Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228800--64092-3276140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Wohl nannte jemand eine derartige Wahlkampagne, wie wir sie jetzt innerhalb anderthalb Jahren zweimal erlebt haben, und zwar dieses Mal in vermehrter und unverbesserter Auflage, ein Lustspiel — und wahrlich, mancher unter uns hätte unwillkürlich gelacht, wenn — der Narr nicht sein gewesen wäre. Aber an dem Lächerlichen, das man unschwer in all dem Geschreibsel finden konnte, vermochte sich schließlich doch nur der zu ergötzen, dem die Würde des Judentums oder doch wenigstens ein würdiges Austreten unserer Gemeinschaft gleichgültig ist. Denn^ es war im Grunde genommen ein trauriges Schauspiel, das mit der Wahlhandlung noch nicht seinen Abschluß erreicht hat. Am 31. Dezember läuft die achtjährige Amtsperiode ab, nach der ordnungsgemäß drei weltliche Mitglieder auszuscheiden haben, die aber wieder wählbar sind. Volle acht Jahre gehörte dieses Mal keiner der jetzt ausscheidenden Herren dem Konsistorium an. Herr Gustav Stein wurde 1902 gewählt, als infolge der Amtsniederlegung dreier Mitglieder eine Ergänzungswahl notwendig geworden war. Herr Stein lehnte jetzt eine Wiederwahl ab, ein Entschluß, der allgemeines Bedauern hervorrief. Denn so wenig auch von der Tätigkeit unserer Kultusbehörde in die Oeffentlichkeit dringt, ,so weiß man doch, daß gerade Herr Stein stets voller Pflichteifer und mit tiefem Sachverständnis seines Amtes gewaltet hat. Die beiden andern ausscheidenden Mitglieder, die Herren Aron Durlach-Sträßburg und Meyer-Scheyen-Oberehnheim, wurden erst im vorigen Jahre gewählt an Stelle zweier verstorbener Mitglieder, deren Mandat jetzt abgelaufen gewesen wäre. Diese stellten ihre Kandidatur wieder auf zusammen mit einem Straßburger Bankdirektor,Herrn Kommerzienrat Kausfmann. Als Gegenkandidaten präsentierten sich die Herren Cohn, Inhaber des Straßburger Warenhauses Hermann Tietz, Rentier Reishofer, ebenfalls in Straßburg, und ein ZabernerBankier. . Jeder nur einigermaßen Eingeweihte konnte bald einen nicht unwesentlichen Unterschied zwischen den Aufrufen der beiden ersten Parteien heransfinden. Auf der einen Seite war es ein Bewerber um das Mandat selbst, Herr Aron Durlach, der die Agitation leitete, die Aufrufe verfaßte oder redigierte, kurz in jeder Weise tätig war, um seine Wiederwahl durchzusetzen; auf der andern Seite dagegen waren es nicht die Kandidaten, sondern einige Mitglieder des Wahlkomitees, die den ganzen — Rummel in Szene setzten, so daß auf dieser Seite die im jüdischen Leben bisher unbekannten Herrn eigentlich nicht viel taten, um ihre Fähigkeit für das erstrebte Amt zu beweisen, was schließlich naturgemäß auch nichtganz ohne Einfluß auf die Entscheidung der Wähler bleiben konnte. Die beiderseitigen Programme boten nicht viel Bemerkenswertes — höchstens, daß zu unserm gewaltigen Schrecken uns die Gründung eines Rabbinerseminars in Straßburg versprochen wurde —; sie wiesen keine nennenswerten Gegensätze auf und ließen beide sehr viel an Klarheit und richtigem Verständnis der Bedürfnisse des Bezirks und der Aufgaben der Konsistorien vermissen. So sehr sie aber auch die Kritik herausfordern, auch noch nach der Entscheidung, so glauben wir doch an dieser Stelle nicht näher auf sie eingehen zu müssen, weil schließlich doch kein Mensch von ihnen sprach. Denn der ganze Wahlkampf wurde nicht sachlich, sondern in der allerpersönlichsten Weise geführt. Hier überbot ein Zirkular das andere, eine Erklärung die andere in der Verhimmelung, dort in der Beschimpfung und Verächtlichmachung des Herrn Durlach, was natürlich für die erste Partei kein Hindernis war zu Ausfällen gegen die Gegner, noch