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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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Zu diesem kommen noch hinzu MaiS- und Luzernefelder, über derendiesjährige Ausdehnung uns bis jetzt genaue Zahlen fehlen. Wir schätzen, daß an 7000 bis 8600 ha mit Mais besät find und daß die Luzerneäcker, die Anfang des Jahres 19 300 ha einnahmen, sich seitdem um 7000 ha vergrößert Haben. .In Mosesville sind acht Pressen für Luzerne im vollen Gange. Der größte Teil dieser Pressen gehört den Kolonisten. Die Banmknltur beginnt ebenfalls in den Kolonien einen gewissen Aufschwung zu nehmen. Zwei Kolonisten in Mauricio haben vier frühere Zöglinge der Ackerbauschule in Orgeiew (Bestarabien) damit beauftragt, einige Gehölze von Weiden und Pappeln, sowie eine gewisse Anzahl von Fruchtbäumen zu pflanzen. Der eine dieser Kolonisten läßt 15000 Weiden und Pappeln, 600 Fruchtbäume und i00 Weinstöcke pflanzen. Ein erfreuliches Zeichen des Aufschwungs der Viehzucht in den Kolonien ist ebenfalls zu melden. Bei einer landwirtschaftlichen Ausstellung, die neulich in Rafaela (Provinz von Santa-Fe) stattgefunden hat, haben mehrere Kolonisten aus Mosesville Zuchttiere ausgestellt, welche allgemeine Aufmerksamkeit erregten. Einer derselben, Hirsch Kaller, hat ein Pferd der Percheronrasse präsentiert, das den ersten Preis davongetragen hat und dessen Wert auf 5000 Pesos (zirka 9000 Mark) geschätzt worden ist. Derselbe Kolonist hat Preise für andere Tiere erhalten. Ein anderer Kolonist, Trumper, hat eine bei ihm geborene Stute für 200 Pesos (zirka 350 Mark) verkauft. Ein dritter namens Rothmann hat für 500 Pesos (900 Mark) einen Zuchtstier gekauft, der dazu bestimmt ist, die Rasse seiner Herde zu verbessern. Gleichzeitig vermehrt sich die Erzeugung von Milch. Die Butter¬ und Käsefabriken in Clara empfangen und verarbeiten zirka 30 000 Liter Milch pro Tag. Die Butterfabrik in Lucienville ist nicht imstande, sämtliche Milch zu verarbeiten, die ihr geliefert wird; man ist im Begriffe, die Produktion der Maschinen zu verdoppeln. Größere Summen werden jetzt allwöchentlich aus den Kolonien nach Europa (hauptsächlich nach Rußland) an Verwandte gesandt. Neulich ist eine Kollekte für die Verunglückten in Casablanca veranstaltet worden, die eine ganz hübsche Summe eingebracht hat. Lin neues jüdisches Msilenhsus. Von Bernhard Traubenberg. eit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist die Zahl der jüdischen Waisenhäuser unverändert die alte geblieben, obwohl die Berliner Gemeinde selbst die tiefgreifendste Umgestaltungen nach jeder Richtung "erfahren hat. Die Mitgliederzahl hat sich seitdem verdoppelt und bildet jetzt ein Drittel der Gesamtmasse der preußischen Judenheit, während ihre wirtschaftliche Kraft sicher noch einen höheren Prozentsatz darstellt. Kurz als sozialer und kultureller Faktor wird die Gemeinde von keiner anderen Schicht von ähnlicher Größe übertroffen oder auch nur erreicht. Auf dem Gebiete der Waisenpflege scheint aber die Entwicklung mit dem allgemeinen Wachstum nicht gleichen Schritt gehalten zu haben. Das ist sehr beklagenswert, da ein Stillstand bei sonst so ins Große gediehenen Verhältnissen einem bedenklichen Rückschritt gleichkommt. Auch in räumlicher Gliederung hat sich das Bild sehr verschoben, und zwar, dem Zuge der Zeit folgend, zugunsten der westlichen Peripherie. Der alle Schranken niederreißende Dräng nach dem Westen ließ auch die Juden in immer stärkeren Schwärmen der City den Rücken kehren, um sich schönere, geräumigere und gesündere Wohnquartiere aufzusuchen. Diesen Zug nach dem Westen haben die jüdischen Institute und Anstalten nicht mitgemacht. Im Gegenteil, je wilder die Flucht nach dem vornehmen Westen