Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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so zahlreiche Schar von Kollegen, Freunden und Verehrern emge* funden.'^daß^die Räunre,des Sterbehauses kaum hie Zahl der Leidtragenden zu fassen vermochten. Herr Dr. Otto Meyer hielt dem verstorbenelOFreunde eine tief empfundene Gedenkrede, er war den mittellosen Kranken ein väterlicher Freund, der überall zu helfen wußte, mit der opferfreudigsten, edelsten Wohltätigkeit. Das Andenken des edlen Mannes wird nicht vergessen werden. Herr Professor Hoppe widmete dem Studiengenossen ein ergreifendes herzliches Abschiedswort. Der Leichenkondutt bewegte sich nach dem israelitischen Ohlsdorfer Friedhof, woselbst nach einer erhebenden Trauerseier in der Friedhofskapelle die Beisetzung stattfand. --- Bad Kissingen, 18. Dezember. Die israelitische Kinderheilstätte in Bad Kissingen. welche am 12. Juni dieses Jahres ihre Pforten zum ersten Male geöffnet, blickt ans das erste Jahr ihrer segensreichen Tätigkeit zurück. In der verflossenen Saison, die nur drei Monate dauerte, fanden bereits 72 Kinder, 38 Mädchen und 34 Knaben, aus allen Gebieten' des deutschen Reiches und fast alle unentgeltliche Aufnahme. Von diesen stammten 40 Kinder aus Bayern und 32 aus den übrigen Landesteilen; so wurden aus Berlin allein 9 Kinder, aus Frankfurt a. M., aus Cassel, aus Mannheim, Koburg-Gotha je 3 Kinder ausgenommen. Tie in der Anstalt erzielten Resultate waren überaus erfreulich. Kinder, die krank und siech -in die Anstalt kamen, haben diese gesund und gestärkt verlassen. Die unentgeltliche ärztliche Leitung liegt in den Händen des Badearztes Herrn Dr. Münz in Bad Kissingen. — Burgkundstadt, 24. November. Am 20. d. Ai. fand die Feier des 50jährigen Bestehens des Israelitischen Frauenv ereins in den Räumen des Hotel Stern statt. Nach Vortrag eines Jübiläumsmarsches betrat der Gatte der Vorsteherin Frau Jda Rothschild das Podium zu einer Begrüßungsansprache, die wir leider wegen großen Raummangels nicht bringen können, von der nur aber sagen dürfen, daß sie in Inhalt und Form gleich vortrefflich war. Nach' dieser Ansprache folgte eine Musikpiece, dann trug Alice Thurnauer schön und wirkungsvoll einen poetischen Prolog vor Sodann hielt Rabbiner Dr. Goitein die Festrede, worin er, an die Samftag-Sidra anschließend, ausführte, daß schon immer im Judentum die Gastfreundschaft und Wohltätigkeit gepflegt und daß auch hier die bereits durch den Vorredner dargelegten Ziele ihre Förderung fänden. Nachdem er noch einen Rückblick auf die Geschichte des Vereins, geworfen, führte er den Vorstandsbeschluß ans, die noch lebenden drei Gründungsmitglieder Klara Thurnauer, Nürnberg, Sarah Pretzfelder, Nürnberg, Amalie Pretzfelder, hier, durch Ueberreichung von Diplomen als Ehrenmitglieder auszuzeichncn. Durch eine Deputation wurde das Diplom an Frau Amalie Pretzfelder überreicht, während die beiden anderen Diplome den Betreffenden zugesandt wurden. In Würdigung der Verdienste, die sich Frau Jda Rothschild als erste Vorsteherin und Frau Lina Thurnauer als Kassiererin für ihre 28jährigen Dienstleistungen erworben, überreichte Rabbiner Dr. Goitein, deren eifriges Walten besonders hervorhebend, jeder der beiden Damen das Diplom als Ehrenmitglied, worauf Frau Rothschild für die Ehrung dankend erwiderte. •' Hierauf wurde von Schulkindern ein kleiner Schwank „Riekchen Blaustrumpf" meisterhaft aufgeführt. Ebenso fand das von Herrn Silbermann vorgetragene Kuplet Anklang, dem sich ein Singspiel, „Die musikalische Kochschule", anschloß, das ebenfalls allseitigen Beifall fand. Lehrer Loebenstern unterzog sich der Aufgabe, dem Protektor alles Edlen und Guten, unserem Prinzregenten, ein Hoch auszubringen, dem die Prinzregenten- Hymne folgte. In heiterer Geselligkeit, mit Aufführungen und Tanz, schloß das schöne Fest, dessen würdiger Verlauf allen zur Ehre gereicht, die sich darum bemüht haben. Gesterretch-Nnsarn. ■ ZI Wien, 18. Dezember. Die Erregung über die Rede des Bürgermeisters Dr. Lueger dauert noch immer fort. Auch der Kultusvorstand hat natürlich dazu Stellung genommen und in einer außerordentlichen Versammlung folgende Kundgebung beschlossen: „Der Bürgermeister der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien hat in einer öffentlichen Versammlung Worte gesprochen, deren Konsequenzen unabsehbar sind. Er. hat es für gut befunden, die grauenhaften