Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- Seite 23 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228801--64118-3276167- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
WMWM'i an Dcivid Kaufmann trug er „Ein Genizah-Fragment" bei und entschuldigte sich mit den Worten: „In the present cpndition of my eye sight, it is impossible for me to add any comment to the text given here." Das war die letzte Veröffentlichung Adolf Neubauers. Nach seinem Rücktritte vom Amte (1899) blieb er nur noch kurze Zeit in Oxford wohnhaft. Es zeigte sich die Notwendigkeit, daß den Hinsiechenden treue Obhut umgebe. Diese fand er in Wien, im Hause seines Neffen, der dort als Professor an der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt wirkte. Es ist ein trostreicher Gedanke, daß ihm, der Zeit seines Lebens den eigenen Familienherd entbehrt hatte, nun die Wohltat eines wirklichen Heims zuteil wurde, in dem eine zarte Frauenhand liebevoll waltete und eine muntere Kinderschar den Lebensabend des Greises erheiterte. So tröstlich dieser Abschluß feines Lebens war, so tragisch ist es, daß er des traulichen Heims nicht lange froh werden konnte. Seine intellektuellen Kräfte nahmen allmählich ab, und es kam die Zeit, wo dieser einst so ungemein regsame Geist die Teilnahme an allen früheren Gegenständen seines Interesses verlor, aber auch die Fähigkeit, seine Teilnahme zu bekunden. So lebte er Jahre hindurch als Gegenstand sorgsamer Pflege und tiefen Mitleides. Die Festschrift, die zu seinem siebzigsten Geburtstage (1902) geplant und zum Teil auch vorbereitet war, kam nicht zustande. Nur ich konnte nicht umhin, ihm im darauffolgenden Jahre ein Werk zu widmen, das die von ihm vor längerer Zeit zur Edition angefertigte Abschrift des Wörterbuches von Tauehum Jeruschalmi zur Grundlage hatte. Dem Vielgereisten war noch eine einzige Reise Vorbehalten. Professor Büchler wurde an das Jews’ College in London berufen (Sommer 1906); und so geschah es, daß Neubauer sein Leben dort beendete, wo er über drei Jahrzehnte gelebt und den größten Teil seiner Lebensarbeit geschafft hatte. „Seit dem 1. November" — so lautet eine Mitteilung Professor Büchlers — „hat er das Bett nicht mehr verlassen, und wir waren Zeugen seines traurigen Dahinfiechens auf dem Krankenlager. Der Tod kam plötzlich und erlöste ihn ohne jeden Kamps." Adolf Neubauer starb am 6. April 1907, uud am 8. April geleitete ihn eine kleine Anzahl von Freunden auf den Willesdener Friedhof, zu seiner letzten Ruhestätte. fSSS Der Schutz. Von Dr. S. Luß-Mannheim. II. Ä^aniel war etwa ein halbes Jahr im Hause Jsensteins, als er mit seinem Herrn einen Gang nach einem benachbarten Gute machte, wohin er die Waren zu schleppen hatte, die Jsenstein abliefern wollte. Plötzlich begann Jsenstein: „Daniel, Du bist jetzt so lange bei mir, daß ich Dich genügend kennen gelernt habe und ich möchte Dich jetzt in etwas einweihen, was ich Dir bisher nicht gesagt habe; doch mußt Du mir schwören, das Du das, was ich sage, für immer geheim halten willst." „Wenn Sie mir es nicht so sagen wollen, dann ist es besser,' Sie lassen es, ich schwöre nicht." »Ich gebe mich ganz in Deine Hand, wenn ich es Dir sage." „Wenn Sie mir ohne Eid nicht trauen wollen, dann ist es besser. Sie sagen es mir nicht." „Kann ich mich aber auch auf Deine Verschwiegenheit verlassen?" „Ich glaube, das müßten Sie wissen." „Nun, ich will Dir vertrauen. Es wundert mich nur, daß es Dir noch nie ausgefallen ist, daß immer Kaffee uud Gewürz und vieles andere im Laden ist, was Du noch nicht aus dem Magazin geholt hast." „Das ist mir schon lange ausgefallen, aber was man mir nicht sagt, geht mich nichts an." „Weißt Du, wo der Kaffee ist?" „Nein, ich kann es mir auch nicht denken. Im Magazin habe ich noch keinen gesehen." „Nun, und oben?" „Oben war ich schon in allen Zimmern, sowohl in den drei nach vorn, als in den nach dem Hofe zu gelegenen und auch auf dem Speicher." „Und hast Du nie die Kaffeesäcke gesehen?" fragte Jsenstein verschmitzt lächelnd. „Nein, es sind auch keine da, ich kenne jede Ecke." „Nun, dann bist Du auch nicht gescheiter als die Zollbeamten." „Wie meinen Sie das?" „Nun, die Zollbeamten waren schon oft da und haben nach geschmuggeltem Kaffee gesucht und haben keinen gefunden." „Haben Sie geschmuggelten Kaffee im Hause?" »Ja." Damit brach das Gespräch ab Und sie gingen eine Zeit laug schweigend nebeneinander her. „Hast Du schon einmal die Fenster im Haufe gezählt?" nahm Jsenstein das Gespräch wieder auf. „Nein." „Nun, darin liegt das ganze Geheimnis, was außer mir und meiner Frau keiner weiß. Du siehst, welches Vertrauen ich Dir schenke, daß ich Dir das sage." „Ich verstehe Sie nicht." „Zähle einmal die Fenster in der Front, dann wirst Du sehen, es sind sieben." „Nun?" „Nun, dann zähle einmal die Fenster in den Zimmern oben, es sind drei Zimmer, und in jedem sind zwei Fenster, das sind zusammen sechs." „Ah," sagte Daniel, und sah seinen Herrn erstaunt an. „Versiehst Du nicht?" sagte Jsenstein, „es ist also noch ein geheimes Zimmer da, dessen Eingang niemand findet; aber bis jetzt sind die Zollbeamten bei ihrem Suchen noch nicht aus die Idee gekommen, die Fenster zu zählen, sollst müßten sie es finden. Heute abend werde ich Dir es zeigen." Am Abend winkte Jsenstein, nachdem Frau und Tochter zur Ruhe gegangen, Daniel mit den Augen zu und führte ihn eine Treppe hoch auf den Gang, der quer durchs Haus lief. Man sah eine Tür links der Treppe, die in das nach dem Hofe gelegene Zimmer führte, und eine rechts der Treppe, welche die nach dem Speicher führende Treppe abschloß. Auf der anderen Seite sah man drei Türen, welche in die drei nach der Straße zu gelegenen Zimmer führten, und in der äußersten Ecke dem Speichereingang gegenüber die^Türe eines Ziesen Wandschranks, worin die Konserven des Haushalts aufbewahrt wurden.