Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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im Spiele, die irgend eine echt jüdische Falle ausgestellt hatten,! und man mußte dieselbe unbedingt entdecken. Nun tauchte die Frage auf, was - wohl vörzunehmen ratsam wäre. Und nach allseitiger, reiflicher Ueberlegung beschloß man, ' Engelgard zu bevollmächtigen, einen Vortrag zu verfassen und denselben in der russischen Versammlung zu halten. Und nach einigen Tagen schon trug Engelgard in einer feierlichen Sitzung der russischen Versammlung folgendes vor: . Ueber die notwendige Vermehrung der Juden für das Wohl Rußlands. „Nichts ist imstande, die Macht eines Volkes derart zu heben, und nichts verleiht ihm derartigen Raum für seine schöpferische Tätigkeit, wie die nationale Selbsteinsicht. Dies ist ein Axiom, das nur grundsatzlose, judaisierende Kosmopoliten nicht anerkennen wollen. Von diesem Standpunkte aus ist es wohl klar, daß, je höher das russische Volk in seinen eigenen Augen steht und je mehr es an seine Macht glaubt, desto erfolgreicher seine Tätigkeit wird und desto schneller sein Kulturwuchs von statten geht. Doch die nationale Selbsteinsicht, wie Sie, meine Herren, wissen, ist etwas ganz anderes als die rauhe Wirklichkeit. Der Mensch kann sich noch so hoch dünken, kann sich als Titane oder Gigant Vorkommen, doch will es gar nicht heißen, daß er es in der Tat ist, wenn' sein Leben, seine Tätigkeit es nicht beweisen. ' Offen gestanden, ist bei dem russischen Volk die Wirklichkeit der Höhe seiner nationalen' Selbsteinsicht nleistenteils gerade entgegengesetzt. Wie würde sonst Folgendes übereinstimmen: einerseits der tiefe Gkkube an seine Macht, andererseits seine vollständige, ökonomische Kraftlosigkeit, schreckliche sittliche Verwirrung, voller Mangel an festen, sicheren Grundlagen. Wie könnte man wohl diesen Mißklang beseitigen, der zwischen der Seele der Selbsteinsicht und dem Körper der Wirklichkeit, wenn man sich so ausdrücken könnte, besteht? Däzu sind die Juden wie geschaffen. Nur die Juden sind imstande, den Eimer kalten Wassers zu beseitigen, den auf jedem Schritt und Tritt die rauhe Wirklichkeit auf die nationale Selbsteinsicht gießt. Kein einziges Volk auf Gottes Erde würde diese Rolle besser durchsühren können. In dieser Hinsicht ist es ein ideales Volk. Wo nur irgend ein Defizit sich im russischen Leben bemerkbar macht, gleich sind die Juden dafür verantwortlich. Die Juden sind Schuld daran, daß die Dörfer verarmt, zugrunde gerichtet sind. An jeder Mißernte, an jeder ökonomischen sowie finanziellen Krisis sind wiederum nur die Juden allein schuld. Alles mißglückt uns, jedes Unternehmen schlägt fehl rdie Juden tragen die Schuld, da sie alles in ihre Hände genommen haben. Wenn es an Sittlichkeitsbegriffen mangelt, wenn die Familiengrundsätze wanken — wer trägt wohl da die größte Schuld? Die Juden natürlich, die uns systematisch sittlich verderben. Sie verstehen doch, meine Herren, daß Dank den Juden das russische Volk wie ein unschuldiges, neugeborenes Kind ruhig in seiner nationalen Selbsteinsicht dahinleben kann. Die rauhe Wirklichkeit mit ihrer Kraftlosigkeit, ihrer Unordnung und Ungerechtigkeit, ihren Raubanfällen und ihrer Gewaltsamkeit muß uns nicht im geringsten beängstigen. Dies alles geht das russische Volk' nichts an, dafür wird der Jude zur Rede gestellt .... Ihr, meine Herren, wißt es wohl aus der . Geschichte, daß während der Erziehungsjahre des französischen Dauphins sich bei ihm immer ein Knabe gleichen -Alters befand, den man für jedes Vergehen des königlichen Prinzen