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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · page 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. 2. Berlin, 10. Januar 1908. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums". kllrrrlpvndkn?rn und Kschrichten. Deutschland. S. Berlin, 2. Januar. In der Aula der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, die der Vorstand mit dankenswertem Entgegenkommen wieder zur Verfügung gestellt hatte, tagte am 23. v. Mdie Generalversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Der Vorsitzende, Professor Dr. Philippson, konstatierte bei Beginn der Versammlung an der Hand des Jahresberichts das äußere und innere' Erstarken der Gesellschaft, wie es in der stets wachsenden Zahl der Mitglieder sowie in den verdienstvollen Publikationen der Gesellschaft zum Ausdruck kommt, betonte aber auch die Notwendigkeit der Beschaffung weiterer Hilfsmittel, wenn die Gesellschaft ihren eigentlichen Aufgaben, der Förderung wissenschaftlicher Arbeiten auf dem Gebiete jüdischer Forschung, gerecht werden solle. Die Versammlung erteilte sodann dem aus seinem Amte scheidenden Schatzmeister Herrn I. Landsberger-Glogau, zu dessen Ehren sie sich von ihren Sitzen erhob, die beantragte Decharge, wählte den bisherigen Ausschuß wieder, zum Schatzmeister Herrn Paul Veit-Simon hier, und die Herren Dr. Max Ginsberg und Max Beer zu Revisoren. In dem nun folgenden Vortrag entwickelte Herr Rabbiner Tr. Porges ein äußerst interessantes Bild des nordfranzösischen Bibelexegeten Joseph Bechor Schor, den er einen der selbständigsten und scharfsinnigsten Bibelerklärer nannte. Er war grundsätzlicher Vertreter des einfachen Wortsinnes und verfolgte mit seinem Kommentar vorwiegend praktische Zwecke. So wurde er ein Meister jüdischer Apologetik und Polemik. Aber als gelehriger Schüler der Tosafisten trug er in dem unbegrenzten Bestreben, Widersprüche zwischen den einzelnen Bibelstellen auszugleichen, den Keim des Verfalls in die französische Bibelexegese. Hervorzuheben ist bei Josef Beschor Schor sein überraschender Freisinn, der offenbar. aus seinem Bestreben, Glauben und Denken zu vereinen, hervorgeht. Indem der Vortragende zum Schluß nochmals auf die Bedeutung des Exegeten als Apologeten des Judentums hinwies, der eine Auseinandersetzung mit der christlichen Bibelauslegung nicht gescheut, vielmehr für seine Pflicht gehalten habe, zeigte er die Aufgaben, welche dem modernen Judentum erwachsen und zu deren Lösung in erster Linie die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums berufen sei: auf wissenschaftlicher Grundlage eine wirksame, zeitgemäße Apologetik zu schaffen und zu den Resultaten der modernen Bibelforschung Stellung zu nehmen. Vielseitiger, sich stets wiederholender Beifall belohnte den Redner. Der nun folgendeVortrag des Herrn Dr. Jul. Guttmann-Breslau ging aus von einer Schilderung der persönlichen Beziehungen Kants zu jüdischen Kreisen und des starken Einflusses, den seine Philosophie auf das gebildete Judentum seiner Zeit ausübte. Dieser Einfluß ist darum von hoher geschichtlicher Bedeutung, weil er in die Zeit fällt, in der sich das moderne Judentum bildet und weil er so die religiöse Entwicklung des modernen Judentums wesentlich bestinnnt hat. Wenn Kant selbst dem Judentum in religiöser Beziehung ohne innere Teilnahme, ja selbst scharf ablehnend gegenüberstand, so gibt sein Urteil über das Judentum im wesentlichen die' in letzter Linie auf Spinoza zurückgehende Anschauung der damaligen Zeitliteratur wieder, der er sich allerdings um so bereitwilliger angeschlossen hat. weil sie es ihm ermöglichte, alles was der von ihm angestrebten idealisierenden Umdeutung des Christentums widerstrebte, als Beisatz jüdischer Geister zu beseitigen. Nur so erklärt es sich, daß ihm selbst seine tiefe innere Gemeinschaft mit den Grundideen des Judentums entgehen konnte. Diese Gemeinschaft wurzelt in der gleichen Grundauffassung von dem Verhältnis des Menschen zum Sittengesetz und geht folgerichtig durch die gesamte Auffassung der sittlichen Per-: sönlichkeit und ihrer Beziehung zur sittlichen Gemeinschaft, wie sie sich in dem