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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
Seite 22 (sequence 12)
Language
German
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- 22 - schriften — auch neue Quellen zur jüdischen Geschichte, so besonders die wichtige Chronik des Joseph Sanbari. Ein zweiter Band folgte 1895; er bringt außer dem Leder Olam besonders die ausführliche Erzählung des pseudomesfianischen Abenteurers David Reubeni über seine eigenen Erlebnisse, sowie die merkwürdige Chronik des Achimaaz. Nach den genannten großen Arbeiten begann Neubauer die Folgen seiner angestrengten unablässigen Tätigkeit in seinem körperlichen Befinden wahrzunehmen. Im Oktober 1887 schrieb er mir: „Nun ziehe ich mich von allen Zeitschriften zurück. Ich bin nicht wohl genug, um soviel wie früher zu arbeiten." Und ein Jahr darauf (September 1888) klagt er: „Es geht leider wieder nicht gut. Kein Schlaf, wenig Appetit und viel Fieber. Außerdem Halsweh. Ich kann kaum meine Bibliothekspflichten vollbringen." Sein Gesundheitszustand bietet ihm von nun an fortwährend Anlaß zur Klage. Aber er hindert ihn nicht am fortgesetzten Arbeiten, und noch ein volles Jahrzehnt fruchtreichen Schaffens war ihm beschieden. Für seine schriftstellerische Tätigkeit bot sich ihm ein neuer Schauplatz in der ersten auf englischem Boden gegründeten Zeitschrift für die Wissenschaft des.Judentums, der „Jewish Quarterly Review". Daß eine solche Zeitschrift, das erfreuliche Ergebnis, aber auch der wirksamste Faktor des Aufschwungs, den die jüdischen Studien in England zu nehmen begonnen, entstehen konnte, dazu hatte Neubauer selbst während der bis dahin verflossenen Zwanzig Jahre seines englischen Aufenthaltes nicht wenig, beigetragen. Es war sehr natürlich, daß . er einer der hauptsächlichsten Mitarbeiter des neuen Organes wurde. Die erste große Abhandlung der „Review" (im ersten Bande) hat ihn zum Verfasser. Es ist eine fesselnde und inhaltsreiche Darstellung der Daten und Erzählungen, Erdichtungen und Anschauungen über die verlorenen zehn Stämme, von den ältesten Zeiten an bis zur Gegenwart, unter dem Titel: „Wbere are the ten Tribes?" In anderer Form erschien diese Abhandlung hebräisch im IV. Sammelbande des Vereins Mekize Nirdamim (1888). In den ersten neun Bänden der „Jewish Quarterly Review" sind von Neubauer über zwanzig Artikel und über vierzig Rezensionen erschienen. Von den ersteren seien folgende hervorgehoben: „Die Literatur der Juden in fernen (III), „Der Bahir und der Sohar" (IV), „Die frühesten Niederlassungen der Juden in Süditalien" (ib.), „Die hebräische Bibel in Kurzschrift" (VII), „Alfonso de Zamora" (ib.), „Die Juden in China" (VIII), „Aegyptische Fragmente" (IX). Sein letzter Beitrag erschien im 11. Bande: „Ueber die hebräischen Chroniken von Pseüdo- Josippon und Jerachmeel." Inzwischen hatte Neubauer an der Fortsetzung der jüdischen Literaturgeschichte Frankreichs gearbeitet. Im Herbste 1888 war er ber Renan in der Bretagne, um den neuen Band vorzubereiten. Im Oktober 1889 schrieb er mir: „Gott sei Dank, ich bin die Rabbins franqais los." Demnach scheint das Werk im großen und ganzen schon damals beendet worden zu sein. Es vergingen jedoch mehr als drei Jahre, bis der einunddreißigste Band der Histoire Litteraire de la France erschien, von dem ein Teil auf vierhundertsiebzig Seiten die jüdische Literatur des 14. Jahrhunderts behandelte. Noch vorher, im Oktober 1892, starb Renan, und Neubauer widmete ihm in der „Jewish Quarterly Review“ einen Nachruf voll tiefer Empfindung. In dem Vorworte zu diesem II. Bande wird sein Anteil am Werke mit folgenden Worten gewürdigt: „Nous lui devons aujourd'hui le meme temoignage de notre reconnaissance; c'est sur ses savantes notes, recuerlies non seulement en France, mais encore en Angleterre, en Allemagne, en Espagne et ailleurs, qu'un de nos collaborateurs a redig6 ce dernier article comriie le premier.