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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-22 · Heft 51 (22.12.1905) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 609 (sequence 9)
Language
German
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609 rr'mmmm WMMMD üps s® Von Tarschisch und die Inseln werden Geschenke zurückbringen (Ps.'72, 10)". Es heißt nicht „sie werden bringen", sondern „sie werden zurückbringen"! Da sprach er. zu ihm: „Wahrlich, ein gutes Wörtchen hast du gesagt, und in deinem Namen will ich es weitersagen (Gen. r. BXXVIII, 12)" ---. „Rabbi Zeira ging einst auf den Markt, etwas zu kaufen. Da sprach er zu dem, der bei der Wage stand: Wiege gut! Dieser rief ihm darauf zu: Gehst nicht weiter von hier, du Babylonier, dessen Väter das Heiligtum zerstört haben? Da sprach Rabbi Zeira zu sich: Sind denn nicht meine Väter so viel wie die seinen? Dann ging er in das Schulhaus und hörte gerade Rabbi Schela den Vers erklären: „Wenn sie eine Mauer ist (Cant. 8, 9)": Wenn die Israeliten gleich einer Mauer (einheitlich, alle) aus dem Exil heimgezogen wären, wäredas Heiligtum nicht ein zweitesmal zerstört worden. Da rief Rabbi Zeira aus: Fürwahr, jener Am-haarez hat mich recht belehrt! (Cant. r. zu k. 88)." — Da sehen wir die Amme-baarez wie sie für die Weltkirche schwärmen, wie sie für die Entnationalisierung ihrer Religion eifern, wie sie sich begeistern für die Befreiung vorn Gesetze! Nein! Wie der Am-baarez in Palästina nie und nimmer -für eine paulinische Gesetzesbesreiung zu haben war, so hat auch die Masse durchwegs national gedacht, und nicht den religiösen, sondern den politischen Messias, den Befreier vom römischen Joche, hat sie herbeigesehnt. c) Der Haß des Landvolks gegen die Pharisäer. Friedländer schreibt: „Mochte einer sich auch mit den: Studium der Thora und der Mischna befassen, sobald erden Umgang mit den Schriftgelehrten mied, galt er für einen Am-baarez (S. 81)." Er behauptet also, daß die Amme-baarez die Pharisäer mieden, ebenso wie diese jene. Woraus schließt das unser Autor? Aus folgendem Satze in B. Berach. 47 b: TOH fcnp DpttlK qnriK p«n üV m nn n''n „Die Acherim sagen: Selbst wenn er Thora und Mischna gelernt, aber die Gelehrten nicht bedient hat, ist er ein Am-baarez." Die wörtliche Uebersetzung zeigt, daß der Ausdruck n"n W'Xff weitgehendst bedeutet: „mit den Gelehrten keinen Umgang haben," auf keinen Fall: ihren Umgang meiden. Friedländer übersetzt aber ganz willkürlich: wer den Umgang mit den Pharisäern mied, galt als Amhaarez.' Der Zweck ist sehr durchsichtig: das Landvolk muß zum prinzipiellen Gegner des Pharisäismus erhoben werden! Ein prinzipieller Gegner ist natürlich nicht der, den eine Gesellschaft aus ihrer Mitte stößt, in sie nicht aufnimmt, sondern nur der, der sie selbst meidet, sie selbst nicht mag. Ich fordere Herrn Friedländer auf, einen einzigen Beweis für die prinzipielle Gegnerschaft des Landvolks gegen die Phärisäer zu bringen. Er kann es nicht, denn es ist keiner vorhanden, und selbst jenes Zitat aus der Assumptio Mosis, auf das sich Herr Friedländer so vieles zugute tut, spricht, wenn es sich überhaupt auf die Pharisäer bezieht, nur von einer prinzipiellen Gegnerschaft dieser gegen den Am-haar6z. Und so war es auch tatsächlich: eine persönliche Feindschaft bestand zwischen ihnen nicht. Es ist wahr, wir lesen Aussprüche von den Gelehrten über den Am-baarez, die sich, sehr grausam anhören, aber ich wage die Behauptung, daß selbst dem schärfsten Worte keinerlei persönliche Animosität zugrunde lag, sondern immer nur religionsgesetzliches Bedenken. Levitische Reinheit, das Festhalten an allen Feldgesetzen und das aus der Zeit .sehr verständliche Bemühen, die Pflege des Studiums und die Autorität der Gelehrten zu fördern, aber auch nicht zuletzt der Wunsch, den^m-baarez nicht sündigen Zu lassen, wurden Ursache, daß der Pharisäer