemeinde, der sich gestern abend mit der Angelegenheit befaßte, genehmigte die Lehrkräfte. Die Kosten werden zu gleichen Teilen vom Gymnasium und von der Gemeinde bestritten. . Gesterveich-Nngsru. A Wien, 6. Januar. Die ch ristlich-s oziale Rassenpolitik, die jetzt hier am Ruder ist, hat in der Weihnachtsnummer der „Neuen Freien Presse" von den größten Autoritäten Deutschlands eine scharfe Verurteilung erfahren. Namentlich interessant waren die Artikel von Professor Harnack und —Professor Schweninger. — Eine hübsche Illustration zu dem Thema liefert folgender Vorgang: Im September vorigen Jahres desertierte der Proviant-Offiziersstellvertreter Leopold Goldschmidt und am letzten Samstag verübte derselbe einen überaus verwegenen Kasseneinbruch ä la Köpenick. Goldschmidt ist nun rassenreiner Arier, aber das „Deutsche Volksblatt" wußte es schon am selben Tage, daß Leopold Goldschmidt ein ..jüdischer" Gauner sei und wußte den Fall folgendermaßen zu glossieren: „.Es ist das neuerlich ein Beweis dafür, wie berechtigt die Stellungnahme des Militärs gegen das Judentum ist. Ter Jude scheut zwar den Waffendienst, drängt sich aber mit Vorliebe in die militärische Aerzteschaft, das Verpflegswesen und die Rechnungsbranche ein; mit welchem Erfolge, zeigt der gestrige Fall." In den Adern Eoldschmidts fließt unverfälscht arisches Blut und nach dem Gesetze der Rassenpolitik mag nun jeder selbst beurteilen, welcher Richtung der Mann parteipolitisch nahe steht. — In Prag ist der Professor für Chemie am Polytechnikum Dr. Otto Gras im 44. Lebensjahre gestorben. — In Budapest feierte der Dichter Josef Kiß in der vorigen Woche seinen Ehrentag als der größte lebende Dichter Ungarns. Aus allen Richtungen des Landes wurden dem greisen Dichter die größten Ehren zuteil. Eine Unmasse silberner Lorbeerkränze wurden dem Verfasser der „Judith-Simon", des „Jehovah" und anderer, auch in fremde Sprachen übersetzter epischer und lyrischer Gedichte überreicht. — In Budapest fand am 23. und 24 v. M. im Sitzungssaale der jüdischen Gemeinde die erste Ausschußsitzung des ungarischen Landes-Rabbinervereins statt, an der achtzehn Rabbiner und das Professorenkollegium der Landes-Rabbinerschule teilnahmen. Der Vorsitzende Dr. Eduard Neumann (Nagh Kanizsa) wies in seiner Eröffnungsrede auf die wichtigen Aufgaben des Vereins hin und skizzierte die der Lösung harrenden bedeutsamen Fragen. Im Verlaufe der Sitzung, die am 24. von Dr. Julius Fischer (Budapest) geleitet wurde, kamen zahlreiche religiöse und konfessionell-politische Angelegenheiten zur Beratung. Es wurde die Einheit der jüdischen Glaubensgenossenschaft in Ungarn ausgesprochen, über den Gesetze ärtikel vom Jahre 1848, die Gründung eines Pensionsinstituts, die Seelsorge der eines Rabbiners entbehrenden Gemeinden und der jüdischen Soldaten usw. verhandelt, die sofortige Inangriffnahme der Vorarbeiten des zu errichtenden Pensionsinftituts, sowie die Gründung einer zuvörderst den Interessen des Rabbinerstandes gewidmeten Monatsschrift beschlossen, zu deren Redakteur auf Antrag des Seminarrektors Professor Dr. W. Bacher Dr. Neumann gewählt wurde. Sämtliche Beschlüsse wurden nach sehr angeregter Beratung einstimmig gefaßt und werden behufs Durchführung derselben die Landeskanzlei der ungarischen Israeliten sowie die zuständigen Ministerien angegangen werden. Holland. — Amsterdam, 1. Januar. Die Nachricht von dem Hinscheiden des berühmten Juristen A. A. de