“ Dieser Band setzt die in dem ersten.enthaltene, literaturgeschichtliche Darstellung fort, und einige seiner Abschnitte erweitern sich zu kleinen Monographien; so die über Jedaja Penini, Calonymos ben Calonhmos, Joseph Kaspi, Levi ben Gerson. Es ist eine wahre Fundgrube von neuen Daten und Aufklärungen über Autoren und Bücher. Im Jahre 1891 beteiligte sich'Neubauer an der Jubelfeier des achtzigsten Geburtstages Joseph. Derenbourgs durch Herausgabe einer interessanten grammatischen Schrift (Une petite grammaire hebraTque du Yemen). Fünf Jahre später kam besonders durch seine Bemühung die Festschrift zum^ 80. Geburtstage Steinschneiders (1896) zustande. Sein eigener Beitrag zu derselben über die Chronik Abraham Zakutps schließt sowohl den hebräischen als den nichthebräischen Teil der Festschrift ab. Mit welcher Verehrung er zu dem älteren Meister trotz mancher zwischen ihnen in Einzelsragen bestehenden Gegensätze aufblickte, zeigen die Worte des Dankes am Schlüsse der obenerwähnten hebräischen Abhandlung über die zehn Stämme für den „Vater der jüdischen Bibliographie". Einige Jahre nach Herausgabe des Kataloges der hebräischen Handschriften der Bodleiana wurde dieser eine unerwartete Bereicherung zuteil, und zwar durch die vom Jahre 1895 an ihr Huströrnenden Fragmente der Genizah von Kairo. Neubauer begann die Katalogisierung der neuen Manuskripte, Jedoch die Erschütterung seiner Gesundheit, besonders aber die Abnahme seiner Sehkraft, machten es nötig, daß ihm in der Person seines Schülers A. E. Cowleh Ende 1895 ein Assistent an die Seite gestellt wurde, der ihn in der Arbeit unterstützte und nach seinem Rücktritte (1899) sein Nachfolger wurde. Der zweite Band des Katalogs erschien 1906; Neubauers und Cowleys Name stehen gemeinsam auf dem Titelblatte. Im Vereine mit Cowley leistete Neubauer auch seine letzte wissenschaftliche Großtat: die Edition der unter den Genizah-Fragmenten gefundenen Teile des hebräischen Sir ach (The original hebrew of a portion of Ecclesiasticus. Oxford 1897). Die Edition vervollständigte die überraschende Entdeckung Schechters und bildete die erste Grundlage zur Erforschung des wiedergefundenen hebräischen Sirach. Noch bevor Neubauer von Amtswegen einen Assistenten erhielt, hatte er die Genugtuung, daß sein Neffe, Adolf Büchler, nach Beendigung seiner Studien an der Budapester Landesräbbinerschule zu längerem Aufenthalte nach Oxford kam und ihm in seinen Arbeiten behilflich war. Dem sechzigjährigen Manne tat es.wohl, daß ein so naher Angehöriger, der zugleich verständnisvoller Zeuge und Teilnehmer seiner Tätigkeit sein konnte, sein Hagestolzenheim belebte. Mir selbst war es vergönnt, ihn im Sommer 1894 in Oxford zu besuchen, sowie - in Ramsgate einige Tage steten Beisammenseins mit ihm zu verbringen, wie schon in früheren Jahren in Aussee und Ems. Er war im Verkehr sehr anregend, aufrichtig und treuherzig in seinen Reden, sowie in seinen brieflichen Mit' teilungen voll von Sarkasmus und erfrischendem Humor, ja er scheute auch die Selbstpersiflage nicht. Mit seiner Gesundheit ging es immer mehr abwärts- Das Reisen gab er ganz auf und mußte seine Briefe diktieren. Die letzten zwei-Karten, die ich von ihm erhielt, sind von Cowleys Hand.; in der letzten vom 5. Juni 1899 heißt es: „Mein Zustand ist sehr schlecht, da ich weder, lesen noch schreiben hintereinander kann. Auch ist keine Hoffnung, daß es besser wird." Und es wurde nicht besser; nur noch einmal trat er mit einem Zeichen seiner zu Ende gehenden Schaffenskraft an die Oeffentlichkeit. Für das Gedenkbuch zur Erinnerung

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