der Selbstverherrlichung der anderen Partei Abbruch tat. Düs einzig Erfreuliche war eine Neuerung, die man als einen allerdings noch sehr ungenügenden Anfang zur Erfüllung eines immer und immer wiederkehrenden und stets lauter geäußerten Wunsches nach Veröffentlichung von Berichten über die Konsistorialsitzungen betrachten kann: Herr Durlach hielt in Straßburg und in mehreren Landgemeinden Wählerversammlungen ab, in der er Bericht über seine bisherige Tätigkeit erstattete. Am 3. v. M. fand die Wahl statt. Die Liste Durlach siegte mit großer Mehrheit. Ueberrascht hat dieses Resultat wohl niemanden. Wußte man doch, daß die Mehrheit der Landgemeinden für diese Kandidaten stimmen würde. Denn einerseits gilt Herr Durlach daselbst als „frömmer", denn die übrigen Herren. Den Komparativ kann man ja wohl schon gelten lassen. Die Gegenpartei wollte allerdings selbst diesen nicht gelten lassen, obgleich Herr Durlach schon einmal in der Straßburger orthodoxen Separatgemeinde eine aktive Rolle gespielt hat. So ganz anspruchsvoll in bezug auf Frömmigkeit sind unsere Dorfjuden aber schließlich auch nicht mehr, und sie sind schon zufrieden, wenn jemand wenigstens „ein bissel Jud" ist. Anderseits gehörte Herr Durlach zwar bereits dem Konsistorium an, wird aber keineswegs zur sogenannten Konsistorialpartei gerechnet. Auch das sprach sehr zu seinen Gunsten, zumal er sich seinen Kollegen noch nicht assimiliert hatte, sondern gerade während des Wahlkampfes nochmals hart mit ihnen Zusammenstieß, so daß es zu einer stürmischen Sitzung und einer Demission kam. Das Konsistorium ist aber so unpopulär auf dem Lande, daß man recht gern diejenigen wählt, von denen man eine „Opposition" erhofft. War es somit nicht schwer, das Wahlresultat in den Landgemeinden vorauszusagen, so war man um so gespannter auf das Stimmenverhältnis in Straßburg selbst. Hier erhielten beide Listen ungefähr die gleiche Stimmenzahl. 'Das bedeutete einen moralischen Erfolg und den eigentlichen Sieg Durlachs. Inzwischen hat freilich das Konsistorium, das in erster Instanz als Wahlausschuß zu fungieren hat, die ganze Wahl einstimmig an n ul li er t. Und nun sieht man nicht ohne Bangen einer baldigen neuen entgegen. Schließlich kann es in der Tat kein besonderes Vergnügen sein, dem Konsistorium anzugehören. Sind es doch zum großen Teil die kleinlichen Zänkereien der großen und der kleinen und der allerkleinsten Gemeinden, die ihnen Arbeitsstoff liefern. Die Wünsche der Bevölkerung betreffs einer Reform der Verwaltungsverhältnisse können aber von einein Konsistorium nicht erfüllt werden. Das müßte schon in den drei Bezirken in einheitlicher Weise geschehen. Das ist aber zurzeit unmöglich. Denn die einzige wirklich machtvolle Persönkeit, die die drei Konsistorien besitzen, ist gegen jede Aenderung. Dessen ist sich jeder bewußt, der die hiesigen Verhältnisse überschaut. Das kann natürlich kein Hindernis sein, dennoch diesbezügliche Wünsche zu äußern.. Ist es doch immer angebracht, das Interesse für diese Fragen wach zu erhalten. Unsere Zustände sind zudem so unhaltbar geworden, daß man in manchen Kreisen sogar erwartet, die Regierung werde die Initiative ergreifen. Möglicherweise ist wieder einmal der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen. Immerhin beschäftigt sich auch die Kirche Augsburger Konfession, zurzeit mit einer Verfassungsreform. In der katholischen Kirche ist die Frage der Kirchensteuer wieder angeregt worden. Sollte nur bei uns, die wir schon allein durch die Verschiebung der Bevölkerung die meisten Wandlungen seit dem Bestehen cher jetzigen Ordnung der Dinge durchgemacht haben, alles beim alten bleiben? Im Interesse des Judentums wollen wir dies nicht hoffen. —