Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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610 Ebenso ist es nichts als Phantasie, wenn Friedländer den Amme-haarez Schulen, Lehrhäuser und Gotteshäuser unterschiebt. Weil manchmal erwähnt wird, daß der Sohn eines Chaber bei einem Am-haarez' lernt (Tos. Dem. II 8); 'macht Friedländer daraus schon Schulen und Lehrhäuser, ohne dafür auch nur den geringsten Anhaltspunkt in den talmudischen Quellen zu besitzen.') Es ist eben leider dieses hochbegabten Mannes größter Fehler, daß er in oft nichtssagende Sätze Dinge hineininterpretiert, die selbst der scharfsinnigste Mensch darin nicht zu finden vermag. So zerrinnt Friedländers Theorie vom Landvolk, daß aus dessen Schoß dos Christentum hervorgesprossen wäre, im Sande. Weder das palästinensische Judentum,n och Jesus selbst haben einen direkten Anteil an der Entstehung des Christentums; es ist — abgesehen von den vielen Neben- und Unterströmungen der damaligen griechisch-römischen Welt — eine Schöpfung des Diasporaju d entums?) Krulchrwans Trsum. Von N. Prufchansky. Aus dem Russischen von A. No mm. ^A^ruschewan, der berühmte Kruschewan — Redakteur der berüchtigten „Fahne", — hatte einen Traum. Er träumte, daß er eben im Begriffe war, einen Donnerartikel gegen die Inden zu verfassen, nach welchem im ganzen Ansässigkeitsrevier kein einziges jüdisches Haus unzerftört geblieben wäre, als er plötzlich, zu seinem Entsetzen erfuhr, daß es keine Juden mehr gibt. Weder in der Literatur noch in der Anwaltschaft, 'weder im Ansässigkeitsverein noch in den inneren Gouvernements, selbst in der Redaktion der „Nowoje Wremja" (neue Zeit) ist kein echt russischer Jude aufzuweisen, mit einem Wort: ans dem ganzen Weltall sind alle Juden verschwunden. Wieso eine derartige vollkommene Ausrottung des jüdischen Volkes ohne Hilfe Kruschewans und der „Nowoje Wremja" geschah, blieb ihm unbekannt, er wußte nur, daß Gesindel von verschiedenen Stämmen überall existiert und bloß kein einziger Jude zu finden war. Schrecken und Entsetzen bemächtigte sich seiner. Es schien ihm, daß die Sonne sich verfinsterte, daß die Pfeiler der Erdkugel schwankten und die ganze Welt keine lebende Seele besaß. Was war da zu tun! Wie würde es möglich sein, ohne Juden auszukommen? Ihm, der bis dahin nur davon atmete, sich daran ernährte! Wer wird ihn nun begeistern, entflammen, wer den Sinn seines Lebens seiner Tätigkeit und seiner Zeitung verschaffen? Kruschewan ohne Juden gleicht einer Tarantel ohne Stachel, einer Klapperschlange ohne Giftzähn .... Und grenzenloses Entsetzen ergriff ihn, so daß sich, seine Stirn mit kaltem Schweiß bedeckte. „Das ist unmöglich," rief er aus, als er allmählich zu sich kam, „wie wird man wohl ohne Juden auskommen können!" Es gab immer Juden, man J) Friedländes Ansicht über ''NIL auf.©. 