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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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s was sich zum Antisemitismus bekennt, in seinem Lager sei, er hätte es fürwahr nicht gewagt, mit solcher Macht aufzutreten. Das Wort Antisemitismus übt in Oesterreich eine faszinierende Wirkung aus und einigt selbst die disparatesten Elemente.. Das weiß Lueger gut. Der wahre Freisinn ist bei uns totgefchlagen. Die Ernennung der acht Professoren wirkte auf diese Labans wie das rote Tuch auf ein gewisses Tier. Freilich, einige Professoren protestierten in einer Versammlung gegen Luegers Rede, sie verwahrten sich dagegen, Umstürzler, Religionslose genannt zu werden, es rauschte im Zeitungsblätterwalde und Lueger sah sich genötigt, eine Erklärung abzugeben, in der er, diplomatisch, wie er schon ist, behauptet, seine Worte seien nicht gegen die Professoren -gerichtet gewesen, sondern gegen die sich in den Universitätshallen herumbalgenden Jünger Apolls, die besser täten zu studieren als zu raufen. In dieser Beziehung sind wir allerdings mit Lueger ganz einverstanden. Und nun kam die Sache ins Parlament. Der Prager Universitätsprofessor, der Realist Dr. Massaryk, brachte einen Dringlichkeitsantrag ein, die Regierung möge die Universität vor den klerikalen Angriffen behüten und die Lern- und Lehrfreiheit, die durch die Staatsgrundgesetze gesichert ist, wahren. Herrn Professor Massarhks Antrag in Ehren, aber wir fragen: Hat er nicht mit diesem übers Ziel geschossen? Anders ausgedrückt: Hat er nicht mit seinem Anträge dem Doktor Lueger zuviel Ehre angetan? Der ruft jetzt wie die Fliege in der bekannten Fabel aus: Sehet doch, welchen Raub ich mache. Es heißt doch, meinen wir, dem Herrn Lueger zuviel Ehre antun, wenn man der Ansicht ist, er oder seine Kumpane seien mit ihrer „Rathauspolitik", oder, wie Massaryk so bezeichnend sagt, „Rathaustheölogie" imstande, das Rad der Zeit nach rückwärts zu drehen. So weit sind wir, dem Himmel sei Dank, nicht, daß man die „Kräutlerin", wie sich Lueger ausdrückt, an die Stelle der medizinischen Autoritäten setzt. Was für eine Summe von Geist, Redekunst, Witz, Satyre und — bekennen wir es — auch Wissenschaftlichkeit wurde in der jüngsten Debatte über Massarhks Antrag ins Feld geführt, gegen Luegers weinseliges Gerede! Auch die jüdischen Abgeordneten haben in dieser Redeschlacht ihren Mann gestellt, und man wird namentlich die Rede Mahlers, des Dozenten an der Prager Universität, zu den besten zählen, die in dieser Verhandlung gehalten wurden. Wir müssen uns unserer Vertreter nicht schämen. Wer hätte es vor kurzer Zeit noch gedacht, daß die Stimme des jüdischen Volkes in dieser Weise werde im Parlamente gehört werden! Man stelle Mahlers Rede der Luegers oder eines seiner Mitstreiter gegenüber, und jeder Unbefangene wird behaupten müssen, es ist dies gerade so, wie wenn man im alten Athen Perikles 'und Kleons Reden verglichen hätte. Worüber aber wurde in dieser, auf alle Fälle denkwürdig zu nennenden Debatte gesprochen? Man höre und staune: In unserer realistischen, materialistischen Zeit der Zuckersteuer, der Bankfrage, der Lebensmittelteuerung, der Konsumvereine, der Börsenstener und wie alle die schönen Dinge heißen mögen, über die sich unsere prosaischen Gemüter heute aufzuregen vermögen, wurde in akademischer Rede disputiert über das Verhältnis von — Glauben und Wissen. Man traut seinen Ohren nicht. Ist es uns nicht, als stiegen unsere Saadjas, unsere Maimonides und Crescas aus den Gräbern, als läsen wir ein Kapitel