Pinto im Haag haben sie bereits gebracht. Mit ihm ist einer unserer angesehensten Männer dahingegangen. Die letzten Jahre seines Lebens war er Vizepräsident des höchsten holländischen Gerichtshofes (Hooge Raad). Am 27. Oktober 1828 im Haag geboren, promovierte er mit 24 Jahren an der - Leidener Universität zum Doktor juris. Kurze Zeit war er als Advokat im Haag tätig und wurde dann im Jahre 1862 als Chef . der Abteilung für Gesetzentwürfe in das Justizministerium berufen. Zu den wichtigsten Entwürfen, die durch seine Initiative in Bearbeitung genommen wurden, gehört das spätere Gesetz vom 17, September 1890 über die Abschaffung der Todesstrafe in Holland. De Pinto war auch eifriges Mitglied und Schriftführer der Kommission zur Ausarbeitung des holländischen Strafgesetzbuches, das . 1886 eingeführt wurde. Das ihm mehrmals angebotene Portefeuille als Juftizminister hat er stets abgelehnt. Im Jahre 1876 wurde er Mitglied des Hohen Rates, 1877 der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Seine Publikationen auf juristischem Gebiete sind sehr zahlreich. Aber nicht nur auf juristischem Gebiete hat de Pinto sich ausgezeichnet; auch als Mitglied der jüdischen (portugiesischen) Gemeinde im Haag verdient er Anerkennung. Im Vorstände zahlreicher jüdischer Vereine hat er viel zum Wöhle der Juden gearbeitet. Von der Liebe zu diesem Volke zeugte noch vor einigen Monaten die treffliche Rede, die er als Vorsitzender des Ehrenkomitees zum Empfang des achten Zionistenkongresses im Haag gehalten hat. Auf Wunsch des Entschlafenen war die Beerdigung so einfach wie möglich. Aber die zahlreichen Freunde de Pintos ließen es sich nicht nehmen, ihm an seinem Grabe auf dem jüdischen Friedhof der portugiesischen Gemeinde die letzte Ehre zu erweisen. Unter den Anwesenden waren auch der Juftizminister van Ralte und Staatsrat Professor Oppenheim. Jede Rede hatte sich der Verstorbene verbeten. So war es eine stille Feier, würdig des großen Toten! Von Sah und Sern. — Der Geheime Justizrat Cassel ist zum Stadtverordnetenvorsteher-Stellvertreter gewählt worden. — Die jüngst verstorbenen Professoren Lassar und Hoffa gehörten nicht mehr dem Judentum an. Trotzdem bringen orthodoxe Blätter Nekrologe. — Professor Max Liebermann hat das Ritterkreuz des belgischen Leopoldordens erhalten. — In Breslau wurde der Geheime Justizrat Dr. Freund zum 22. Male zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung wiedergewählt. Die Wahl erfolgte einstimmig. — Dem Privatdozenten Dr. Georg Gottstein, Primärarzt der chirurgischen Abteilung des Israelitischen Krankenhauses in Breslau, ist der Professortitel verliehen worden. - Dem frühern Privatdozenten für Gynäkologie in der medizinischen Fakultät Professor Dr. Ernst Fränkel, Stadtrat in Breslau, ist der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen worden. — In Kettwig feierte die israelitische Gemeinde das hundertjährige Bestehen ihrer Synagoge. — Zum erstenmal wurden Juden in Bayern zu königlichen Kreisoberrealschulprofessoren befördert. Es sind dies die Professoren und Reallehrer David Heinemaun in Ludwigshafen, Sigwart Ruppel in Kaiserslautern. Ludwig Mosbach er in Nürnberg und Dr. Artur Ludwig Stiefe l in München. — Professor Dr. Isaak Bacharach wurde zum königlich bayrischen Professor am königlichen Technikum zu N ü rn b erg befördert. — Die Großherzogin-Mutter von Baden empfing im Schlosse zu Karlsruhe den bekannten New Aorker Millionär