Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228688--62255-3276122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
608 beständigen Lichte, zu den Lampen im Tempel,sowie zum Salben der Hohenpriester und- Könige. Kein Wunder daher, daß das Oel auch als Sinnbild des Reichtums, der Kraft, der Macht und der Erleuchtung galt. So sagte man, von. einem Reichen, Starken und Mutigen, er hätte viel Oel, und von einem Armen, Schwachen und Mutlosen wieder, er hätte wenig Oel. Und wer arm, schwach oder mutlos war, aber plötzlich reich, stark oder mutig ward, von dem hieß es, daß sein wenig Oel zunahm und unerschöpflich wurde. In diesem Sinne sind zunächst beispielsweise die beiden Erzählungen zu verstehen, welche im 1. Kön. 17, 10—16 und im 2. Kön. 4, 1—7 berichtet werden. Beide Berichte wollen nichts anderes lehren, als daß durch die Hilse Gottes und durch den Rat des Propheten, wenn er befolgt wurde, die Armut aus den Häusern der Witwen schwand, und das vorhandene Mehl im Eimer und das Oel in der Flasche oder im Kruge zu einer unerschöpflichen Quelle des Segens gewandelt wurde. Wer eben auf den Rat des Propheten hörte, dem ward geholfen, dessen Oel ging nicht aus, der fand immer von neuem seine Existenz. Und in demselben Sinne ist auch die Sage vom Oelkrüglein — am Chanukahfeste — zu verstehen, nur daß diese nicht eine einzelne Person, sondern das ganze Volk im Heiligtume betrifft. Es wird — nach dieser Sage — dem Volke in seinem Mangel an Oel fürs Heiligtum wunderbar geholfen. Bei der Neueinweihung des Tempels durch Juda Makkabi am 25. Kislew 164 v. u. Z. war für den goldenen Leuchter mit seinen sieben Lampen feines, reines Olivenöl nötig, und es fand sich ein Krüglein Oel, versehen mit dem Siegel des Hohenpriesters, also von den Syrern unberührt und unentweiht, sodaß man es verwenden konnte. Und siehe da! Dieses Quantum Oel, das sonst nur für einen Tag gereicht hätte, hielt acht Tage lang an. Wegen dieses Wunders (Sabb. 21 b) setzte im darauffolgenden Jahre das Beth-Din schel C'haschmonaim ein jährliches Fest von acht Tagen fest mit Hallel und Hodaah, d. h. mit den Gesängen unseres „Hallel", der Psalmen 112—117 und 118 (vergl. Weiß, Zur Gesch. d. Trad. 1, 108). Ebenso wurde an dieses Wunder später die Anordnung geknüpft, daß an den acht Tagen oder vielmehr Abenden des Festes Lichter angezündet werden sollten in zunehmender, aufsteigender Zähl. Nach dieser Sage wird die Einsetzung des achttägigen Festes mit dem Zünden von Lichtern durch das Wunder am Oelkrüglein begründet. Doch in der ältesten glaubwürdigen Quelle, welche von den Makkabäerkämpfen, von der Neueinweihung des Tempels handelt und etwa 120 v. u, Z., in den Tagen des Johann Hyrkan geschrieben wurde, — in dem ersten Makkabäerbuche 4, 36—61 —, wird die Festsetzung der achttägigen Feier bereits auf Juda Makkabi zurückgeführt; aber mit keinem Worte geschieht hier jenes Wunders Erwähnung. Vielmehr wird da die achttägige Dauer des Festes damit begründet, daß die Einweihung selber acht Tage gedauert habe, und dies deshalb, weil zugleich das achttägige Hütten- und Freudenfest machgefeiert werden sollte, welches man kurz vorher während des Krieges nicht feierlich begehen konnte. — Erst in den Gelehrtenschulen Beth-Schammai und Beth-Hillel wird über das Zünden der Lichter am Feste, über ihre aufsteigende oder absteigende Zahl diskutiert, und erst von Josephus (Ant. 12, 7, 7) wird das Fest als Lichter fest bezeichnet. , Es scheint daher die Sage selber und mit ihr die An" ordnung vom Zünden der Lichter