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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
Seite 24 (sequence 14)
Language
German
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„Nun suche die Tür zum geheimen Zimmer", sagte Jsenstein lächelnd zu Daniel. . Daniel beklopfte Leide Endwände des Ganges, und da er keine hohlklingende Stelle fand, bemerkte er seinem Herrn, der Eingang müsse im Wandschrank sein. Ohne ein Wort zu sagen, schloß Jsensiein den Wandschrank aus, nahm die Konserven heraus und entfernte die Querbretter. Daniel beklopfte die Rückwand und die Seitenbretter des-Wandschranks, fand aber auch da keine Stelle, die durch hohlen Klang auf ein dahinterliegendes Zimmer schließen ließ. „Ich finde den Eingang nicht," sagte Daniel, „wenn Sie mir ihn zeigen wollen, ist es gut, mein Suchen ist vergebens." „Wohl," sagte Jsensiein selbstzufrieden, „auch die Zollbeamten haben den Wandschrank schon alle ausgeleert und abgekkopft und haben nichts gesunden, und doch liegt im Wandschrank der Eingang." Ein Druck Jsensteins an einer gewissen Stelle genügte, und die rechte Seitenwand bewegte sich und öffnete den Eintritt in ein einfenstriges Zimmer, das mit geschmuggelten Waren angefüllt war und zwar nur mit solchen, bei denen der Zoll besonders hoch war. Daniel erkannte sofort, wodurch ein hohles Klingen der Tür verhindert war. An der Tür waren von innen kastenartige Holzrahmen angebracht, die mit Steinen ausgemauert waren, so daß die Tür eine bewegliche -Steinwand darstellte. „Nimm einen. Sack Kaffee und trage ihn in den Laden." Daniel folgte schweigend und ging dann ruhig und nachdenklich auf sein Zimmer. Am andern Morgen, gleich nach dem Frühstück, als die Tochter in die Schule gegangen und die Frau in der Küche beschäftigt war, trat Daniel in das Wohnzimmer, wo Jsenstein mit Ordnen von Papieren beschäftigt war, und sagte, an der Tür stehenbleibend: „Herr Jsensiein, wenn mein Monat aus ist, gehe ich." „Warum?" fragte Jsensiein, ihn erstaunt ansehend. „Das Zimmer oben gefällt mir nicht." „Schuft, Du willst mich verraten." „Ich werde Sie nicht verraten; aber ich will mit der Schmuggelei nichts zu tun haben." „Ich. Hab' Dir nicht zugemutet, daß Du schmuggeln sollst." „Ich will auch von der Hehlerei nichts wissen." „Was ist für ein Unrecht dabei?" „Würden Sie Ihrem Nachbar seinen Geldbeutel nehmen?" „Dummheit, bin ich ein Dieb?" „Geschmuggelt ist auch gestohlen." „So, wem üt' ich denn ein Unrecht damit? Die armen Leute verdienen sogar schönes Geld bei mir." „Unrecht tun Sie dem Staat." „Warum verlangt der Staat so viel, daß man nicht bestehen kann, wenn man den Zoll zahlt?" „Man kann bestehen mit weniger Verdienst, wenn man .inehr verkauft." „Das möcht ich wissen, wie ich mehr verkaufen soll." „Ich will's Ihnen sagen, wenn Sie mich anhören wollen." „Nun sag'." „Ich will für Sie mit dem Reff auf die Dörfer der Umgegend gehen, vier bis fünf Stunden weit, und Sie werden sehen, ich verkaufe so viel, daß Sie nicht weniger verdienen." „Ich will mir's überlegen." . „Aber Bedingung ist, daß keine geschmuggelte Ware mehr ins-Haus kommt und ich Ihnen eine sichtbare Tür in das geheime Zimmer machen darf." Daniel ging ruhig an die Arbeit und Jsenstein ging mehrere Tage gesenkten Hauptes nachdenklich im Hause herum. Nach drei Tagen rief Jsenstein Daniel ins Zimmer und teilte