Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
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7 Die jüngsten Konsistorialwahlen im Oberelsaß haben auch einen ganz anderen Verlauf genommen, als man erwartet hatte. In allerletzter Stunde, am Vorabend des Wahltages, erhielt jeder Wähler einen geschlossenen Brief, in dem drei Gegenkandidaten zur Wahl vorgeschlagen wurden. Von diesen wurden in der Tat zwei gewählt, nämlich die Herren Armand Bernheim-Mülhausen und Jaques Bloch kils - Gebweiler, während an dritter Stelle das ausscheidende Mitglied Wallach-Mülhausen wiedergewählt wurde. Diese Wahl dürfte von der Regierung kaum bestätigt werden, denn nach den geltenden Bestimmungen müssen Vier- Mitglieder des Konsistoriums, und somit zwei von den jetzt zur Wahl stehenden, in Colmar, dem Sitz des Konsistoriums, wohnen. Die Aufstellung der Gegenliste erfolgte übrigens als Protest gegen diese veraltete Bestimmung. Alsaticus. Briet aus Nrtterrrich. Dezember 1907. enn dem Doktor Lueger das, was sich jetzt in Oesterreich ereignete, nicht zu Kopfe steigt und ihn, den Selbstbewußten, immer mehr in der Meinung bestärkt, er sei der erste Mann in diesem Staate, dann wird es kein anderes Ereignis tun. Da warten die Leute außerhalb des Parlaments daraus, dieses werde sich mit der Ausgleichs- oder Budgetdebatte oder anderen derartigen nützlichen Dingen beschäftigen, dafür aber wurden wir mit einer regelrechten Kulturkampfdebatte beschenkt, wie wir sie, seitdem es überhaupt ein parlamentarisches Leben bei uns gibt, überhaupt noch nicht erlebten. Und wer hat dies alles getan, wer ist der Urheber all' dieser mehr oder weniger geistreichen Reden, die wir in den verflossenen Tagen zu hören bekamen? Kein anderer als der Herr von Wien, der König Artus und Richelieu dieses modern gewordenen Staatswesens. Die Kulturkampfdebatte verdient aber, insbesondere von uns Juden, mit Andacht verfolgt zu werden, denn schließlich und endlich, wie man bei uns sagt, wuchs sie sich zu einer regelrechten Judendebatte aus, und daraus könnten wir eigentlich stolz sein, hätten wir, um ein Goethesches Wort zu variieren, das Stolzsein uns nicht längst „abgewöhnt". — Die Juden scheinen den Herren wieder ein sehr schreckhaftes Gespenst geworden zu sein, sagen wir es gleich, sehr mit Unrecht. Der jüdische Teufel wurde mit sehr dicken Farben an die Wand gemalt, aber man tröste sich, es ist nur ein gemaltes Gespenst, das man nicht zu fürchten braucht. Wie ich schon in meinem letzten Briefe berichtete, wurde jüngst in Wien ein großer Katholikentag abgehälten. Es war ein Aufmarsch der ganzen großen llerikalen-christlich-sozialen Armee, die man, um gerecht zu sein, in der Tat als eine imposante bezeichnen muß. Unwillkürlich fragen wir uns mit stillem-Neide: Warum können wir nicht eine ähnliche Versammlung veranstalten? Hätten wir nicht auch manches wichtige auf einem großen Judentage zu besprechen? Doch dies, sind voreilige und vorlaute Fragen eines Menschen, der immer der Meinung gewesen ist, daß uns leider immer noch Mikwah und ähnliche Fragen höher stehen als die wirklich brennenden Angelegenheiten. die zu einer Diskussion förmlich drängen. Die Wiener Juden haben also ihre Mikwah, die Mannen Luegers aber hatten ihren Katholikentag. Auf diesem hielt nun der große General Heerschau über feine Legionen und redete sie ein paarmal an. Man kennt Luegers Reden. Durch große Tiefe zeichnen sie sich nicht aus; desto mehr durch Volkstümlichkeit, durch eine man möchte sagen, allzudurchsichtige Deutlichkeit. Luegern geht die Zunge mit alledem