den Am-baarez mied, daß er dem persönlichen Verkehr, ja jeder Berührung mit dem levitisch Unreinen aus dem Wege ging, daß er des Am-baarez Gast nicht sein wollte, keine Verschwägerung mit ihm duldete. — Ich gebe auch gern zu, daß dieser prinzipiellen Gegnerschaft von. dem Am-baarez nicht nur einmal mit persönlichstem Haß heimgezahlt wurde, aber einen solchen von Seiten der Pharisäer leugne ich, nicht etwa aus Liebe zur Partei, sondern einzig und allein aus Liebe zur Wahrheit. Ich ersuche alle Einsichtigen, Tosefta Demai II unbIII., Jer. Demai 23aff., Jer. Gittin46b, B. Sabbat 13a, Erubin 32 a b und die Parallelstellen nachzuschlagen, sie werden meiner Anschauung zustimmen und Aussprüche wieB.Pesacb. 49 b richtig verstehen. Gewiß, mancher Gelehrte, mancher strenge Gesetzesmann ging in seiner Konsequenz lächerlich weit (z. B. 1er. 8or. 48 a), trotz allem ist es zweifellos, daß die Geringschätzung vielleicht niemals von seiten der Gelehrten eine persönliche war; im Gegenteil, manches Wort zeigt, daß in dem Augenblicke, in welchem diese laxe Gesetzeshandhabung des Am-baarez nicht in Betracht kam, er väterlich und brüderlich von dem Talmid-Gbacbam beurteilt wurde. Einige Beispiele mögen sprechen. „Niemals sage der Mensch: liebe die Gelehrten und hasse die Schüler, oder: liebe die Schüler und hasse die Amme-baarez, sondern: liebe alle und hasse die Minim, die Abtrünnigen, die Delatoren (Ab. d. R. N. ed. Sch. I 32b)." „Wie die Palme Zweige hat, mit denen mail das Hallelgebet verrichtet, Balken zur Sukka, ... so fehlt auch Israel nichts: die geraden Frommen — die Gelehrten — aber auch die Amme-baarez unter ihnen sind mildtätige Menschen (Schoch, t. zu Ps. 92, 13)." — „Wie beim Weinstock die Blätter die Trauben schützend decken, so auch in Israel die Amme-baarez die Gelehrten (Dev. r. XXXVI 2)." -r- „Wenn jemand Granatäp l im, Traume sieht . . . ist er ein Gelehrter, erwarte er W "en, ist er ein Am-baarez, erwarte er Erfüllung von Ge 'ten (B. Berach 57 a)." — „Rabbi Jehuda ben Jlai sagte: „W s bedeutet der Vers: „Künde meinem Volke seinen Frevel un'i dem Hause Jakob seine Sünden (Jes. 58, 1)?" „Künde me em Volke seinen Frevel: das sind die Gelehrten, denen Jrrtümer wie absichtliche Freveltaten angerechnet werden; „und dem Hause Jakob seine Süllden: das sind die Ammebaarez, denen die absichtlichen Freveltaten wie Jrrtümer angerechnet werden (B. Bab. mez. 33b)." — „Rabbi Samuel ben Nachman sagte im Namen des Rabbi Jonathan: Wer den Sohn seines Chabergenossen Thora unterrichtet, ist würdig, einst in Gottes Nähe zu sitzen .. . Jeder, der den Sohn eines Am-haarez Thora unterrichtet, um dessentwillen macht Gott selbst eine Bestimmllng zu Nichte, die er schon getroffen hat (also noch mehr Verdienst!) (B. Bab. mez. 85 a)." — „Rabbi Zeira sagte: Gebet acht auf die Kinder der Amme-baarez, denn von ihnen geht aus die Thora (B. Sanhdr. 96a)." — „Rabbi Meir sah einst einen greisen Am-baarez und stand vor ihm auf. Er sprach: Nicht ohne Verdienst ist dieser alt geworden (4er. Bikk. 65c. Siehe auch B. Sota 49a)." — Selbst bezüglich der levitischen Reinheit und der Priestergesetze hütete man sich, die Amme-baarez in Bausch. und Bogen zu verurteilen. Ich will die Leser dieser Zeitung nicht mit zu vielen Zitaten belästigen und verweise nur auf folgende Stellen: Tosefta Sabb. II 10; Tos. Dem. II 10, IV 2; Erub. VII10; Ghag. III 22ff.; Ab. zar. IV 11. B. Ghag. 22b. Bab. mez. 35b ' Aus all dem darf mit vollem Rechte die Schlußfolgerung gezogen werden, daß trotz mancher harten Ausfälle von beiden Seiten das Verhältnis zwischen den Amme-baarez und den Gelehrten kein so vergiftetes war, wie es Friedländer darstellt, um uns glauben zu machen, eine prinzipielle Gegnerschaft des Landvolks gegen die Schristgelehrten habe der panlinischen Gesetzesbefreinng den Boden urbar gemacht.

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