wurde, desto weiter rücken Alters-, Kranken-, Waisen- und Lehrlingsheime nach den Armenviertelü des hohen Norden? hinaus. Um so freudiger zu begrüßen ist es, daß nun aus Charlottenburger Boden ein erster Keimling zu einer jüdischen Anstalt, emporsprießen will, dem hoffentlich in nicht zu langen Intervallen andere folgen werden. Ich sage absichtlich ein Keimling, denn vorläufig haben wir es mit einer überaus zarten Pflanze zu tun, die des „gold'enen" und befruchtenden Sonnenscheins noch in reichem Maße bedarf, um zu normalem Gedeihen zu gelangen. Um diesen neuen Zweig am Baume jüdischer Nächstenliebe einer persönlichen Besichtigung zu unterziehen, pilgerte ich, einer freundlichen Einladung folgend, an einem kalten Spätnachmittag dieses Herbstes in das Dichter- und Philosophenviertel der westlichen Vorstadt, die der Berliner Oberbürgermeister gelegentlich der 200-Jahrfeier Charlottenburgs den jüngeren Bruder nannte, an dem sich augenscheinlich das Wort im Segen Jakobs: der ältere soll dem jüngeren dienen, zu erfüllen scheint. In der Leibnizstraße hat das neu begründete Liebeswerk sein Heim aufgeschlagen. Das wußte ich genau; die Straßennummer dagegen war mir entfallen, und ich mußte mich dem Zufall überlassen, von dem ich hoffte, daß er mich das Ziel' nicht werde verfehlen laffen. Aber der Zufall ist ein schlechter Wegweiser, der viel Zeit und Mühe verschlingt, wenn ich auch, keineswegs sagen möchte, daß er langweilig ist. Denn die Mühe des Suchens wird durch den Lohn des Findens ja reichlich vergolten. Nachdem ich die eine Straßenseite, wenigstens zu einem Teile, prüfend und forschend, als ob es sich um eine wichtige Entdeckung handelte, abgeschritten war, verzweifelte ich schon am Erfolge und wollte Kehrt machen, um meinen Besuch so lange zu verschieben, bis ich mich betreffs der Lage der Anstalt auf genauere Angaben stützen konnte; denn das buchstäblich noch in den „Kinder" schuhen steckende Waisenhaus konnte sich doch weder durch monumentale Bauart, noch durch auffallende architektonische Gliederung, noch durch gewaltige Ausmessungen verraten. Trotzdem unternahm ich in der längst hereingebrochenen Dunkelheit noch einen Versuch, um mein Wanoerziel zu erreichen, und versuchte mein Heil auf gegenüberliegender Straßenzeile. Und siehe da, sehr bald leuchtete mir aus der Finsternis von einem blitzblanken Messingschilde die Aufschrift: Jaffa'sch es Fürsorge- und Waisenheim der Großloge Vllll. U. O. B. B. in die Augen, mir wiederum wie so oft das Wort des Dichters, daß Segen der Mühe Preis sei, veranschaulichend. Das Heim war sehr bald besichtigt. Und was ich sah, befriedigte mich durchaus. Man erwarte aber keine eingehende Schilderung einzelner Details von. mir über das Heim, seine Insassen, seine Einrichtungen und Besonderheiten. Denn das Erfreuliche liegt zunächst noch mehr in der Zukunft wie in der Gegenwart. Ueber einen bescheidenen Anfang ist es noch nicht hinausgekommen. Aber dieser Anfang ist vielverheißend sowohl durch die Gründer wie durch die Grundsätze, die der jungen Schöpfung das Dasein eingeflößt haben. Zudem scheint es eine ausgemachte Sache zu sein, daß es bei Waisenhäusern nicht so sehr auf den Reichtum.als auf die Reinheit der Quelle ankommt, deren sie entspringen. Die einstweilige Kleinheit ist fast eine sichere Gewähr für künftige Größe. Sin Blick auf die Entwickelung der größten Waisenhäuser Deutschlands zeigt sofort ihren unscheinbaren Ursprung. Gerade die kleinsten Gründungen sind zu machtvollen Faktoren im Kämpfe mit Leid und Ungemach geworden. Es sei nur das größte Werk Deutschlands dieser Art genannt, das Hallesche Waisenhaus, das heute Mllionenwerte darstellt und mit einem Taler Vermögen gestiftet wurde.

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