Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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10 bedeutendes Werk: „Essai sur Thistoire et la geographie de la Palestine d’aprös ies Thalmuds et les autres sources rabbiniques; I., Histoire de la Palestine Paris 1867,K1) Die von Neubauer eingereichte Arbeit wurde mit dem Preise der Akademie gekrönt, und er konnte sie im Jahre 1868. durch einen die außerpalästinensischen geographischen Daten des Talmuds enthaltenden zweiten Teil erweitert, veröffentlichen. Dieses über 500 Seiten starke Werk -- „La geographie du Talmud“ — ist dem Gedächtnisse Sätomon Munks als „hommage de respect, de reconnaissance et d’admiration“ gewidmet. Trotz so mancher Jrrtümer in Einzelheiten, die auch zu einer umfangreichen polemischen Schrift (I. Morgenstern: Die französische Akademie und die Geographie des Talmud, Berlin 1870) Anlaß gaben, muß doch das Werk, in dem zum ersten Male der gesamte geographische Stoff des Talmud in methodischer Form zur Darstellung gelangt, als überaus verdienstlich bezeichnet werden. Geiger nennt es „ein höchst brauchbares Hilfsmittel" (Jüdische Zeitschrift VII, 68), und Graetz erkennt än, daß „Neubauer den Preis wohl verdient hat", daß „sein Buch eine längst empfundene Lücke ausfüllt", und „daß die Autopsie seine Studien wesentlich gefördert hat". . Das Werk Neubauers Über die Geographie des Talmud ist auf dem Vortitelblatte als „Etudes Talmudiques, Premiere partie“ bezeichnet. Die Pläne, von denen diese Bezeichnung Zeugnis gibt, sind unausgeführt gebliebein Neubauer hat das Feld der Talmudstudien nicht wieder kultiviert. Bibliographie, Handschriftenforschung, Eruierung und Nutzbarmachung neuer Quellen, besonders auf dem Gebiete der mittelalterlichen jüdischen Literatur, bilbeten den hauptsächlichen Inhalt seiner Lebensarbeit. Während der fünf Jahre, die zwischen der Ausschreibung jener akademischen Preisfrage und dem Erscheinen von Neubauers preisgekröntem Werke verflossen, bereicherte er die Fachliteratur mit sehr beachtenswerten Publikationen. Im Jahre 1863 gab er im Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judentums zwei höchst interessante Briefe des Obadjia von Bertinoro (aus dem Jahre 1488) heraus. 1865 veröffentlichte er eine Sanunlnng verschiedener Quellenschriften zur hebräischen Verskunst, unter dem Titel „Melechet Haschir". In demselben Jahre ging Neubauer nach Sankt Petersburg, mit dem Aufträge, die karäischen Manuskripte der Sammlung Firkowitsch zu untersuchen. Von den Ergebnissen seiner Reise gibt er Rechenschaft in einem Berichte an den französischen Unterrichtsminister. Dieser Bericht erschien zuerst im „Journal Asiatique“, und dann (1866) in erweiterter deutscher Bearbeitung unter den Schriften des Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur. Der Titel lautet: „Aus der Petersburger Bibliothek. Beiträge und Dokumente zur Geschichte des Karäertums und der karäischen Literatur." Diese von Geiger (Jüdische Zeitschrift IV, 252) als höchst interessant bezeichnete Arbeit Neubauers enthält eine Fülle neuer und mannigfacher Belehrung über älteres und neueres karäisches Schrifttum, mit der ausgesprochenen Absicht, die durch Pinskers bahnbrechendes Werk hervorgerufenen Anschauungen über karäische Literaturgeschichte zu berichtigen und zu ergänzen. In diesen Jahren begann Neubauer auch jüdischen Fachzeitschriften Mitteilungen aus den Ergebnissen seiner handschriftlichen Forschungen zugehen zu lassen. In Geigers Jüdischer Zeitschrift (1863, 1867) gab er Auszüge aus dem 0 Diesen