Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- Seite 19 (sequence 9)
- Language
- German
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19 In Mlrm. Von Lehrer Rothschild-Achim. das war ein würdiger, inhaltsreicher Abschluß des lV. Verbandstages! Trotz der Strapazen der letzten Tage, trotz der geistigen und körperlichen Abspannung und trotz des stürmischen und nassen Wetters ließen es sich viele Teilnehmer nicht nehmen, im Anschluß an den Lehrerverbandstage am 26. v. M. der seitens des Kuratoriums der Ahlemer Erziehungsanstalt in liebenswürdiger Weise an sie ergangenen Einladung zur Besichtigung der Anstalt Folge zu leisten. Wagen waren seitens des Kuratoriums zur Verfügung gestellt, und um 9 Uhr erfolgte die gemeinschaftliche Abfahrt. Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier eine ausführliche Schilderung alles dessen zu geben, was wir gesehen und gehört haben; das hieße wirklich den wahren Eindruck verwischen, denn wo Taten reden, da sollte eigentlich der Mund schweigen. Wenn ich nun doch den geschätzten Lesern dieses Blattes in'kurzen Worten — soweit dies überhaupt möglich — unfern Eindruck schildern will, so. geschieht es lediglich aus dem Grunde, um allen, die ein Interesse an der Erziehung unserer Jugend und der Erhaltung des Judentums haben und noch von einem gewissen Vorurteil gegen diese Anstalt eingenommen sind, einen Besuch derselben recht warm ans Herz zu legen. So was muß man gesehen haben, um zur wahren Ueberzeugung von der berechtigten Existenz dieser Erziehungsanstalt zu kommen. Unter der Führung der Leiden Herrn des Kuratoriums Satorius Reinhold und Rechtsanwalt Dr. Wolfes und des Direktors Herrn Silberberg wurde uns nun die Anstalt in allen Einzelheiten, die Werkstätten, die Schlafräume, die Unterrichtssäle, das Mädchenheim und der herrlich große Garten, der in seinem winterlichen Gewände einen eigenartigen Eindruck auf uns machte, gezeigt und sachgemäß erläutert. Alles, was wir gesehen haben, legte beredtes Zeugnis dafür ab, daß sich die Leitung der Anstalten — der Knabenanstalt sowohl wie auch des Mädchenheims — in den rechten Händen befindet. Direktor Silberberg wie auch dessen liebenswürdige Frau Gemahlin und Frl. Strauß als Oberin des Mädchenheims sind hervorragend in ihrem Beruf und verstehen es vorzüglich, ihr schweres, verantwortungsvolles Amt in der rechten Weise auszuführen. Obwohl den Besuchern in der Nacht vorher nur wenige Ruhestunden beschieden waren, merkte man fast gar nichts von ihrer Abgespanntheit, sie waren wieder frisch geworden durch die Begeisterung, die durch die praktische Einrichtung der Anstalt und nicht minder durch den Anblick der frischen, gesunden und fröhlichen Knaben und Mädchen in uns entfacht worden ist. Wir haben gesehen, daß gemäß dem pädagogischen Grundsätze : Die harmonische Ausbildung aller im Geiste schlummernden Kräfte, die Zöglinge hier erzogen werden. Wir hatten Gelegenheit, sie zu bewundern bei der Arbeit in den Handwerksstätten; ungeteilte Anerkennung mußten wir den turnerischen Leistungen zollen, und daß Gesang des Menschen Herz wirklich erfreut, haben wir bei der Frühstückstafel erfahren, wo uns wahre Kunstleistungen im Gesang unter der Leitung des Lehrers Lampe vorgeführt wurden. Nicht minderes Lob gebührt auch dem Mädchenheim und seiner Leitung. Wir finden keine Worte, um unserer Bewunderung über die Gewandtheit der Mädchen in Küche und Haushalt Ausdruck zu verleihen. Alles was zum Praktischen Leben für ein Mädchen erforderlich ist, wird hier mit größtem Erfolg