züchtigte. Und das ist begreiflich. Das Erziehungssystem forderte Ruten> doch konnte mau selbstverständlich einen künftigen Monarchen nicht lang hinstrecken und ihm Ruten geben. Man prügelte daher einen einfachen Knaben in seiner Gegenwart durch und bemerkte dabei: Wenn Eure Hoheit nicht Dauphin wären, so würde man mit Ihnen so verfahren. Und das große russische Volk, das jetzt schon fast die Hälfte der Erdkugel beherrscht, muß auch seinen Knaben haben, den man zur beliebigen Zeit züchtigen könnte. Vis jetzt führten die Juden die Rolle dieses Knaben sehr gewissenhaft durch. Doch nun, wo alle Juden verschwunden . . . verstehen Sie wohl, meine Herren, was nun folgen wird? ..." „Daß man uns, echt russische Menschen, die 'den Kampf mit den Fremdvölkern mit einer solchen Selbstaufopferung führten, daß manuns jetzt prügeln wird" — schrie Welitschko kreidebleich auf, — „das ist ja entsetzlich!" „Nichts Entsetzliches ist dabei" — bemerkte kaltblütig Fürst Meschtschersky. „In manchen Füllen ist'es selbst von Nutzen, besonders für diejenigen, die ihre Haut oft wechseln, denn nichts zieht die Haut so leicht herunter, wie die Ruten." „Jetzt aber" — setzte Engelgard fort, als die Versammlung sich beruhigt hatte, — „wo uns die Inden fehlen, werden wir, echt russische Menschen, uns selbst für alle Greuel, Missetaten zu verantworten haben, die allstündlich in unserm unendlichen Reich begangen werden. Dies, meine Herren, ist ein so entsetzliches Mißgeschick und ein solcher Schlag für die nationale Selbsteinsicht, daß im Vergleich zu ihm das Uebel, welches die Juden in das russische Leben mit einsührten, nur ein ganz geringes ist." „Weh uns" — vernahm man einige Stimmen, — „wo blieb denn die Polizei, deren Pflicht es ist, die Juden zu beobachten?" „Die Polizei meine Herren, trägt keine Schuld daran" — entgegnete Engelgard — „die Polizei mußte sich stets bemühen, daß es immer weniger Juden gebe, sie verdient dafür höchstens nur ein Lob. Doch der Standpunkt der Polizei ist ein ganz anderer als der des Staates. Und nun müssen wir sofort die nötigen Schritte zur Verhütung der verderblichen Folgen dieses Elends unternehmen." „Ganz richtig! Ganz richtig!" donnerte es von allen Seiten los. „Doch worin besteht die Lösung dieser Frage! Gebt uns diese!" „Und ich werde sie Euch auch geben!" schrie Engelgard mit hysterisch kreischender Stimme! „Ich gab mir das Wort, die Ehre des russischen Volkes zu retten und ich werde meinem Worte nicht untreu. Ich werde retten! Ich schlage nun unserer, russischen Versammlung vor, den Namen „Gesellschaft für die Vermehrung der Juden" anzunehmen." „Vortrefflich! Eine ausgezeichnete Idee!" riefen alle Stimmen, — „doch fehlen uns die Erzeuger." „Schadet nichts. Es genügt einen Juden und eine Jüdin aufzufinden", sagte Engelgard, „inan wird ihnen ein gutes Gehalt bestimmen und sie verpflichten, sich sofort zu verheiratzen und sich so schnell wie möglich zu vermehren. Da mir der Hang der Juden zu derartiger Tätigkeit bekannt ist, so kann ich mit Bestimmtheit behaupten, daß schon nach kurzer Zeit so viele Juden erscheinen werden, daß man selbst eine kleine Judenhetze wird Hervorrufen können." . „Warum bloß eine kleine?" donnerte die Stimme Kruschewans über den ganzen Saal dahin. „Um einer kleinen ist es nicht der Mühe wert, sich die Hände zu besudeln. Wenn schon — denn schon eine solche wie in Kischinew." „Das werden wir dann schon sehen," unterbrach ihn Suworin. „Ende gut — alles gut. Es ist noch kein einziger Jude vorhanden, und der denkt schon an eine Judenhetze. Erft laßt uns welche haben, und dann werden wir bestimmen.