Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
Seite 18 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228801--64113-3276162
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Pensionskasse des Verbandes,, Bericht erstattet. Der Antrag wurde von' dem Schriftführer Feiner-Hamburg kurz begründet und zielte dahin, neue Mitglieder und neue Mittel der Pensionskasse zuzuführen. Direktor Dr. Adler beleuchtete in gewohnter-Klarheit .die Geschichte der Kasse und wies seinen Anteil an der Entstehung derselben — ob? wohl er als eigentlicher Schöpfer bezeichnet werden kann — bescheiden zurück. Er suchte die Ursachen zu -der Stagnation, in welcher die Verbandspensionskasse gegenwärtig ohne Zweifel sich befindet, teils in den Eifersüchteleien der bestehenden Provinzialhilfs-, Unterstützungs¬ und Pensionskassen, teils in persönlichen Unstimmigkeiten, welche indes die weitere Oeffentlichkeit nicht interessieren. Schließlich machte er positive Vorschläge für eine bessere Organisation und löste den Beifall der Delegierten aus, dessen dieser vielverdiente und temperamentvolle Redner immer gewiß ist. Zn der Debatte, welche zeitweise sich zu einer gewissen dramatischen Höhe erhob, traten die Führer der Gegenbewegung, vor allem Waisenhausinspektor Peritz-Königsberg, unzweifelhaft einer der sachkundigsten und rührigsten Männer auf dem Gebiet des Lehrerpensions- und Unterstützungswesens, und Prediger Liepmannsohn-Minden, von anderer Seite Rektor Feiner- Hamburg und Rektor Dr. Guttmann-Berlin besonders hervor, zu denen sich der Verbandsvorsitzende, Oberlehrer Dr. Fiegel-Berlin, gesellte. Die Beendigung dieser wichtigen Beratung wurde gleichfalls auf den zweiten Verhandlungstag verschoben. Zweiter Tag: 25. Dezember. Zunächst erstattete Horwitz-Kassel namens der Revisionskommission Bericht über die Kassenprüfung. Sie umfaßte die dreijährige Berichtsperiode und ergab an Einnahmen 2634,23 Mark, an Ausgaben 2250,78 Mark, mithin einen Bestand von 383,45 Mark. Die beantragte Entlastung wurde mit einem Dank an den bisherigen Rendanten, Hauptlehrer Graf-Essen, von der Versammlung erteilt. Nunmehr ergreift Lehrer Andorn-Krefeld das Wort zu seinem Vortrage „Die materielle Lage der jüdischen Lehrerschaft im Deutschen Reiche". In seinem mit anerkennenswertem Fleiße ausgearbeiteten Vortrage, dem leider eine teils veraltete, teils falsche Statistik seitens des Verbandsvorstandes zugrunde lag, verfehlte der Vortragende nicht, die notwendigen Konsequenzen aus der traurigen Lage der nicht staatlich angestellten Lehrer zu ziehen, nach dem alten Worte: „Dies ward schon oft gesprochen, doch spricht man's nie zu oft." Insbesondere stellte er die unwürdigen Zustände derjenigen Religionslehrer ins rechte Licht, die unter dem harten Joche der Gemeindegewaltigen in den kleinen Gemeinden und dem „sanften Drucke" geistlicher Oberhirten zu seufzen haben. Auch auf die oft besprochenen Schäden, welche das Judentum im allgemeinen und die Heranwachsende Jugend im besonderen aus der ungenügenden Vorbildung und der unzureichenden Besoldung dieser Religionslehrer erleiden, wurde in ernsten und warmen Worten von dem Vortragenden hingewiesen; es war darum natürlich, daß dieser Vortrag lebhaften Beifall fand. Aber ebenso natürlich war -es auch, daß der Vortragende ebensowenig wie die großen jüdischen Verbände positive Vorschläge machen konnte, solange diese Verhältnisse nicht gesetzlich geregelt sind. Die Lehrer derjenigen Bezirke, deren Statistik auf Grund der bisherigen falschen Ergebnisse von den: Vortragenden bekannt gegeben wurde, verwahrten sich in der Debatte ganz energisch gegen die Schlüsse, welche hieraus gezogen wurden, und stellten die Zahlen richtig. Insbesondere geschah dies von Preßburger-Creglingen namens der Württemberger, sowie von Becker-Wollstein und Kadisch - Gollub namens der Posener. Hier sind sämtliche Mitglieder seminarisch vorgebildet, und von 65 nur vier nicht an öffentlichen Volksschulen angestellt, während die Statistik ein völlig entstelltes Bild von Diesen Verhältnissen bot. Auch die bekannte Petition einzelner Lehrer aus diesem Bezirk arO den Herrn Minister, betreffend die Erteilung des Religions- und hebräischen Unterrichts durch ungeprüfte Personen, welche in der Oeffentlichkeit großes Aufsehen erregte, wurde von den obengenannten Posener Delegierten behandelt und die mitgeteilten Tatsachen richtig gestellt. Da die Angelegenheit indes in diesem Blatte bereits in einem besonderen Artikel behandelt wurde, ist ein näheres Eingehen an dieser Stelle überflüssig. In der Debatte, an welcher sich in hervorragender