82 4 ist unhaltbar. Das beweist die^Stelle in Ab. d. R. N. ed. Sch. I 37 af., wie auch Jer. Berach 7d. 2) In Nummer' 90 dieses Jahrganges soll es in meinem Aussätze Seite 598 n Zeile 11 nur heißen: „Weil die Amm6-haaiez . . . ." verfolgte sie immer, man schlug, verbrannte sie. auf Scheiterhaufen, man brachte'sie auf verschiedene Weise um-, und dennoch blieben noch welche zurück, und es war ganz unmöglich, sie auszurotten, und siehe däj nach zwei so ganz'unbedeutenden Judenkrawallen in Kischinew und HoMel sind alle auf einmal verschwunden! Nein, ohne Juden geht es bestimmt nicht, entschloß er sich, und wenn es denn wirklich keine mehr gibt, so muß man sich eben welche schaffen! Doch das ist leicht gesagt. Abgesehen davon, daß es Tausende von Jahren in Anspruch nehmen wird, ist es doch unmöglich, sich ohne all die Menge menschlicher Ungerechtigkeit und Greuel zu begehen, die bei der historischen Erziehung dieses Volkes geschahen. Wo nimmt man jetzt im Anfänge des 20. Jahrhunderts all' die Neros, Calignlas, Herodes, Torquemadas her, die einen so eifrigen Anteil daran nahmen? Was sind Kruschewan mit seiner wütenden Bosheit und seinem Haß, Suworin selbst mit seinem Patriotisinus, Nikolai Engelgard mit seinem Radikalismus, Menschikoff mit seiner süßlichen Philosophie — was sind sie alle, sage ich, im Vergleich 511 der christlichen Gottesfurcht Torguemadas? Mögen all' diese Leutchen sich auch noch so bemühen, mögen sie die Juden auch noch so verleumden und anschwärzen, alle Leidenschaften anfeuern — eins kann man nnt Sicherheit behaupten, daß es ihnen dennoch nimmer gelingen wird, weder einen einzigen Scheiterhaufen auf einem der Plätze in Petersburg zu errichten, noch einen einzigen Juden darauf feierlich zu.verbrennen! Namenlose Verzweiflung drang in Kruschewans Brust und sein erster Gedanke war, sich das Leben zu nehmen; doch er faßte sich bald, und als fester, energischer Mensch schwur er im Namen aller Plünderer von Kischinew und Homel, sich unbedingt Juden zu verschaffen. Selbstverständlich mußte er sich zuerst mit Suworin beraten, und deshalb begab er sich, sofort zu ihm. Es erwies sich, daß man in der Redaktion der „Nowoje Wremja" noch nichts von oem „Unglück" wußte, und man war sehr mit den Vorbereitungen zum „Frühling" beschäftigt. Der berühmte Alte (Suworin) saß am Kamm, wärmte sich die Hände und dachte nach, in welcher Stadt es wohl am besten wäre, einen Ritualmord vor Ostern, und in welcher Judenkrawalle zu veranstalten. Menschikoff stand vor ihm aus den Knien und beichtete seine früheren liberalen Vergehen. Suworin lächelte gutmütig und bemerkte von Zeit zu Zeit : „Schadet nichts! Gott wird dir deine Sünden vergeben! Wir alle sind Sünder, ich selbst war einst feuriger Liberaler." Nikolai Engelgard saß bei einer Nähmaschine und bemühte sich, für die nationale Selbsteinsicht ein modernes Frühlingskleid aus allerhand Läppchen zusammenzustellen. Die Arbeit aber ging nicht recht von statten, die Läppchen paßten nicht zueinander, weder nach der Farbe, noch nach der Größe, es fehlte sogar passender'Faden, so daß er zuguterletzt nur eine Art Harlekintracht fertig brachte. Auf die Leutchen von der „Nowoje Wremja" machte diese) Nachricht gar keinen soerschütternden Eindruck, wie es Kruschewan erwartete. „Was tut's," bemerkte Suworin, dieser große Praktiker unserer Zeit, ganz gleichgültig „dieser Sache kann abgeholfen werden. Wenn es keine Juden mehr gibt, so haben wir in Rußland doch noch andere Nationalitäten: Armenier, Finnen, Deutsche — Fremdvölker hat Rußland vollauf. Uns ist es eigentlich ganz egal. Wir' müssen nur jemand zu hetzen haben, auf wen, kommt es uns nicht an." Dessen ungeachtet glaubte auch Suworin, daß man diese Angelegenheit nicht unbeachtet lassen müßte. Allem Anscheine nach waren Juden hier mit —