Sachverhalt kenne ich aus der persönlichen Mitteilung des verewigten Derenbourg. Pentateuchkommentar Jbn Balaams. Im fünften Bände von Löws Ben-Chananja zeigte er „die Wichtigkeit der jüdischarabischen Literatur" an Proben aus Maimunis Mischna- Kommentar und gab dann verschiedene Mitteilungen aus jener Literatur (Band VI, VII, VIII). In allen diesen Jahren seit Beendigung seiner Universitätsstudien war Neubauer, der sich längst sowohl vom Boden seiner Heimat als von dem ihm zugedachten theologischen Berufe losgesagt hatte, ein freier Adept der Wissenschaft, ohne die an Ort und Zeit gebundenen Pflichten, aber auch ohne das Gefühl der Sicherheit, das mit einer festen Lebensstellung gegeben ist. Sein ständiger Aufenthalt, den aber vielfache Reisen unterbrachen, war Paris. Es schien, als sollte er sich jener Garde ausländischer jüdischer Gelehrten anreihen, die in Frankreich ein Vaterland gefunden und zum Ruhme der französischen Wissenschaft und des französischen Judentums tätig waren. Aber es kam anders. Im Jahre 1868 begannen die engeren Beziehungen Neubauers zu Oxford. Die Verwaltung der Bodleiana hatte beschlossen, dem von Steinschneider im Jahre - 1860 vollendeten großen Kataloge ihrer hebräischen Druckwerke tzinen Katalog der hebräischen Handschriften folgen zu lassen. Mit der Anfertigung desselben wurde im genannten Jahre Neubauer betraut, der fortan einen Teil des Jahres in Oxford verbrachte und 1873 das Amt eines Unterbibliothekars erhielt. Als solcher hatte er nicht nur die orientalische Abteilung zu verwalten, sondern es wurde ihm auch das Departement der ausländischen Literatur übertragen, wozu er vermöge .seiner reichen Sprachkenntnisse und seines vielseitigen literarischen Wissens in ausnehmender Weise geeignet war. Sein äußeres Leben erhielt so den festen Rahmen einer sicheren und angesehenen Stellung, die seinen innersten Neigungen vollkommen entsprach und ihm eine unvergleichliche Gelegenheit zu wissenschaftlicher Arbeit darbot. Neubauer lag seinem Beruf als Bibliothekar mit nie erkaltendem Eifer ob. Neben den amtlichen Agenden, die jeder Tag mit sich brachte, und rieben der fortwährenden Arbeit am Kataloge war es besonders die Vermehrung der seiner Obhut anvertrauten Handschriftensammlung, was ihm am Herzen lag. Von der Liberalität der Bibliotheksverwaltung wirksam unterstützt, verstand er es, den Bestand der hebräischen Handschriften der Bodleiana stetig zu erweitern. Sein geübter Kennerblick ließ keine Gelegenheit zu neuen Erwerbungen vorübergehen. Und wie für die Verwaltung der handschriftlichen Schätze Oxfords, so war Neubauer auch für deren Verwertung der rechte Mann am rechten Ort. Durch ihn wurde der Einblick in jene Schätze den Fachkreisen in außerordentlichem Maße erleichtert. Mit nie versagender Bereitwilligkeit beantwortete er Fragen, erteilte er Auskünfte und ermöglichte er die Benutzung der Handschriften. Vor allem aber war er selbst ihr fleißigster Benutzer. Vom Jahre 1868 angefangen, veröffentlichte er zahlreiche Mitteilungen in den hebräischen Zeitschriften „Ha-Lebanoii" (Mainz) und „Ha-Maggid" (Lyck). Im Jahre 1869 gab er im „Journal Asiatique" eine samaritanische Chronik nebst Angaben über andere samaritanische Werke heraus. In der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" schrieb er 1870 über Joseph Jbn Aknin, dessen Identität mit Joseph ben Jehuda, dem Schüler Maimunis, er bestritt. In den Abhandlungen der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften gab er 1871 ein hebräisch-französisches Glossar heraus.