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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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3 des Antisemitismus jeden Morgennach Ausrmhmegesetzen gegen die Juden schrien/bereiteten sie den Böden-vor für Ausnahmegesetze auch gegen andere als Juden. Wenn sie eine Revision der jüdischen Vermögen, verlangten und mit der Konfiszierung der Reichtümer der jüdischen Bänken kokettierten, dachten sie nicht daran, daß die von ihnen propagierte Methode der Enteignung eines Tages vom Staat und dem antiklerikalen Parlament auch gegen andere als jüdische Bankiers und jüdische Taschen angewendet werden könnte. Wenn sie indessen die Geschichte gefragt hätten, würde sie ihnen gesagt haben, daß es so kommen mußte. Sie würde sie belehrt haben, daß das, -was den Völkern und den Parteien an Ausnahmegesetzen und Konfiskationsprojekten gefällt, das Prinzip ist, und daß dieses Prinzip, wenn es einmal zur Anwendung gelangt, sich unbedingt und schnell im Wechsel der Interessen und der Leidenschaften des Tages gegen die kehren wird, die es heraufbeschworen haben." * Erst nach und nach erfährt man, welch heldenmütige Kämpfe die Juden von Casablanca anläßlich der großen Massakers bestanden haben. Pariser Blätter erzählen, daß zwei Stunden nach Her Ermordung der neun Europäer, welche die Intervention Frankreichs herbeisührte, der Chef des französischen- Konsulates M. Neuville sich die Hilfe einiger Männer aus der französischen Kolonie erbat, um die Leichen der Ermordeten in Sicherheit zu bringen. Es hatten sich zehn Männer freiwillig gemeldet, unter ihnen befanden sich die fünf Juden: Ben Me, Moise Alexandre, Elias Gutta, Zebul Levy und Bensadon. Am Tage der Massakers haben sich zahlreiche Juden heldenmütig verteidigt. Eine Gruppe von dreißig Juden verteidigte einen ganzen Tag hindurch den Eingang zur Bhira (einen Teil der Mellah) gegenüber der Bevölkerung und schlugen mehrere Anstürme erfolgreich zurück. Simon Thimä kämpfte volle 48 Stunden ganz allein auf der Terrasse seines Hauses und ergab - sich erst, als ihm die Munition ausgegangen war. Jakob Zagury, Dolmetsch beim französischen Konsulat, wagte mit bewunderungswürdiger Kaltblütigkeit sein Leben. Joseph Renchetrit hat allein eine Anzahl gefangener Frauen und Kinder vor sicherem Tode und schmählicher Schändung befreit und gerettet, und David Amar gab sein ganzes bescheidenes Vermögen her, um diese Befreiten in Sicherheit zu bringen. Unter den Frauen ragt die Gestalt der Hanna Amar hervor, die, in Gefangenschaft geraten, sich vor der gewaltsamen Schändung dadurch errettete, daß sie ihren Angreifer mit seinem eigenen Dolch erstach und dann sich selbst das Leben nahm. Die Tragik dieser echt jüdischen Frau ist um so größer, als sie erst zwei Wochen mit einem geliebten Manne verheiratet war. Aehnlich erging es auch der jungen Setj Parienti, die stundenlang mit ihrem Ergreifer kämpfte, bis der wütende Araber die Unbezwingbare niederstach und die Märtyrerin mit einem herzzerreißenden „Schema Jisroel" tot zu Boden sank. Nach diesen authentischen Berichten wird man das in Europa angenommene Urteil, die Juden Marokkos seien eine minderwertige Rasse, doch etwas einschränken. * Israel Zangwill hat in einer Rede die Ziele der ^ewisk l'erritorraj Organisation auseinander gesetzt. Es ist wichtig, daraus zurückzukommen. Er sprach sich zunächst über die bisherigen Versuche aus, ein Territorium für die in den Ländern des Ostens verfolgten Juden zu finden, die leider sämtlich mißglückt sind. Selbst Marokko hat man in diesem Zusammenhang genannt. Dann sagte Zangwill weiter: „Da gibt es aber ein Land, südwestlich von Marokko, das so groß ist wie England, mit einer herrlichen Seeküste, daS eigentlich ein Niemandsland und nur von einigen nomadisierenden Stämmen bewohnt wird.