Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Trerrcföner Komitate geboren.1) Die Familie war seit langer Zeit Ln jener Gegend ansässig; noch ist das Dokument vorhanden, mit dem Loeb Neubauer im Jahre 1610 das Niederlasstmgsrecht in Kollaravitz, einer zum Bezirke Nagy-Bittse gehörigen Ortschaft, erhielt. Neubauers Vater Jakob (starb 1885 im Alter von 81 Jahren) war Kaufmann, der gründliches talmudisches Wissen besaß und seinen Erstgeborenen dem Rabbinerstande widmete.' Dies bestimmte den Bildungsgang Neubauers, über den jedoch nur dürftige Daten bekannt sind. Er selbst sprach nur sehr selten von seiner Jugendzeit, und Aufzeichnungen über sein Leben haben sich in seinem Nachlasse nicht vorgefunden. Als sein erster Lehrer darf Moses Neubauer gelten, ein Vetter seines Vaters, der Lehrer in Nagh - Bittse, dem — gewöhnlich als sein Geburtsort bezeichneten — Wohnorte seiner Eltern war und nachher Rabbiner in Kottesü wurde. Moses Neubauer war kein einseitiger Talmudist, sondern auch ausgezeichneter Kenner des Hebräischen; von seiner schriftstellerischen Begabung legt eine im Jahrgang 1847 der „Kochbe Jizchak" erschienene poetische Epistel Zeugnis ab. Die unter der Leitung Moses Neubauers begonnenen talmudischen Studien setzte Neubauer in Sillein (Zsolna) beim Rabbiner Grünbaum fort und besuchte dann die Jeschibas in Waag- Neu stadtl (Vag Ujhely) und Preßburg. Von hier kehrte der Jüngling in seinen Heimatsort zurück und wirkte eine Zeitlang als Hilfslehrer an der dortigen jüdischen Schule. Um diese Zeit begann er Lateinisch zu lernen und hatte hierin — wie seinerzeit Berthvld Auerbach in Nordstetten — einen milde gesinnten katholischen Pfarrer zum Lehrer. Zu Beginn der fünfziger Jahre ging Neubauer nach Prag, wo er die Lehrvorträge Rappoports hörte und sich die Gymnasialkenntnisie mit solchem Erfolge aneignete, daß er am 28. Juli 1853 in Preßburg das Zeugnis der Reife erhielt. Am 15. Dezember desselben Jahres wurde er als ordentlicher Hörer an der Prager Universität immatrikuliert, nachdem er schon vorher, in den Jahren 1851 und 1852, am dortigen Polytechnischen Institute alle mathematischen Fächer und an der Universität Französisch, Italienisch und Arabisch gehört hatte. Sowohl die linguistischen als die mathematischen Studien setzte er nun als ordentlicher Hörer fort, und er erhielt ein Stipendium, das es ihm ermöglichte, die Universität München zu beziehen. Hier hörte er 1854 bis 1856 mit großem Fleiße die Vorlesungen aus den morgenländischen Sprachen, sowie die über Aesthetik, Kunstgeschichte und römische Rechtsgeschichte, und erhielt am 15. Juni 1856 ein Abgangszeugnis. Dieses ist das letzte Dokument über den Verlauf seiner Studien. Erst viele Jahre nachher (1890) erhielt er von der Universität Heidelberg den Titel eines Doktors der Philosophie bonoeis causa, nachdem ihm schon vorher die Oxforder Universität beit Titel des M. A. erteilt hatte. Hefter die nächsten Jahre fehlen genaue Angaben. Neubauer scheint von München nach Paris gegangen zu sein und sich daselbst jenem Zweige der gelehrten Forschung Zugewendet zu haben, der fortan stets im Vordergründe seines wissenschaftlichen 'Interesses blieb: der Literatur der hebräischen Sprachwissenschaft und jüdischen Bibelexegese. In der Pariser Zeitschrift „LTTnivers Israelite“ 0 Die folgenden Daten verdanke ich zu großem'Teile den freundlichen Mitteilungen Prof. Adolf Vüchlers in London, einige derfelben Rabbiner Dr. Julius Wellesz in Nagy-Bittse, der über die Familie Neubauer einen kleinen Aufsatz in der „Magyar Zsido Szemle" (Jahrg. 