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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · p. Seite 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
Seite 16 (sequence 6)
Language
German
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der sich zum Dienst meldete, unerschütterlich ab und kraft des Rechtes militärischer Dienstleistung ist kein, einziger tunesischer Jude naturalisiert worden. Der Studienausschuß berührt dieses Verhältnis.' Er wirft schüchtern und nebenher die Frage auf, ob, wenn für die Eingeborenen die Dienstpflicht eingeführt wird, ein Unterschied zwischen Mohammedanern und Juden gemacht werden soll oder nicht. Eine Antwort zu geben, sieht er nicht als seine Aufgabe an. So weit wird die heutige Regierung nicht gehen wollen, die eingeborenen Juden in einem Gesetz ausdrücklich anders zu behandeln als die Mohammedaner; aber sie wird sich wohl anders zu behelfen wissen, um ihre Unterdrückung weiterbestehen zu lassen; sie wird wahrscheinlich die Bestimmung aufheben, daß dreijähriger Heeresdienst Anspruch aus Naturalisation gibt. Dann kann man die Juden dienen lassen, ohne ihnen dafür die Staatsbürgerschaft zu gewähren; ganz wie im befreundeten und verbündeten Rußland. Ter Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß an den Wahlen zu der Notabelnversammlung, die zwar keine beschließende, aber doch eine beratende Stimme hat, die Juden nicht teilnehmen dürfen. Alle diese Bestimmungen sind das Werk der Residentschaft, die seit 1882 nicht aufgehört hat, vom zuverlässigsten und gediegensten antisemitischen und klerikalen Geist beseelt zu sein und in der, wer immer an ihrer Spitze steht und welche Partei immer in Paris am Ruder ist, die tunesischen Mönchsorden und der Bischof von Karthago allmächtig herrschen, das heißt die Gewalten, die anderthalb Jahrzehnte vor dem Einmarsch der Franzosen die französische Besitzergreifung Tunesiens systematisch vorbereitet haben und durch die Besitzergreifung anfangs zu den wirklichen Herren des Landes gemacht wurden. Jetzt ist diese Herrschaft nicht mehr so unbedingt und unbestritten; den Juden gegenüber jedoch besteht sie noch in voller Kraft. - , * Für die Verhältnisse im freien Amerika, die auch nach dieser Beziehung nicht gerade rosig zu sein scheinen, ist eine Meldung bezeichnend, die die dortigen jüdischen Blätter in der vorigen Woche gebracht haben. In einer jüdischen Versarümlung in Chicago betonte der bekannte Rabbiner Professor Dr. Emil G. Hirsch, der bekanntlich der hervorragendste Vertreter der Reform in Amerika ist, die Notwendigkeit der Gründung einer jüdischen Universität in Chicago. Er wies daraus hin, daß die Vorurteile gegen die Juden an keiner amerikanischen Universität in dem Maße vorherrschend seien, wie in Chicago, an deren Universität er selbst seit Jahren Professor für semitische Sprachen ist. Allerdings fügte Hirsch hinzu, daß das Institut jedoch keine jüdische Universität in jenem engen Sinne sein solle, daß in ihr nur Juden als Hörer oder Lehrer ausgenommen werden sollen, sondern nur in dem Sinne, daß sie von Juden dotiert und erhalten werde. Ist sie einmal eröffnet, so soll sie allen Konfessionen und Farben zugänglich sein. Christen und Nichtchristen, Inden und Heiden, die gelbe und schwarze Raffe sowohl , wie die weiße sollen in ihr willkommen sein. Als einzige Vorbedingung für die Erlangung eines Postens in der Fakultät werden nur die Befähigung und die Vorurteilslosigkeit zu gelten haben. Vierter Verbsndstss des Verbandes der jüdischen Letzrervereine im deutschen Reiche. ach dreijähriger, satzungsmäßiger Pause trat unter zahlreicher Beteiligung der von sämtlichen angeschlossenen Vereinen beschickte Delegiertentag, welchem auch viele Vereinsmitglieder und Nichtlehrer beiwohnten, in den weiten Räumen des Restaurants „Zur Börse" in Hannover zusammen. Der Verband zählt gegenwärtig 1180 Mitglieder. Ihre Zahl ist trotz des Austritts des Vereins Emden-Oldenburg. Bremen in der letzten dreijährigen Berichtsperiode um 54 Mitglieder gewachsen.. Erster Tag: 24. Dezember. Der Vorsitzende des Verbandes, Oberlehrer Dr. Fiegel-Berlin, eröffnete den Verbandstag