durch, was er auf dem Herzen hat. Und er hat viel auf dem Herzen. Er möchte zum Beispiel ganz Oesterreich erobern und sich untertänig machen. „L'etat c'est moi“, das heißt, ins gute Luegerisch übertragen: Der christlich-soziale Staat, der bin ich. „Ich, ich und kein anderer." Wie drückte er sich doch bei einem Bankett aus, das die Partei zu Ehren ihrer Siege im Ministerium gab? Er sagte etwa: „Glaubet ja nicht, lieben Freunde, ich sei ein untergehender und mein Freund Geßmann ein aufgehender Stern." Aus Untergehen denkt also Lueger noch lange nicht. Und in der Tat, wenn einer von sich sagen kann, er sei derjenige, von dem in den verflossenen Tagen am meisten in Oesterreich gesprochen wurde, so ist dies beileibe nicht unser Ministerpräsident, sondern der Generalgewaltige Dr. Lueger, ohne eine Exzellenz zu sein. Nun drückte den Herrn Bürgermeister etwas in der Herzgegend, er litt an einer Magenindigestion, die aber mit seiner Krankheit nicht das geringste zu tun hat. Die Krankheit scheint er nämlich gründlich überwunden zu haben. Ihn drückten wieder die — Juden. Wurden da nämlich, just um die Zeit, als der Katholikentag seine Versammlungen abhielt, acht, sage und schreibe, acht jüdische Professoren für die Wiener Universität, und zwar für die medizinische Fakultät ernannt. Man kann sich leicht denken, daß es nicht untüchtige und unwürdige Männer waren. Wir wollen auch nicht untersuchen, wie viele von ihnen aus dem Schoße Abrahams in einen viel sicheren Schoß übergegangen sind; von einem unter ihnen weiß man dies mit Sicherheit. Diese acht, sagen wir Judenstämmlinge oder Judengenossen, hatten Luegern, Bielohlawek und Konsorten den Schlaf geraubt. Da ging nun Lueger hin und redete über die Universität, und was er redete, war Galle, und was er sprach, war Gift. Er redete über die Verjudung der Universität. Verjudung aber, das ist für ihn gleichbedeutend mit Religionslosigkeit, Umsturz — kurz Revolution. Wenn wir in unseren Geschichtsbüchern nachblättern, hören wir dieses alte Lied schon aus verflossenen Zeiten. Man sprach von der Empörungssucht der Juden, als sie sich den zweiten Tempel bauten, und ein alter Schriftsteller, dem in dieser Beziehung mehr zu glauben ist als dem Josephus, behauptet, Titus, nicht seligen Angedenkens, hätte den Tempel der Juden zerstören lassen, um diesen Gegenstand des Aberglaubens der Juden — freilich fügt der alte Geschichtsschreiber hinzu: auch der Christen — man scheint eben damals zwischen Juden und Christen noch nicht unterschieden zu haben — vom Erdboden verschwinden zu machen. Denn so lange die Juden ihren Tempel hatten, also meinte man, würden die ewigen Aufstände nicht aufhören. Doch kehren wir von dem alten Sulpicius wieder zu Lueger zurück. Dieser forderte nun seine Scharen auf, die Universität zu erobern, die religionslosen, umstürzelnden Juden in die Flucht zu schlagen und das Zeichen des christlichen Sozialismus auf den Zinnen der Universität auszupflanzen. Jetzt wird in den liberalen Blättern Lärm geschlagen. Der Liberalismus wird nochmals in den Kamps gerufen. Aber wo sind die Liberalen? fragen wir. Haben sie sich nicht mit Luegers Genossen verbündet und ihnen zum Siege verholfen? Sind es doch die Deutschradikalen gewesen, denen manche Freunde Luegers ihre Wahl zu danken haben. Einer von ihnen hat sich im Parlamente offen zum Antisemitismus bekannt, und die Ernennung der „jüdischen" Professoren scharf verurteilt. Mit solchen Gegnern kann Luegers Rufer im Streite, der famose Bielohlawek, leicht fertig werden. Wüßte der Wiener Allgewaltige nicht, daß alles,