Weise Realschuldirektor Dr. Adler beteiligte, kam die Ansicht der Mehrzahl der Delegierten zum Ausdruck, daß die Beratung leider wenig positive Ergebnisse z eitigen werde. Die Bemühungen des Verbandes der .deutschen Juden um die günstigere Ausgestaltung des Schulunterhältungsgesetzes und die Aussührungsbestimmungen zu diesem Gesetze für die jüdischen Volksschulen und die jüdischen Lehrer wurden eingehend erörtert. Herr Professor Dr. Blaschke, der Delegierte des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes, bedauerte, durch den Schluß der Debatte verhindert worden zu sein, die tätige Teilnahme des von ihm vertretenen Verbandes an dem zur Beratung stehenden Gegenstände darzulegen. Die Versammlung nahm folgende Resolution des Referenten an: „Die wirtschaftliche Lage eines großen Teiles der jüdischen Lehrerschaft ist völlig unzureichend, der deutschen Judenheit unwürdig und der kulturellen Entwicklung widersprechend. Die Gleichbehandlung der jüdischen Lehrer mit den Ortslehrern in Hinsicht auf Besoldung, ans Sicherung der Anstellung, der Alters- und Hinterbliebenen -Versorgung muß überall verlangt werden. Die jüdische Lehrerschaft hegt die Erwartung, daß die jüdischen Verbände in Gemeinschaft mit den staatlichen und kommunalen Behörden die baldige Verwirklichung dieser Forderungen in die Wege leiten werden." — Hierzu wird ein Antrag Peritz-Königsberg angenommen, welcher die Einsetzung einer statistischen Kommission zur Förderung der materiellen Lage der jüdischen Lehrer fordert. — Nunmehr wird die Resolution der gestern eingesetzten Kommission für die Anträge der Kantorensektion angenommen. Die Resolution erklärt die Förderung der Kantoren für eine Pflicht des Verbandes; sie trifft ferner Bestimmungen über die Errichtung einer Kantorensektion innerhalb des.Verbandes und regelt die Organisation und die Aufbringung der Kosten für diese Einrichtung. — Es folgt die Beratung über den Antrag der „Freien Vereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz", das Vereinsorgan betreffend. Der Referent Waldbott°Speher beleuchtet die Frage. Die weitere Beratung über den Antrag wird aus begreiflichen Gründen in eine nichtöffentliche Versammlung verwiesen, in welcher der Delegiertentag zum Ausdruck bringt, daß eine Erneuerung des bestehenden Vertrages unter keinen Umständen stattfinden darf. Die Vorbereitungen für einen neuen Vertrag, der übrigens kaum vor der nächsten Delegiertenversammlung, das ist 1910, gelöst werden kann, werden in dieser nicht öffentlichen Sitzung eingehend erwogen. Es folgt die Schlußberatung über die Verbandspensionskasse, an welcher sich Dr. Adler, Lehrer Hanff-Berlin, der Vorsitzende der Kasse, und Peritz-Königsberg in hervorragender Weise beteiligen. Es wird die Einsetzung einer Kommission beschlossen, welche unter Hinzuziehung eines Versicherungstechnikers die gegenwärtige Organisation der Verbandspensionskasse prüfen, etwa notwendige Verbesserungen erwägen und diese, falls sie. geeignet erscheinen, einen innigeren organischen Zusammenhang zwischen dem Verbands und der Kaffe herznstellen und damit auch die Anzahl der Kassenmitglieder und ihre Bezüge zu erhöhen, der nächsten Delegiertenversammlung vorzulegen- Die Kommission soll aus drei Mitgliedern des Kuratoriums der Kasse, drei Delegierten des Verbandes und einem von c>en sechs Mitgliedern zu wählenden Unparteiischen bestehen. Vom Delegiertentage werden die Herren Professor Dr. Badt-Breslan, Peritz-Königsberg und Amram-Borken . gewählt. — Die Kommission hat das Recht der Kooptation. Der Inspektor der Erziehungsanstalt Ahlem bei Hannover, Herr Silberberg, hielt hierauf einen beifällig aufgenomrnenen Vortrag über die Bestrebungen der Simonschen Stiftung und Ahlem. Mit den üblichen Dankesworten wurde der arbeitsreiche, trotzdem aber leider an positiven Ergebnissen arme vierte Verbandstag geschlossen. In der anschließenden Vorstandssitzung wurden in den geschäftsführenden Ausschuß gewählt: Für den ersten Vorsitzenden, Oberlehrer Dr. Fiegel-Berlin, der eine Wiederwahl entschieden ablehnte , Rektor Feiner-Hamburg; zum zweiten Vorsitzenden Lehrer Steinhardt-Magdeburg; zum Schriftführer Lehrer Amram-Borken; zu seinem Stellvertreter Rektor Dr. Guttmann-Berlin; zum Rendanten Lehrer Preßburger-Creglingen (Württemberg). Der Ortsverein Hannover veranstaltete am Abend des 25. Dezember einen von mehr als 1000 Personen besuchten Kommers, der den Delegierten außer-' ordentliche Kunstgenüsse bot und' so dem vierten Verbandstage einen schönen und versöhnenden Abschluß gab.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.