aus Spinozas theologischem Traktate, wenn . wir hören, wie in diesem Volksparlamente über die letzten Gründe aller Dinge, über Dogmatik, religiöses und sittliches Gefühl, über den Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft debattiert wird und der heilige Thomas von Aquino, dieser Hauptvertreter der Scholastik des Mittelalters, seine fröhliche Urständ im griechischen Palaste aus dem Franzensringe zu Wien feiert. Und der Graf Sternberg, dieses enkaat terrible des Parlaments, derselbe, der im verflossenen Sommer an einer Judenversammlung in Marienbad sich beteiligte, macht seine Zwischenrufe und spricht von einer Religion, die den Grundsatz aufstellt: „Zahn für Zahn, Auge für Auge" und der, die, angeblich zuerst, verkündet hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." (Siehe übrigens, werter Graf, Löwenjäger, und Romanschreiber 3. Buch Mosis, Kapitel 19, Vers 18.) — Dieses Oesterreich wurde mit Recht das Land der Unwahrscheinlichkeiten genannt. Nennen wir es das Land der Extreme. Und dies alles hat Lueger mit einer Rede auf dem Katholikeutage getan! Trösten wir uns: Er vermag heute viel in Oesterreich, aber eines wird er nicht vermögen: Den Geist der Wissenschaft zu verdunkeln. Hier, an der Schwelle, wo die Wissenschaft ihr Heiligtum errichtet hat, hört seine Macht auf. Ins Mittelalter lassen wir uns trotz Sternberg, Lueger, Thun und Drexel, es ist dies ein klerikaler Herr aus Vorarlberg, nicht zurückschrauben. Diese Lehre zogen wir aus der jüngsten Debatte in unserem Parlamente. Und das ist eine heilsame Lehre. Iwri. fldolk Mrudsuer. 1832-1907. Von Prof. Dr. Wilhelm Bacher. 3N der Einleitung zu Ernest Renans Leben Jesu (1863) finden sich folgende Sätze: „Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, alle Zitate, welche ich bringe, ohne eine einzige Ausnahme, im Original zu prüfen. Die Mithilfe, welche für diesen Teil meiner Arbeit mir ein gelehrter Israelit, Herr Neubauer, der in der talmudischen Wissenschaft sehr bewandert ist, hat angedeihen lassen, macht es mir möglich, noch weiter zu gehen und die zartesten Stellen meines Vorwurfs durch einige neue Zusammenstellungen aufzuklären. Hierbei ist das Auseinanderhalten der Epochen sehr wesentlich. .. . Wir sind dabei, soviel es bei dem jetzigen Standpunkte dieser Studien möglich ist, mit der größten Umsicht zu verfahren bestrebt gewesen." Durch diese Worte, die in einem der berühmtesten Bücher des 19. Jahrhunderts zu lesen sind, wurde der Name Adolf Neubauers in die große Oeffentlichkeit des europäischen Literaturlebens eingesührt. Von da an bewirkte seine durch vier Jahrzehnte fortgesetzte, unermüdliche gelehrte und schriftstellerische Tätigkeit, daß sein Name zu den Meistgenannten gehörte auf einem wissenschaftlichen Gebiete, dessen Erforschung und Erweiterung er sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte. Die Wissenschaft der jüdischen Literaturkunde zählt Adolf Neubauer unter ihre bedeutendsten und erfolgreichsten Forscher, und ein Blick auf sein Leben und Wirken ist gleichbedeutend mit einem Rückblick auf einen beträchtlichen Teil der Arbeit, die die jüdische Literaturforschung innerhalb des letzten halben Jahrhunderts geleistet hat. Als jene Worte Renans über die Mitarbeiterschaft Neubauers niedergeschrieben wurden, war dieser ein Dreißigjähriger, der nach mühevollen Lehr- und Wanderjahren in der Metropole Frankreichs ein vorläufiges Heim gefunden hatte. Adolf Neubauer wurde am 11. März 1832 in einem kleinen Orte des nordwestlichen Ungarn. Kottesö, im

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