Vorkommnisse in. Rußland indirekt zu billigen und eine Wiederholung derselben in Wien als möglich und unter Umständen als gerechtfertigt anzudrohen. Angesichts der Stellung, (welche der Bürgermeister kraft seines Amtes einnimmt, des großen, agitatorischen Einflußes, den er auf einen Teil der Bevölkerung ausübt, angesichts der außerordentlichen Erregung, welche gegenwärtig durch die Wahlrechtsbewegung hervorgerufen,wurde, muß der von dein Oberhaupte der Stadt Wien unternommene Versuch, den zwischen den Christlichsozialen und den Sozialdemokraten bestehenden Gegensatz durch die Identifizierung der letzteren-mit den Inden in^eine Judenhetze überzuleiten, auf das entschiedenste verurteiltwerden. Esdsteine notorische Tatsache, daß sich die Juden — gleichwie die Christen?— zu den verschiedensten politischen Parteien bekennen, zu denen neben den konservativen, liberalen und nationalen eben auch die sozialdemokratische gehört. Mit Entrüstung muß aber die ebenso böswillige als unsinnige Insinuation zurückgewiesen werden, als ob die österreichischen Juden, die stets zu den loyalsten und treuesten Staatsbürgern zählten, jemals ihr Vaterland bedrohen könnten. Während in der ganzen gebildeten Welt die in Rußland verübten. Greuel Abscheu und Entsetzen erregten, deutsche nnd englische Kirchenfürsten diese Vorkommnisse aufs schärfste gebrandmarkt haben, der Oberbürgermeister der deutschen Metropole sich an die Spitze eines Hilfskomitees für die. Hinterbliebenen der Ermordeten stellte, findet der Bürgermeister der,Stadt Wien kein Wort der leisesten Mißbilligung, droht er vielmehr der Wiener Judenschaft mit ähnlichen Ereignissen. Als Juden, als Wiener, als Menschen müssen wir gegen die ungerechtfertigte Verdächtigung der Judenschaft, gegen die beschämende und gewiß unverdiente Bloßstellung unserer Vaterstadt, gegen die der Humanität und Zivilisation hohnsprechende Haltung des Bürgermeisters der Stadt Wien laut und feierlich protestieren. Dem Kultusvorstande fehlt jede Macht, derartigem Beginnen wirksam zu begegnen. Er hält es aber für feine unabweisliche Pflicht, die Träger der Macht auf die furchtbaren Gefahren aufmerksam zu machen, (die ein solches Vorgehen bei dem ungeheuren Zündstoffe, der in der Bevölkerung angesammelt ist, nicht nur für die Juden, sondern in weiterer Folge für das gesamte Vaterland, dem seine anmaßungsvollen Verteidiger die schlechtesten Dienste leisten, Hervorrufen muß. Er. hält 'es für seine Pflicht, auf die schwere Verantwortung hinznweisen, die daraus erwachsen würde, wenn diesen Bestrebungen nicht im Keime mit aller Entschiedenheit entgegengetreten wird und die Irreführung und Verhetzung der Bevölkerung, der Appell an die brutalsten Instinkte nicht hintenangehalten werden." — Außerdem sprach eine Deputation der israelitischen Knltusgemeinde bei Baron Gautsch vor und protestierte gegen die Rede Luegers, in der der Chef der politischen Verwaltung Judenverfolgungen ankündigt. Gautsch erklärte, er werde in kürzester Zeit im Abgeordnetenhause die heutige Interpellation über diese Frage beantworten und den Standpunkt der Negierung präzisieren. Wie er das getan hat, ist ihnen ja bekannt. Natürlich hetzt Herr Lueger infolgedessen unverdrossen weiter. Frankreich. — Paris, 15. Dezember. Die Beerdigung des Grand rabbin Zadoc Kahn, welche am 11. d. M. von der Synagoge in der ni6 de la Victoire aus stattfand, gestaltete sich zu seiner imposanten Trauerkundgebung. Die Räume des Gotteshauses waren bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Präsident der Republik hatte den Colonel Lamy,. der Ministerpräsident Rouvier seinen Sekretär I. Arnavon entsandt; ferner waren anwesend Marineminister Thomson, der Seine- und Polizeipräsekt und zahlreiche andere offizielle Persönlichkeiten. Selbstverständlich fehlte kein Mitglied des Zentralkonsistoriums und des Konsistoriums von Paris, sowie der Vorstände der jüdischen Wohltätigkeitsvereine und Institute. Obgleich auf letztwillige Anordnung des Entschlafenen jede Benachrichtigung über die Zeit der Bestattung unterblieben ist, hatten sich (mit Ausnahme des erkrankten Grand rabbin Dreyfus - Paris) "sämtliche französischen Rabbiner, die Leiter mehrerer Konsistorien usw. eingefnnden. Die Trauerfeier wurde durch den vom Oberkantor Beer vorgetragenen Psalm 16 eingeleitet. Nachdem sodann Oberrabbiner Aaron-Bordeaux namens der französischen Judenheit den Empfindungen unauslösch-