am Feste aus einer späteren Zeit zu stammen. Sie findet' sich zuerst in der Megillath- Taanith, in der sogenannten Fastenrolle oder in dem Verzeichnis der Jahrestage, die nicht als Fast-, sondern als Festtage zu begehen sind. Diese Rolle stammt aber erst aus dem Jahre 20 v. u, Z., wie allgemein angenommen wird. Aus dieser Quell e ist die Sage dann wohl in den Talmud gekommen. Wie über ist die Sage entstanden und zü welchem Zwecke? Das letzte Jahrhundert des jüdischen Tempels, das Jahrhundert der herodäisch-römischen Epoche, war die schwerste, traurigste Zeit des Staatslebeus. Das römische Joch wurde immer unerträglicher und man sehnte sich nach Befreiung. Was lag da näher, als ein besonderer Hinweis auf die wunderbar glücklich geführten Makkabäerkämpfe! So wurde denn auch dieses Siegeswunder veranschaulicht und versinnbildlicht durch eine Sage und durch das Anzünden von Oel lampen auch in den Häusern — mit der Bedeutung: Sehet, das Oel oder die Kraft und Macht des Volkes war dem syrischen Reiche gegenüber doch sehr gering und dennoch ausreichend, um den Sieg davonzutragen. Und auch jetzt, in der schweren Bedrängnis durch die Römer, wird das „Oel" des Volkes wunderbar wachsen, um zum Siege zu führen! Die Sage vom Oelkrüglein hatte den Zweck, das Volk im Kampfe gegen Rom zu ermutigen. Die Lntltkhung des Lhriltrntmns und dss pslsuinensllchk Landvolk (Am-haarez). Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. II. b. Die Sehnsucht des Landvolkes nach dem religiösen Messias. riedländer sagt: „Ist es denkbar, daß eine Volksklasse, wie die Amdaarez, die für die Unterweisung Jesu, der ihr ein diesseitiges Wohlleben weder gewähren konnte, noch verheißen wollte, im Gegenteile, stets scharf betonend, sein Reich sei nicht von dieser Welt .... eine so reiche Empfänglichkeit an den Tag legte; ist es, fragen wir, denkbar, daß eine solche Volksklasse so durch und durch korrumpiert und entsittlicht gewesen sein konnte? (S. 87)?" Wenn auch etwas dunkel, so scheinen doch diese Worte des Verfassers die Annahme voraussetzen zu lassen, daß die Amme-haarez in Jesu ihren religiösen Messias erblickten. Nun erwartet doch jeder Denkende, daß jetzt die Beweise folgen werden. Es ist doch nichts Geringes, was hier in solchem Brustton der Ueberzeugung hinausgeschmettert wird. Daß diese Volksklasse „für die Unterweisung Jesu eine so reiche Empfänglichkeit an den Tag legte," das muß doch irgendwie erhärtet werden, dafür müssen doch Kronzeugen vorhanden sein, Herr Friedländer war doch nicht dabei. Er wird uns doch nicht einreden wollen, daß der Zulauf, dessen sich der Täufer und nach ihm Jesus erfreute, gleichbedeutend sei mit der Empfänglichkeit für ihre Lehren? Du lieber Himmel! Die Masse läuft dem Neuen und Außerordentlichen, besonders Wundermännern, auch heute noch überall gerne nach; das Empfänglichkeit für höhere Lehren nennen, ist doch wirklich Naivetät. Wenn also . Friedländer für die Sehnsucht der Masse nach dem religiösen Erlöser keinerlei Beweise aus jenen Tagen zu. bringen vermag, so ist Oberflächlichkeit das Geringste; das man ihm zum Vorwürfe machen darf. Ich will ihm aber mit meinen schwachen Kräften unter die Arme greifen. „Ein Amhaarez sprach zu Rabbi Hoschaja: Wenn ich Dir ein gutes Wörtchen sage, wirst du es öffentlich in meinem Namen wiedersagen? Er erwiderte ihm: Was ist es denn? Er sprach: Alle Geschenke, die unser Vater Jakob dem Esau gegeben hat, werden die Völker der Welt einst, in später Zukunft, dem Messiaskönig wiedergeben; warum? Weil es heißt: „Die Könige