Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
Seite 17 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228801--64112-3276161
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

17 der berufenste Kenner der einschlägigen Verhältnisse war, fand bei aller Anerkennung des vortrefflich ausgearbeiteten Berichtes nicht den allgemeinen Beifall der Versammlung. Bedauerlicherweise aber wurden auch die vorliegenden, geistvollen und vom Standpunkte des modernen Pädagogen abgefaßten Thesen des abwesenden Referenten Rothschild-Eßlingen,. der sichtlich bemüht war, das trockene, einer so großen Versammlung nicht zweckentsprechende, rein methodische Thema von einer höheren Warte aus zu behandeln, nicht angenommen. Die Versammlung beschloßaus den vorliegenden Thesen beider Berichterstatter, durch eine ad hoc eingesetzte Kommission, in welche Feiner - Hamburg, Preßburger- Ereglingen, Müller-Heidelberg, Goldschmidt-Hamburg, Fabisch- Göttingen gewählt werden, neue Vermittlungsthesen zusammenzustellen. Die Kommission soll sich während der nunmehr eintretenden Pause über den Wortlaut dieser Thesen einigen, und bei Wiedereröffnung die Abstimmung darüber stattfinden. — In der Pause wurden, wie oben bemerkt, an 250 bis 300 Gäste, zu welchen auch die Zöglinge des dortigen jüdischen Lehrerseminars gehörten, in überaus gastfreundlicher Weise von der jüdischen Gemeinde bewirtet. Die Vorsteher und Repräsentanten der Gemeinde nahmen gleichfalls an dem Mahle teil. Senator Fischer sowie seine Kollegen widmeten sich in liebenswürdiger Weise ihren Gästen und würzten das Mahl durch gute Reden. Bei Wiederaufnahme der Verhandlungen wurden zunächst drei Revisoren zur Prüfung der Kasse gewählt, und zwar Drehfuß- Tanberbischofsheim, Bähr-Waldenburg und Horwitz-Kassel; dann trat die Versammlung in die Fortsetzung der Debatte über das Verbandsthema ein. An der Debatte beteiligten sich die Herren Landrabbiner Tr. Gronemann-Haunover, Ferner-Hamburg, Barol, Hauff und Auerbach-Berlin, Levh-Frankfurt a. M.. Preßburger-Creglingen, Einstädter-Frankfurt a. M., Müller-Heidelberg, Goldschmidt-Hamburg lt. a. m. Die Debatte und diejenige über die nächsten Punkte waren so recht geeignet, zu erweisen, welche Fülle von Begeisterung, Arbeitskraft un§ Wissen leider an die Behandlung eines so rein formalistischen Themas verschwendet werden mußte, das vielleicht in einer kleinen Bezirkskonferenz am Platze, niemals aber als Hauptthema einer so großen allgemeinen deutsch-israelitischen Lehrerversammlung behandelt werden sollte. Vorder Abstimmung über die von der Kommission vorzufchlagenden Vermittlungsthesen zu diesem Thema folgt die Beratung über Punkt 4 der Tagesordnung, den wir kurz als den Toleranzparagraphen der Satzungen bezeichnen möchten. Hier allein waren Debatte und Beratungsgegenstand adäquat; denn beide standen auf gleicher geistiger Höhe und waren geeignet, ° den religiösen, Geist, aber auch die freiheitliche Gesinnung der jüdischen Lehrerschaft, erkennen zu lassen. Infolge der Verhandlungen auf dem dritten Verbandstage in Kassel im Jahre 1904, die, wie erinnerlich, zu einem lebhaften Zusammenstöße zwischen Orthodoxie und Liberalismus und in weiterer Folge zu dem Austritte des Vereins Emden-Bremen-Oldenburg führten sowie zur Gründung eines eigenen „bekenntnistreuen" Verbandes unter Führung der süddeutschen und der Berliner Orthodoxie, hatte der Verbandsvorstand dem Telegiertentage in Hannover nachstehenden Antrag zur Abänderung der Satzungen vorgelegt: Zu § 1. „Von der Beratung ausgeschlossen ist die Behandlung solcher Fragen, welche zu religiösen Streitigkeiten innerhalb des Verbandes führen können." Zusatz: Es bleibt dem Verbandstage überlassen, diese Bestimmung in die Satzungen oder in die Geschäftsordnung aufzunehmen. Zur Begründung wurde seitens des Verbandsvorstandes vor allem darauf hiugewiesen, daß gewisse, bisher noch fernstehende Lehrer nach Annahme dieses Antrages ihren geistlichen Vorgesetzten gegenüber — da, wo diese die Stellung eines Vorgesetzten einnehmen — ihren Eintritt in den Verband bezw. in die angeschlossenen Provinzialvereme rechtfertigen und ihr eigenes Gewissen —der Ausdruck ist aber wörtlich nicht so gefallen — salvieren können. Die Debatte über diesen Antrag bewegte sich in weit milderer und rein sachlicher Form wie in Kassel. Ein Antrag Liepmannsohn-Minden, namens des Vereins Rheinland-Westfalen, auf Uebergang zur einfachen Tagesordnung wurde in namentlicher Abstimmung mit 24 gegen 26 Stimmen abgelehnt. Ein Amendierungsantrag Brann-Breslau zu dem Vorstandsantrag, welcher