Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
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Wenn ich mir also die Aufgabe, das Werk in seiner praktischen Ausgestaltung und seinen Erziehungsgrundsätzen zu skizzieren, auf einen späteren Zeitpunkt aufhebe, wo es auch nach außen imposant und achtungheischend in Erscheinung tritt, so sei nur das eine gesagt, daß der Direktor Rabbiner Dr. Finkel für seinen neuen Berus die entsprechenden Qualitäten mitzubringen scheint. Ich meine nicht die wissenschaftliche Befähigung, die versteht sich von selber, sondern eine weit unentbehrlichere und unerlernbare, eine Gabe, die auch nicht durch die tiefsten psychologischen Studien oder selbst Forschungen erworben werden kann und die doch dem Erzieher und Charakterbildner erst das wahre geistige Antlitz verleiht, die Gabe, die eigentlich selbstverständlich ist und doch so selten gefunden wird, ich meine die Gabe: Mensch zu sein. Wenn zum Kriegführen Geld, Geld und wiederum Geld erforderlich ist, so ist zur Leitung eines Waisenhauses Geduld, Geduld, abermals Geduld notwendig. Pestalozzis Geist muß über allem walten. Einmal der Hauch der Sanftmut, unzerstörbarer Geduld und unerschöpflicher Hingebung für das Ideale und dann der Geist, dem nicht menschliches fremd, der alles begreift und alles verzeihen kann. Ein Schuß von Energie muß natürlich dem Verständnis' für menschliche Schwächen und verzeihenden Nachsicht stets beigemischt sein. Nach seinen Erziehungsgrundsätzen befragt, gab mir der Leiter des Heims eine durchaus befriedigende Erklärung. Einmal schwebe ihm als Ideal die möglichst völlige Ersetzung des elterlichen Hauses vor Augen und zweitens eine tiefgehende Individualisierung in der Behandlung nach den Gesichtspunkten der vorhandenen geistigen und Charakteranlagen. Vor allem dürfen die Kinder in keinem Augenblick von der eisigen Lust der Fremde fich angeweht fühlen; das Heim ist ihr Heim und auch die Stätte ihrer jugendlichen Laune, Lust und Freude. Es genügt also nicht, daß die kalte Pflicht, der überlegene Verstand, die nüchterne Berechnung, die erstarrte Doktrin ihr Szepter führt. Wenn die Pfleglinge gehegt und gepflegt, erzogen und geleitet, beschützt und beschirmt werden, so soll das kein Ausfluß eines toten Systems sein. Geist und Gemüt, Charakter und Triebe können nur in der Atmosphäre mütterlicher Liebe gedeihen, und eine solche über das Heim zu verbreiten, möge das Ziel seines unausgesetzten Strebens sein. Dann aber auch keine Kaserne, kein Drill, kein Herdengeist/ kein Massentrieb, keine Abstempelung, sondern Ueberwachung, Beobachtung, Leitung und Lenkung der Neigungen und natürlichen Begabungen jedes Zöglings. Diese Tendenz ist zunächst ja auch unschwer zur Geltung zu bringen. Selbst wenn die jetzt neun Zöglinge auf 20 und 25 anwachsen, so wird der Rahmen der Familie dadurch noch nicht gesprengt. Auch sonst soll das Heim von beengenden Fesseln weniger eingeschnürt sein als gewöhnliche Waisenhäuser. Die Aufnahmefähigkeit ist kaum an eine andere Bedingung als an die der Bedürftigkeit gebunden. Kinder, deren Eltern noch leben, sind also von der Aufnahme keineswegs ausgeschlossen. So stellt sich das Heim zugleich als eine praktische Ergänzung zu den bestehenden Waisenhäusern dar, das nunmehr wirklichen Waisenkindern Vorbehalten bleiben kann, ohne eine Lücke fühlbar zu machen. Auch ein wohltuender religiöser Hauch durchweht die neuen Räume. So ist eine neue Blüte am Baume wohltätiger Unternehmungen aufgebrochen, und wir wollen nur wünschen, daß es ihr weder an belebendem Sonnenschein, noch an befruchtendem