ihm kurz mit, er möge eine Tür machen, und sobald sie fertig sei, wollten sie in einer Nacht vom Gange aus die Tür in das Zimmer machen. Das geschah, und auch ein Reff wurde gekauft, das Daniel mit Ellen- und Kurzwaren belud, um auf den Hausierhandel zu gehen. Er hatte einen Erfolg, der alle Erwartung überstieg. Er ward durch sein reelles Wesen bald in der ganzen Umgegend so beliebt, daß der Warenhandel Jsensteins einen raschen Aufschwung nahm. Daniels Lohn stieg von einem Taler auf fünf Taler monatlich und außerdem erhielt er einen Prozentsatz von dem, was er verkaufte, so daß er im Laufe der Jahre ein nettes Sümmchen auf der Sparkasse des nahen Kreisstädtchens stehen hatte. Der Unterricht Rechas war inzwischen fortgesetzt worden, und da auch Recha in den sechs Jahren, die Daniel schon in Jsensteins Haus war, zu einer jungen Dame herangewachsen war und ihr Geist durch Lesen sich ausgebildet hatte, waren die Samstage und Sonntagnachmittage nach und nach aus Unterrichtsstunden zu Leseübungen geworden, in denen die jungen Leutchen ihren Geist gemeinschaftlich ausbildeten. Sie hatten sich nach und nach gewöhnt, sich wie Geschwister zu betrachten. Da wurde ihnen eines Tages wie durch einen grellen Blitzstrahl ihr Verhältnis in anderer Beleuchtung gezeigt, als Daniel eines Samstags nachmittags wie gewöhnlich mit Recha durch die Felder spazieren ging; denn plötzlich trieb es ihn mit unwiderstehlicher Macht, Recha zu umarmen und auf den Mund zu küssen. Glühende Röte überzog ihr Gesicht, und sich befreiend, sagte sie: „Ich werde jetzt nie mehr mit Dir spazieren gehen? Beschämt bat er um Vergebung und ging schweigend neben ihr her nach Hause. Er tat die ganze Nacht kein Auge zu, weil er sich Vorwürfe machte darüber, daß er das ihm bewiesene Vertrauen durch sein Benehmen verscherzt hatte. Am andern Morgen bat er Jsenstein um seine sofortige Entlassung, und als dieser nach dem Grunde fragte, gestand er offen und ehrlich sein Unrecht ein. Jsenstein machte ein bedenkliches Gesicht und sagte: „Wenigstens erkenne ich es an, daß Du mir ohne Rückhalt Dein Unrecht gestanden hast. Geh an Deine Arbeit, die Sache muß ich erst mit meiner Frau besprechen." Nach einigen Tagen ließ ihn - Jsenstein in das Zimmer rufen, und zum erstenmal sagte er ihm, anstatt kurz eine Arbeit aufzutragen: „Setz Dich, ich habe eine ernste Sache mit Dir zu besprechen. Ich möchte Dich, offen gesagt, nicht gern verlieren, ich habe Dich in den sechs Jahren kennen und schätzen gelernt. Da ich nur ein Kind habe, würde ich Dir in einigen Jahren meine Tochter zur Frau geben und Dich ins Geschäft einsetzen." „Herr Jsenstein . . .", begann Daniel gerührt. „Daniel sei ruhig, es kann keine Rede davon sein, daß jetzt schon eine Verlobung stattfindet, erst mußt Du Deinen Schutz haben, daß Du auch heiraten kannst. Ich werde sehen, wie ich Dir zum Schutzbrief verhelfe, aber Du mußt mir die Hand darauf geben, daß Du vorher Recha nicht wieder küssest und ihr nie vom Heiraten sprichst. Unter dieser Bedingung soll Dir vergessen sein, was Du getan hast." Daniel drückte mit Tränen im Auge seinem Herrn die Hand, ging dann wie früher mutig an die Arbeit und nahm sich, wenn möglich, noch mehr als früher des Geschäfts an. (Säsich folgt) Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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