Streitigkeiten über „wesentliche Momente" religiöser Fragen bei den Beratungen des Verbandes bisher nicht als Grund zu Austritten bezw. Abhaltung von dem Eintritt in den Verband anerkennen will, wird gleichfalls in namentlicher Abstimmung abgelehnt. Ein Vermittlungsantrag Feiner-Liepmannsohn auf Uebergang zur motivierten Tagesordnung wird. wiederum in namentlicher Abstimmung mit 26 gegen 25 Stimmen angenommen und damit der Vorstandsantrag abgelehnt. Der Tenor dieses Antrages lautet: „In Erwägung, daß die Tendenz des Antrages selbstverständlich ist und daß auch ' die bisherigen Verhandlungen des Verbandstages und die Geschäftsführung desselben, dazu keine Veranlassung gegeben haben, beschließt die Delegierten-Versammlung, über den Antrag des Vorstandes zur Tagesordnung überzugehen." In der Debatte, an welcher sich die bekanntesten Lehrer aus beiden Lagern beteiligten, wurde immer wieder betont, daß selbst die bündigste Versicherung und die klarsten Satzungen den Widerstand der Orthodoxie und ihre Unduldsamkeit gegen alle nichtorthodoxen Vereine nicht zum Schweigen bringen können; das beweisen diejenigen Verbände, die einen solchen Toleranzparagraphen in ihren Satzungen haben. — Es folgt nunmehr die Beratung über die von der ad hoe eingesetzten Kommission vorgeschlagenen Vermittlungsthesen zum zweiten. Punkte der Tagesordnung: „Methode des hebräischen Unterrichtes." Diese Thesen -konstatieren : 1. das früher angewandte rein mechanische Unterrichtsverfahren entspricht nicht den Forderungen der modernen Pädagogik. Sie fordern 2. ein methodisch angelegtes Lehrbuch, zusammengestellt aus den wichtigsten Stellen des Gebetbuches, des Pentateuchs und den übrigen Teilen der Bibel- Sie setzen 3. als Ziel des hebräischen Unterrichts: Teilnahme am Gottesdienst und religiöse Erziehung. Auch diese Debatte ries die bekanntesten Schulmänner in die Arena. Allgemein wird die Teilnahmlosigkeit des Hauses an diesem Zweige des Religionsunterrichtes, die ungenügende Vorbildung vieler Religionslehrer und die geringe Stundenzahl für diesen Unterricht beklagt. Wichtig aus der Debatte war die Mitteilung der badischen Delegierten, die mit der Abfassung eines solchen in den obigen Thesen enipfohlenen Lehrbuches beschäftigt sind. Auch Lehrer Moch-Frankfurt n. M., der bekannte Herausgeber des neuesten Siddurs, ist mit der Abfassung eines solches Lehrbuches beschäftigt. Ueber Punkt 6 der Tagesordnung: „Die Kantorenbewegung in Deutschland" erstattet Lehrer und erster Kantor Nußb aum-Wiesbaden ausführlichen Bericht. Er behandelt zunächst die geschichtliche Entwicklung des Kantorenamtes, spricht dann über die Einrichtungen und Veranstaltungen zur Ausbildung der Kantoren, wobei er die kantorale Ausbildung im Seminar für nicht ausreichend hält und Fachschulen fordert. Alsdann beleuchtet er die vielen Anforderungen der Gemeinden an den Kantor, die absolut nicht fachlicher Natur sind; der neugegrünvete Kantorenverband und der vom Verbandstage in Kassel eingesetzte Dreierausschuß zur Gründung einer Kantorensektion im Lehrerverband und seine Tätigkeit wurden zuletzt' behandelt. Der Referent fordert eine vollständig unabhängige Sektion im Verbände/ umschreibt ihr Arbeitsgebiet und ihren Arbeitsplan und verlangt die finanzielle Sicherstellung ihrer Bestrebungen durch den Lehrerverband, teils durch erhöhte Mitgliederbeiträge aller, auch der nicht kantoralen Verbandsmitglieder, teils durch besondere Subventionierung seitens des Verbandsvorstandes. Sowohl der Vorstand als auch die Mehrzahl der Delegierten erkennen die Berechtigung der Forderung des Referenten — soweit sie nicht finanzieller Natur sind — unumwunden an, .erklären aber die Unmöglichkeit weiterer Belastung der Vereinsmitglieder und wollen die Kantoren im Verbände in erster Reihe zu Trägern der für ihre besonderen Zwecke notwendigen Lasten machen. Da die Tagesordnung überreich ist, wird die Debatte hier abgebrochen und eine Kommission eingesetzt, welche am zweiten Verhandlungstage Vorschläge über die Gestaltung der Kantorensektion machen soll. In diese Kommission werden gewählt: Nußbaum-Wiesbaden, Birnbaum und Peritz-Königsberg, Fabisch-Göttingen und Levy-Frankfurt a. M. — Mit einem gemeinsamen Essen, bei welchem viele und geistvolle Reden gehalten wurden, schloß dieser erste und arbeitsreiche Verhandlungstag. . Vor dem Essen wurde in einer nichtöffentlichen Versammlung namens des Verbandsvorstandes von dem Realschuldirektor Dr. Adler- Frankfurt a. M. über den- Antrag, betreffend die Organisation der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.