1903, S. 268) veröffentlichte. (Bd. XII, 1857) veröffentlichte er einen Aufsatz über den Exegeten Menachem b. Simeon aus Posquiöres. Sowohl daS Beispiel Salomou Munks, dessen Studien zur Geschichte der hebräischen Sprachwissenschaft des Mittelalters und der jüdisch-arabischen Literatur neue Wege eröffnet hatten, als der Reichtum der Pariser National-(damals kaiserlichen)Bibliothek an handschriftlichen Schätzen, die diesem Gebiete angehörten, bewirkten, daß sich Neubauer, der durch seinen Bildungsgang dafür gut vorbereitet war, mit vollem Eifer auf diesen Teil des jüdischen Schrifttums warf. Seine erste, hierher gehörige größere Arbeit erschien im „Journal Asiatique“ in den Jahren 1861 bis 1862 unter dem Titel: Notice sur la lexicographie hebrai'que, avec des remarques sur quelques grammairiens posterieurs Ibn' Djanah. In die Jahre zwischen 1857 und 1861 fällt ein längerer Aufenthalt Neubauers in Jerusalem, wo er als Beamter des österreichischen Konsulats tätig war. Aus Jerusalem brachte er auch die Handschrift mit, die das in arabischer Sprache verfaßte hebräische Wörterbuch des alten Karäers David ben Abraham enthielt und ihm den Stoff für den wichtigsten Teil seiner erwähnten Abhandlung über die hebräische Lexikographie lieferte. Für diese Abhandlung benutzte Neubauer bereits Handschriften der Oxforder Bodleiana, seiner nachmaligen Wirkungsstätte. Die Abhandlung, deren erster Teil von Abraham Geiger („Jüdische Zeitschrift" I, 288) sehr sympathisch begrüßt wurde, erschien auch in besonderer Ausgabe (220 Seiten stark) in^ demselben Jahre, in dem Renan die im Eingang angeführten Worte schrieb. Uebrigens wissen wir aus dem Nachrufe, den Neubauer dem Verfasser des Lebens Jesu in. der „Jewish Quarlerly Review“ (Bd. V, Seite 200) widmete, daß sein Freundschaftsverhältnis zu Renan schon im Jahre 1857 begonnen hatte. In demselben Jahre, 1863, starb Neubauers Mutter (Amalie, geborene Langfelder). Dadurch wurde seine Der bindung mit der Heimat stark gelockert. Als vollends sein Vater im 63. Lebensjahre eine (neue Ehe einging, trat allmählich zwischen Vater und Sohn eine vollständige Entfremdung ein, zu der^ das Abgehen des letzteren von dem ursprünglich gewählten Lebenswege den ersten Anlaß gegeben hatte. Auch in den späteren Jahren besuchte Neubauer nur äußerst selten die Stätten seiner Jugendjahre. Doch welch warmer Familiensinn in^seinenüHerzen lebte, beweist sein Verhältnis zu dem Heranwachsenden Sohne feiner Schwester, dem gegenwärtigen Leiter des Jew’s College in London, dessen Haus das Asyl des Greifes werden sollte. Im genannten Jahre schrieb die Pariser Akademie der Wissenschaften eine Preisfrage aus, die Neubauer Gelegenheit bot, zu den Studien seiner Jugend zurückzukehren: Zusammenstellung aller geographischen, topographischen und historischen Daten über Palästina, die in beiden Talmuden, in den Midraschim und in den anderen Büchern der jüdischen Traditionsliteratnr zerstreut sind. Diese Daten sind in einem systematischen Ganzen darzustellen, nachdem sie einer eingehenden Kritik unterworfen und mit den in den Schriften des Josephus, des Eusebius, Hieronymus und anderer kirchlicher und profaner Schriftsteller enthaltenen Daten verglichen worden. Von den in Paris lebenden Gelehrten war in erster Reihe Joseph Derenbourg -zur Lösung dieser Preisfrage berufen. Er war auch bereits in der Sammlung des Stoffes stark vorgeschritten, als er dem ihm befreundeten jüngeren Fachgenossen zuliebe dem geographischen Teile der Aufgabe entsagte und sich auf den historischen beschränkte. Sv entstand Derenbourgs