Nniversalismus des Judentums und dem sozialen Geist feiner Sittlichkeit bekundet, hindurch. Die Gleichheit der sittlichen Denkweise setzt sich auch in die eigentlich religiöse Ideenwelt hinein fort, die bei Kant wie im Judentum eben entscheidend von dem Problem der Sittlichkeit her bestimmt wird. In der religiösen Wertung des Individuums und der religiösen Betrachtungsweise der Geschichte treffen beide in dem Typus der Religiosität zusammen, dem die religiöse Entwicklung des modernen Geistes mehr und mehr zustrebt. Auch dieser Vortrag fand allseitig den lebhaftesten, wohlverdienten Beifall. — Der Generalversammlung war vormittags eine Ausschußsitzung vorausgegangen, in der hauptsächlich über das Corpus Tannaiticum und die Germania Judaica beraten wurde. Beide wissenschaftlichen Unternehmungen nehmen erfreulichen Fortgang. Mit großem Beifall nahm die Versammlung die Mitteilung entgegen, -daß. der erste Band des Maimonideswerkes vorliegt und in wenigen Tagen auf dem Büchermarkt erscheinen wird. Aus dem Jahresbericht ist noch hervorzuheben, daß der erste Band der gesammelten Schriften David Kaufmanns fertig gestellt ist und den Mitgliedern der Gesellschaft kostenlos 'zugesandt wird. L2 Berlin, 6. Januar. In der vorigen Woche brachte ein hiesiges Blatt die folgende Nachricht aus der jüdischen Gemeinde: „Von den liberalen Vertretern der jüdischen Gemeinde zu Berlin ist der Repräsentanz ein Antrag zugegangen, die Thoravorlesung an Sonn- und Feiertagen fortan nur in deutscher Sprache vornehmen zu lassen. Der Zentralvcrein beabsichtigt, gegen diesen Antrag in einer Protestversammlung Stellung zu nehmen." Diese Nachricht ist falsch. Der Sachverhalt ist vielmehr folgender: Ein liberaler Repräsentant, Herr Professor Blaschke, hat den Antrag eingebracht, daß der Vorstand und die Repräsentanten-Versammlung in einer gemischten Kommission unter Zuziehung von Fachmännern darüber beraten möge, wie „einem großen Teile der Synagogenbesucher der Inhalt der an den Sabbaten aus der Thora vorgelesenen Abschnitte in deutscher Sprache vorgetragen werden könnte". .D. h. also nach der hebräischen Vorlesung der Thora eine deutsche Version. Dagegen kann selbst der orthodoxeste Orthodoxeste nichts einwenden. Und wir hoffen deshalb, daß die zweite Nachricht von der Berufung einer Protestversammlung durch den Zentralverein ebenfalls falsch ist. Andernfalls würden wir den Herren den Rat geben, sich vorher über die alte Institution des Meturgeman unterrichten zu lassen, der den Inhalt der Thoravorlesung an jedem Sabbat in der Landessprache wiederzugeben die Aufgabe hatte.- s. Berlin, 3. Januar. Wie wir bereits gemeldet, fand am 26. v. Mts. hier die Hauptversammlung der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" gewissermaßen als ein Gegenstück zum Frankfurter Judentag statt. Der erste Vorsitzende der Freien Vereinigung, Rabbiner Dr. Breuer- Frankfurt a. M., eröffnete die Hauptversammlung und hob hervor, daß es in den Reihen des orthodoxen Judentums keinen Zwiespalt gebe. Allerdings fügte er hinzu, „daß diese Orthodoxen nur in einem Punkte, in einem Punkte taktisch-politischer Natur, der, wie zugestanden werden muß, allerdings von einschneidender prinzipieller Bedeutung ist, nicht der gleichen Anschauung sind", d. h. in bezug auf das Zusammengehen mit den Liberalen in Gemeinde-Angelegenheiten. Nachdem sodann die Versammlung die Grüße einer großen Zahl jüdischer Vereinigungen entgegengenommen hatte, erstattete Kaufmann R o s e n h e i m-Frankfurt a. M. den Tätigkeitsbericht; Dozent Dr. I. W o h l g e m u t-Berlin sprach über das Wesen des gesetzestreuen Judentums, Provinzial-Rabbiner Dr. S. Barnberger- Hanau über Gebetbuch und Tradition (an dem Gebetbuch dürfe keinerlei Aenderung vorgenommen . werden!), Kaufmann Moritz A. L o eb-Frankfurt a M. über Gegenwartsaufgaben der-gesetzestreuen Judenheit. Es fand sodann ein gemeinsames Essen im Künstlerhause statt, bei dem an den Kaiser folgendes Huldigungstelegramm abgesandt würde: „Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät, dem Schirmherrn und verständnisvollen Förderer alles wahrhaft religiösen

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