Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228800--64097-3276145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 1× ep/1005097
OCR text
11 Vvn allen Handschriften dev Bodleiana fesselte sein Interesse namentlich das arabische Original des Wurzelwörterbuchs von Abulwalid, das vor vielen Jahren von Gesenius für seinen Ibesaurus benutzt worden war und noch immer des Herausgebers harrte. Ein solcher erstand nun dem hochwichtigen Werke in Neubauer. Neben der Oxforder Handschrift konnte er seiner Ausgabe auch eine in Rouen befindliche zugrunde legen, deren wertvolle Glossen eine sehr nützliche Zugabe der Edition bilden sollten. Von den beiden Handschriften, die von der hebräischen Uebersetzung des abutwalidschen Wörterbuches durch Jehuda Jbn Tibbon existieren, stellte er die im Escurial liegende in den Dienst seiner Ausgabe und schrieb dieselbe zum großen Teile ab. Neubauer unterzog sich der großen Mühe, das in hebräischen Charakteren geschriebene Werk Abulwalids für seine Ausgabe arabisch zu transskribieren, wodurch diese namentlich für die nichtjüdischen Fachgelehrten an Brauchbarkeit gewann. Den Anhang der in den Jahren 1873 und 1875 erschienenen Edition bilden sehr interessante Auszüge aus den Wörterbüchern David b. Abrahams und Saadja Jbn Danan's, die besonders für die hebräisch-arabische Sprachvergleichung von großer Bedeutung sind. tz Einer Aufforderung des bekannten anglikanischen Theologen Dr. Puseh, damals Professor des Hebräischen in Oxford, Folge leistend, gab Neubauer eine^ungemein reichhaltige Sammlung jüdischer Kommentare zu dem berühmten messianischen Abschnitt in Jesaja (52, 13—15 und 53) heraus, zumeist bis dahin unbekannte Stücke, ein interessantes Textbuch zur Geschichte der jüdischen Bibelexegese (The fifty third chapter of Isaiah according to the Jewish interpretes. Oxford 1876), zu dem im folgenden Jahre ein Schüler Neubauers, Dr. Driver, eine englische Uebersetzung veröffentlichte. MM Der Schutz. Von Dr. S. Luß-Mannheim. I. Landstraße, die durch das Dorf führte, machte an der Kirche eine scharfe rechtwinklige Biegung. Nach der andern Seite lief eine kurze Dorfstraße, in der zu beiden Seiten je drei stattliche Bauernhäuser lagen, während im Hintergrund ein Haus im gleichen sächsischen Baustil die Straße abschloß. Vor jedem Hause an den Straßenseiten lag ein großer Dunghaufen, neben welchem ein verfahrener kotiger Weg zur Hauseinfahrt hinzog; aber der Platz vor dem Hause guer am Ende der Straße war frei von Dunghaufen, und die ganze Straßenbreite vor demselben. war mit Kies bestreust Die Balken des Fachwerks waren mit heller brauner Oelfarbe gestrichen, ebenso der Holzfries, der das Spitzdach einrahmte, und nur der geschnitzte Pferdekopf am Giebel war in dunkelbrauner Oelfarbe gehalten. Das Haus unterschied sich von den Nachbargebäuden auch dadurch, daß hinter den drei Fenstern des Erdgeschosses rechts vom Einfahrtstore und den sieben Fenstern des zweiten Stockes Gardinen blinkten, hell und weiß wie hinter den Fenstern des Pfarrhauses. Hinter den zwei Fenstern links der Einfahrt sah man allerlei Spezerei-, Kurz- und Ellenwaren ausgestellt. In diesem Hause wohnte Herr Jakob Jsenstein, der einzige Kaufmann des Dorfes, zugleich der einzige israelitische Einwohner, denn die sonstige Bewohnerschaft gehörte ausnahmslos dem katholischen Bekenntnisse an. Trat man in das Haus, so sah man, wie in jedem andern rechts die Wohnstube, dahinter die Küche, dann die Treppe zum obern Stock und dahinter ein Zimmer, dessen Fenster nach dem Garten führten, aber zur Linken waren anstatt der Kuh- und Pferdeställe, die jedes sächsische Haus aufweist, ein großer Laden und daran anstoßend ein Warenmagazin, worin die Oefen, Herde und für die ländlichen Bewohner nötigen Eisenwaren standen, denn der Kaufmann auf dem Lande muß alles führen, namentlich wenn er der einzige ist. An einem kalten Novembertage im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts, als in der Abenddämmerung schon vereinzelte Schneeflocken durch die Luft wirbelten, war das Wohnzimmer im Hause Jsensteins vom großen Kachelofen angenehm erwärmt, und auf dem großen viereckigen Eichentische brannte eine zum Auf- und Abschrauben eingerichtete Oellampe, deren Messinggestell glänzend hell geputzt war. Die Dämmerung war schon so tief geworden, daß Jsenstein bei der Erledigung der schriftlichen Tagesarbeiten, Eintragung in die Bücher und Schreiben zweier Geschäftsbriefe, des Lichtes . bedurfte. Am Tische saß noch Frau Jsenstein und ihr zwölfjähriges Töchterchen Recha, mit weiblichen Handarbeiten beschäftigt. Da hörte man kräftigen Schritt die Straße heraufkommen, die Hanstüre wurde geöffnet und schon wollte Frau Jsenstein sich erheben, um hinaus zu gehen und den vermeintlichen Kunden zu bedienen, als die Stubentüre ein wenig geöffnet und gleich wieder geschlossen wurde. Nur die Worte: „Ein armer jüdischer Handwerksbursche", waren leise gesagt worden. Frau Jsenstein setzte sich wieder, und der Hausherr rief laut: „Komm er herein." Herein trat ein junger, kräftiger Mann von 18 bis 19 Jahren mit einem Anflug von Bart über das ganze Gesicht und stellte sich, die Mütze in der Hand, neben der Türe aus. „Warum kommt er so spät?" „Ich bin bei dem schlechten Wetter langsam vorwärts gekommen; ich glaubte, ich käme noch bei Tag her." „Was ist er?" „Schreiner." „Warum ist er Schreiner geworden?" „Sie wissen doch, daß bei den Juden nur ein Sohn den Detailhandel treiben darf" — „Ich weiß, aber die meisten werden doch Metzger, Bäcker, Schuster, Schneider oder dergleichen, warum ist er Schreiner geworden, er wird doch als Jude nicht in die Zunft auf genommen." „Das weiß ich, aber ich hatte dazu besondere Lust." „Merkwürdig. Was tft denn sein Vater?" „Buchbinder." „Ach was, ich meine was er für ein Geschäft hat, nicht das Handwerk, das er gelernt hat?" „Er hat ein Gemischtwarengeschäft." „Bekommt er einmal das elterliche Geschäft?" „Nein, ich habe vier ältere Brüder." „Wo ist er her?" „Aus Steindorf." „Wie heißt er?" „Daniel Rosenberg." „Gut, ich will ihm einen Vorschlag machen, bleib er bei rnir und werde er mein Meschores." „Ich muß aber drei Jahre wandern in meinem Handwerk."