- Eine der romantischsten Episoden: tn der jungen Geschichte der „Jto" Warnas Erscheinen eines Arabers, der auf den heiligen Mann von Adrär großen Einfluß hat, in unseren Bureaus, der seine Bereitwilligkeit aussprach, Konzessionen für uns zu erlangen. Aegypten den Aegyptern überlassend, frage ich, welches andere Volk noch hat einen so großen historischen Anspruch auf Nordasrika nls die Juden? Abgesehen von unserem Aufenthalte in Aegypten, hatten wir uns längst der mittelländischen Küste angesiedelt, als Palästina noch ein jüdischer Staat war, also Jahrhunderte vor der christlichen Aera. Heute werden Sie in Nordafrika auf einer Million Quadratmeilen bloß eine Bevölkerung von 12 Millionen Menschen — also genau so viel, wie es Juden gibt, antreffen. Stellen Sie sich nun vor, daß den Juden gestattet wird, nur eine Million Quadratmeilen zu monopolisieren! Aber sicherlich ist kein Grund anzunehmen, weshalb ihnen nicht 50 000 Quadratmeilen zugebiüigt werden sollten! Daß sie die Rolle der Zivilisatoren auf diesem großen Gebiete zu spielen haben werden, ist eine Idee, die in jüngster Zeit zum vollen klaren Bewußtsein geworden ist. Aber sie dürfen nicht Nordafrika wieder beleben und regenerieren und sich selbst unregeneriert und unbefreit lassen. Wie stellt sich nun unsere geographische Kommission zu dem von uns angewiesenen Territorium in dieser Gegend? Leider bin ich nicht in der Lage, in dieser Beziehung vollständigen und formellen Bericht zu geben, da ein Mitglied der Kommission, Dr. Paul Nathan/sich jetzt auf einer Orientreise befindet und vor dem Ende des Jahres nicht zurückkehren dürste, demnach jetzt unerreichbar ist. Aber von den anderen vier Mitgliedern kann ich ihnen sagen, daß keiner von ihnen das Territorium als unerwünscht oder unerreichbar abgelehnt hat. Lord Rothschild allerdings empfiehlt einen Aufschub. Er empfiehlt, daß „mit Rücksicht auf die ungeordneten Zustände in Nordasrika momentan keine Schritte unternommen werden sollen, die mit einem jüdischen Projekt im Zusammenhang stehen". Mr. Oskar Straus rät als ersten unerläßlichen Schritt die Untersuchung des Landes durch technische, agrikulturelle und kommerzielle Sachverständige. Herr James Simon bietet als Beitrag zu den Kosten einer solchen Studienkommission den Betrag von 150 Pfund Sterling (6000 Kronen) an. Was Herrn Dr. Mandelstamm betrifft, so hat er sich anfangs nur für einige der in unserem Berichte genannten transatlantischen Territorien ausgesprochen und an ihnen festgehalten, jedoch schließlich zugegeben, daß das nordafrikanische Territorium mehr Aussichten für eine Autonomie bietet. Im ganzen also stimmt die geographische Kommission mit unserem Rate darin überein, daß es sich hier um eine Möglichkeit handelt, die einer großen Erwägung durch das jüdische Volk wert ist. Unser nächstes Tätigkeitsprogramm wird also, ich hoffe in naher Zukunft, sobald die Marokko-Episode vorüber sein wird, bestehen: 1. in der Entsendung einer wissenschaftlichen Expedition in das Mxritorium, 'und wenn der Bericht, wie ich anzunehmen allen Grund habe, günstig aussallen wird, 2. in den diplomatischen und finanziellen Unterhandlungen. Ich möchte nur noch erwähnen, daß der Mayor vor: Salford mir soeben 50 Pfund (1200 Kronen) für die Zwecke der Expedition offeriert hat. Sollte es uns nicht gelingen, hier die politischen Sicherheiten zu schaffen, so steht uns noch die andere Möglichkeit offen, und mißlingt es uns auch hier, so müssen wir auf bte. von Dr. Mandelstamm favorisierten Territorien zurückgreifen, und außer diesen kommt, ohne Palästina zu erwähnen, noch ein halbes Dutzend anderer Gebiete in Betracht." * Die Jewish. Colonisation Association teilt uns folgende Nachrichten aus den argentinischen Kolonien mit: Die Ernte, welche dieser Tage begonnen hat, wird wahrscheinlich in allen Kolonien eine sehr gute sein. Die Kolonisten haben dieses Jahr bestellt: 30 622 da Weizen 10 057 „ Flachs 14288 „ Hafer 370 „ Gerste ' insgesamt an Winterkulturen 55 337 ha.

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