gelehrt. Nach Schlich der Besichtigung, die etwa zwei volle Stunden in Anspruch nahm, wurden die Teilnehmer in den festlich geschmückten Speisesaal des Knabenheims geführt, wo ein Frühstück geboten wurde. Herr Satorius Reinhold begrüßtein kurzen, kernigen und herzlichen Worten die Gäste, dankte ihnen für ihr Erscheinen und bat sie, den Eindruck, den sie gewonnen hätten, in die Welt hinaus zu tragen. Nun hatte jeder Einzelne wohl das Bedürfnis, sein Dankgesühl und seine Anerkennung über das Gesehene in Form eines Toastes zum Ausdruck zu bringen, doch die Zeit war zu kurz und es konnten nur acht Redner zu Worte kommen. Besonders gedenken möchte ich hier nur noch der humorvollen, herzlichen Worte des Herrn Rechtsanwalts Dr. Wolfes, der einen Vergleich zwischen den beiden Anstalten und der Schöpfungsgeschichte zog. Als der Gründer der Anstalt das Knabenheim gegründet hatte, bemerkte er schon nach kürzester Frist eine Lücke, und diese füllte er aus durch die Gründung eines Mädchenheims — ganz so wie Gott auch nach der Erschaffung des Mannes das Weib erschuf. Herr Salomon gedachte als ältestes Mitglied des Kuratoriums in eindrucksvollen Worten des leider zu früh verstorbenen Stifters der Anstalt, des Konsuls Simon. Großen, ja einen wahrhaft rührenden Eindruck machten auch die Worte eines früheren Schülers der Anstalt, der zurzeit als Gärtneringenieur bei der Firma Krupp in Essen angestellt, was um so mehr unsere Beachtung verdient, als er dort wohl der einzige Jude unter 20 000 Angestellten ist. Alle Teilnehmer werden den in Ahlem so froh verlebten Stunden mit ihren geistigen und leiblichen Genüßen ein frohes Gedenken bewahren und die Ziele und Bestrebungen der Anstalt auch in ihrem Wirkungskreise nutzbringend verwerten. Beim Verlassen des Terrains warfen wir einen Rückblick und ließen noch einmal den Eindruck des imposanten Gesamtbildes auf uns wirken. Mit dem Ausdruck höchster Befriedigung, nahmen die Kollegen gegenseitig Abschied, und das Dampfroß führte sie wieder in ihren Wirkungskreis zurück. Zum Schluffe meiner Darstellung sei mir noch gestattet, darauf hinzuweisen, daß die Ideen, die der verstorbene Konsul Simon mit der Begründung der Anstalt in die Tat bereits Umgesetzt hat, heute die andern pädagogischen Kreise vielfach beschäftigen. Es ist das das Prinzip der Arbeitsschule — der Schule der Zukunft —. das der Gründer der Ahlemer Anstalt vielleicht ganz unbewußt iw sein Werk hineingelegt hat, im Gegensatz zu der heutigen Wiffensschule, die den Kindern nur nackte Kenntnisse, aber keine Fertigkeiten vermittelt und somit nicht in der rechten Weise fürs praktische Leben vorbereitet. Die Arbeitsschule will, was der Titel schon sagt, Begriffe nicht wie heute bildlich anschaulich, sondern,- so wie es .Commenius schon fordert, darstellend anschaulich vermitteln, und somit alle Sinne und Kräfte eines Kindes zur Entfaltung und Entwicklung bringen. Und nun mögen aus dem schönen Gedicht, das ein Schüler der Anstalt vorgetragen, hier die Schlußverse folgen: Ein neu Geschlecht seht Ihr jetzt hier erblühen, Ein Volk der Arbeit, das sich regt und schafft. Von Arbeitslust uns unsere Wangen glühen. , Jüdische Jugend fühlet ihre Kraft.^ O, mögen.unsere Ziele, unser Streben Nun auch in Eurem Herzen Wurzel ^schlagen, Mögt Ihr von dem, was Ihr als gut erkannt, Hinaus zu Euch in Eure Heimat tragen. Ihr könnt ja viel, die Ihr des Volkes Blüte, Die Ihr die Jugend einführt.in das Leben, Denn wer die Jugend lenket, leitet, führet. Dem ist die Zukunft in die Hand gegeben. -