Tau, noch an den sonstigen Wachstümsbedingungen fehle. Uns dem Mah. . Ende Dezember, ie schönen Worte des Kaiserlichen Statthalters an das Israelitische Konsistorium, die ich Ihnen bereits mitgeteilt, werden gewiß nicht verfehlen, ihm die Herzen der elsässischen Juden zu gewinnen, wie sie sicherlich auch weit über die Grenzpfähle Elsaß-Lothringens hinaus einen wohltuenden Eindruck machen werden. Aber auch das Konsistorium darf der Zustimmung weiter Kreise sicher sein, daß es sich nunmehr entschlossen hat, aus seiner Reserve herauszutreten und sich freimütig über die Zurücksetzung unserer Kultusbehörden ausgesprochen. Als der Kaiser im September 1893 in Metz weilte, wurde Oberrabbiner Ury (jetzt in Straßburg) zu den gleichen Festlichkeiten und Diners eingeladen, an denen die Vertreter der katholischen und protestantischen Geistlichkeit teilnahmen. Seither fand meines Wissens keine derartige Einladung mehr statt. Ob dies mit der Statthalterschaft des Fürsten Hohenlohe-Langenburg, die im Oktober 1894 begann, zusammenhängt, ' möchte ich dahingestellt sein lassen. Bei den Statthalterbällen fand eine derartige Zurücksetzung jedenfalls nicht statt. Von irgendwelcher Beschwerde seitens unserer Konsistorien hat man aber, abgesehen von einer Eingabe des Metzer Konsistoriums betreffs der Nichtzuziehung eines Rabbiners zur Einweihung der Denkhalle für die in der Schlacht bei Gravelotte gefallenen Krieger im Jahre 1905, nie etwas gehört. Wohl aber hat dieses Schweigen bei einem großen Teil der hiesigen Bevölkerung eine wenig schmeichelhafte Beurteilung gefunden. Es dürften deshalb diejenigen nicht so ganz im Unrecht sein, die der Ansicht sind, daß die „lebhafte Entrüstung", die nach der „Str. Bürger-Ztg." dieser „Bittgang um Fürstengunst" hervorgerufen haben soll, weniger dem Inhalt der Worte des Herrn Durlach gilt, als dem Umstand, daß dieser Herr sie gesprochen hat. Herrn Durlach suchen seine Gegner immer noch möglichst viel am Zeuge zu flicken. Von einem „Verlangen einzelner nach Hofgunst", wie die „Franks. Ztg." es nennt, kann niemand reden, der die Stimmung im Konsistorium kennt; es ist vielmehr die Gesamtheit der elsässischen Juden, die sich zurückgesetzt fühlt, wenn die israelitischen Konsistorien bei offiziellen Gelegenbeiten keine Berücksichtigung finden. Als bei dem Kaiserbesuch im Mai der Präsident des Direktoriums der Kirche Augsburger Konfession, Dr. Curtius, wegen der Memoiren Hohenlohes nicht zur Kaisertasel zugezogen wurde, bat das Direktorium sofort um eine Audienz beim Statthalter, und als ihm diese nicht gewährt wurde, erhob es schriftlichen Protest, weil es in der Uebergehung des Präsidenten eine Beleidigung des gesamten elsässischen Protestantismus erblickte. Warum sollten wir deshalb in dieser Frage nicht solidarisch sein? Tief zu bedauern wäre es, wenn> unsere Gemeinschaft die Berechtigung des vom Konsistorium vorgetragenen Wunsches nicht anerkennen würde. Hoffen wir, daß infolge der wohlwollenden Gesinnung, die Graf Wedel gegen die Juden hegt, bald jeder Grund zu allen Klagen dieser Art beseitigt werde. Sind es auch nur äußerliche Ehren, die in Frage stehen, so läßt doch ihre Erweisung oder Nichterweisung den Schluß zu aus den Ernst, mit dem man die Gleichberechtigung der Konfessionen durchzuführen gesonnen ist. — Wieder einmal sind im Unter-Elsaß Konsistorialwahlen gewesen. Am 3. v. M. haben wir den Gang zur Urne unternommen, alle von dem voraussichtlich leider vergeblichen Wunsche beseelt, daß die Gelegenheiten zur Erfüllung diesen Pflicht in Zukunft etwas weniger hageldicht aufeinander folgen möchten.