mit einem Danke für den Verein Hannover und geschäftlichen Mitteilungen, wobei der Versammlung eröffnet wird, daß zum erstenmal eine stenographische Aufnahme der Verhandlungen stattfinden soll. Als erster begrüßt Landrabbiner Dr. Gronemann die Versammlung. Es folgte .die Begrüßung des Seminardirektors Dr. Knoller-Hannover namens des. Ortskomitees. Von besonderem Interesse ist die Verlesung eines Dankschreibens des Magistrats der Stadt Hannover für die Einladung zum Verbandstage, welcher der Versammlung gute. Erfolge wünscht und zu den Kosten der Veranstaltung einen namhaften Beitrag bewilligt. Diese Mitteilung wird mit lebhaftem Beifall empfangen. Ebenso wurde die Begrüßung des Senators Fischer, des ersten Vorstehers der jüdischen Gemeinde Hannover, mit lebhaftem Beifall ausgenommen, welcher auf die fast ein Jahrhundert hindurch bewährte Teilnahme der Gemeinde Hannover an den Bildungs- und Erziehungsbestrebungen des Judentums hinweist und die Versammlung zu einem von der Gemeinde dargebotenen Frühstück einlnd. Die gastfreundliche Gemeinde hatte auch den größeren Teil der Kosten des Verbandstages aufgebracht. Professor Dr. Blaschke-Berlin entbot der Versammlung den Gruß des Verbandes der deutschen Juden und wies auf die Mitarbeit dieses Verbandes bei der Ausführung des neuen Schulunterhaltnngsgesetzes für Preußen, soweit es die jüdischen Schulen und ihre Lehrer betrifft, hin, ebenso auf seine Bestrebungen bei dem vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund beschlossenen Entwurf zur Abänderung des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden in Preußen vom Jahre 1847. Rechtsanwalt Dr. Wolfes-Hannover entbot den Gruß des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Rabbiner Dr. Freund-Hannover begrüßte . die Versammlung namens der Zion-Loge des 11. O. B. B. Es folgte die Verlesung einer großen Anzahl von Begrüßungsschreiben solcher eingeladenen Verbände, die nicht vertreten waren, sowie einer Einladung der Simon-Stiftung zur Besichtigung der Anstalt Ahlen bei Hannover. Beim ersten Punkt der Tagesordnung: Bericht des Vorstandes über die Verbandstätigkeit, folgt nur über den im Berichte mitgeteilten Antrag Saul-Schivelbein, welcher die Stellung der jüdischen Religionslehrer zu einer nur mit Genehmigung der Königlichen Regierung kündbaren umwandeln will, eine kurze Debatte. Die Versammlung beschließt, die Absendung einer Petition an die. zuständigen Minister bis zum Erlasse der zum Schulunterhaltnngsgesetze erwarteten Aussührungsbestimmungen zu verschieben. Punkt 2 der Tagesordnung betrifft die Beratuug des Verbandsthemas: „Die Notwendigkeit der methodischen Umgestaltung des hebräischen Unterrichts." Der Hauptreferent Lehrer Rothschild- Eßlingen war durch einen schweren Krankheitsfall in seiner Familie am Erscheinen' verhindert. Da sein Referat der Versammlung auch nicht schriftlich vorlag, erstattete der Korreferent, Lehrer Golds chmidt- Hamburg, seinen Bericht über die in den angeschlossenen Vereinen vorgenommenen Verhandlungen über die Verbandsaufgaben. Der Berichterstatter betonte zunächst die einmütig von allen Vereinen konstatierte Teilnahmlosigkeit der Eltern an diesem Zweige des Religionsunterrichtes sowie des Religionsunterrichtes im allgemeinen, um dann die Gründe für den oft beklagten Jndifferentismus zu beleuchten. Neu an diesen Mitteilungen, soweit sie die geringen Erfolge des hebräischen Unterrichts betreffen, war die auch in einer diesbezüglichen These zum Ausdruck gebrachte Meinung des Berichterstatters, das Schwinden des Interesses für das Hebräische sei hauptsächlich verursacht durch den seltenen und zugleich späten Besuch des Gottesdienstes. Als Mittel zur Besserung erachtet der Referent die Umgestaltung der bisherigen Methode nicht für notwendig. sondern nur. erwünscht und glaubt, die analytische Methode, die im Vor- und Nachübersetzen besteht, nicht ganz entbehren zu können. Diese Ansicht des Referenten, welcher in der sichtlichen Begeisterung und dem tiefen Verständnis sowie in der praktischen Ausgestaltung der vorgetragenen Stoffverteilung

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