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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-22 · Heft 51 (22.12.1905) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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W Man wird dann in einem weiteren Kreise begreifen, wie groß die Klugheit der wenigen Männer war, die diese großen glücklichen Veränderungen in der Lage Tausender Israeliten zuerst vorgesehen und sodann sichergestellt haben. Ein nun bereits blühendes Dorf in Argentinien trägt den Namen Zadoc Kahns. Dieser Name ist geliebt und verehrt. Er' wird heute von der ganzen Judenheit beweint, aber nirgend von mehr Dankbarkeit, von mehr Liebe gehegt, mit mehr Tränen geehrt, als in jenen entlegenen Gegenden, wohin das alte Bienenvolk Israel einen jungen Schwarm entsendet hat. Was das hauptsächliche und unmittelbare Wirkungsgebiet der Alliance betrifft, die Ecole Normale in Autenil, die Pflanzstätte ihrer Lehrer, die verschiedenartigen, von ihr in Afrika und im Orient begründeten Erziehungsinstitute, so darf man sagen, daß das Urteil unserer Zeitgenossen, Christen, Muhamedaner oder Israeliten, sie bereits weit über den Ehrgeiz ihrer Begründer hinaus anerkannt hat. In den Augen Zadoc Kahns, der die Seele so vieler nützlicher Werke war, gab es kein nützlicheres als das unsere. Hundertmal hat er es in seinen Ansprachen, seinen Predigten, seiner persönlichen Propaganda der Freigebigkeit aller empfohlen. „An uns ist es", so sprach er im Jahre 1883. „an uns, die wir durch die Vorsehung begünstigt sind. Schulen zu schaffen, wo das Kind das Gefühl seiner Pflichten, seiner Würde, seiner Ehre, seiner Tugend erwirbt; an uns, an uns allen, die wackere, großmütige Alliance Jsraelite zu unterstützen, die seit langem den heiligen Krieg unternommen und herrliche Siege errungen hat, deren Werk aber nicht zum glücklichen Ende gebracht werden kann ohne die eifrige, warmherzige und reiche Hilfe aller jener, die die Ehre haben, zu gleicher Zeit Israeliten und Söhne eines freien Landes zu sein." Diese eifrige, warmherzige, reiche Hilfe für die Alliance durste Zadoc Kahn mit Fug von andern fordern; hat er selbst doch niemals aufgehört, sie darzureichen bis zur Ermüdung, bis zur Erschöpfung seiner Kräfte. Und hätte er nichtsanders als dieses geleistet — aber wieviel große Dinge schuldet man ihm außerdem! — ex würde verdienen, in den Annalen und in dem pietätvollen Gedächtnis der Judenheit den Ehrenplatz müer denen einzunehmen, die, um mich seines edlen Ausdrucks zu bedienen, die Ehre haben, zugleich Kinder eines freien Landes und Israeliten zu sein. Die Spanilch-Iüdilchk jfrsgr. Von Sieg wart Al. Nu ßba um-Madrid. I. § ist eine ewige Frage, die jüdische. Wer in den Annalen der Weltgeschichte nur flüchtig blättert, trifft wiederund wieder aus ihre Spuren. Judenfragen aller Schattierungen haben die Länder im. Laufe der Zeilen durchzogen und jedem von ihnen ihren charakteristischen Stempel aufgedrückt. Waren es hier anti-, dort Philosemitische Strömungen, immer haben sie die öffentliche Meinung in Erregung versetzt und nachhaltige Konsequenzen gezeitigt. So ward jedem Lande seine Judenfrage, und selbst das „judenreine" Spanien steht heute M Begriff, in die' Stadien einer solchen einzutreten. Das mag als Widerspruch erscheinen. Denn, wo seit Jahrhunderten kein Bekenner jüdischen Glaubens je wieder heimisch wurde, sollten; so müßte man schließen, die eigentlichen Bedingungen zu einer Judenfrage fehlen. ' Aber das ist gerade der Umstand,' der diese Frage zu einer besonders eigenartigen macht. Und ihre Bedeutung' steigert sich noch mehr, '• da ihr Entstehen just' in eine Zeit fällt/ in der gigantische Probleme der gesamten Judenheit tiefgehendstes Interesse in wachsender Spannung halten. Gestatten wir uns einen geschichtlichen Rückblick! - Nirgends und niemals haben jüdische Männer die Stellungen in politischer und sozialer Hinsicht eingenommen wie einst in Spanien, aber auch nirgends und niemals haben' Juden zum Gedeihen und Wohlstand einer Nation geistig und f materiell soviel beigetragen wie gerade auf der Iberischen Halbinsel. " . Eine Fülle von Daten drängt sich uns auf. In der Schlacht bei Xerez de la Frontera kämpften jüdische Scharen mit dem Mauren-Feldherr Tarik und ebneten ihm nach der siegreichen Schlacht den Weg ins Herz des spanischen Landes. So würde denn in der Folge die Lage der Juden unter den arabischen Herrschern eine überaus günstige, und im zehnten Jahrhundert sehen wir Ch a s sd ai Jbn-S chäprnt * in Cordova als Minister des Kalifen. Jbn Schaprut war die markanteste Persönlichkeit jener Zeit; Handels-und Finanzminister zugleich, genoß er zudem einen bedeutenden Ruf als medizinischer Gelehrter und Sprachforscher. Am Ende dieses Jahrhunderts erhoben sich die Wissenschaften, vornehmlich die Philosophie, unter den spanischen Juden zu glanzender Höhe, daher das Wort, daß während jener Zeitepoche die Judenheit den höchsten Grad in der Kultur der Welt einnahm, der Islam den zweiten, und die Christenheit in dieser Skala auf Null stand. Alles Edle und Erhabene, was menschlicher Geist ersonnen, ging in jener Aera von den Juden Spaniens aus, in deren Reihen zu Beginn des 11. Jahrhunderts eine neue hervorragende Persönlichkeit, Samuel Jba-Nagdila, Rabbiner, Dichter, Staatsminister des Königs Häbüs von Granada, erscheint. Die christlichen Höfe auf der Iberischen Halbinsel ahmten alsbald das Beispiel der mohammedanischen Könige nach und stellten mit besonderer Vorliebe jüdische Männer in ihren Dienst. Alfonso VI., König von Kastilien (1072—1109) benutzte jüdische Diplomaten in seinen Unternehmungen gegen den Islam; Juden leiteten als Minister des Königs Politik, und - unter den Fahnen seiner Armeen kämpften Tausende jüdischer Soldaten. In die Zeit seiner Regierung fällt die Geburt eines Juden und Spaniers, dessen Erscheinen eilten Glanzpunkt in der jüdischen Geschichte bedeutet. Abulhassan Jehuda Halevi, 1086 in Altkastilieu geboren, war ein bezaubernder Dichter, einer der edelsten Denker aller Zeiten, und von den geschichtlichen Größen, die Spanien je besessen, wohl eine der ersten. Und ein zweiter Stern erglänzt in dieser Epoche, noch ' leuchtender vielleicht als jener zuvor, Mose ben Maimun, geboren 1135 in Cordova, Mathematiker, Astronom und vor allem Philosoph, ein jüdischer Aristoteles und der geistige Führer der Judenheit! So wuchs mit und nach diesen Männern das Ansehen der Juden in Spanien weiterhin und es begann für sie, geistig und materiell, eine glänzende Blütezeit unter den Königen Alfonso VIII (1157—1214) und Alfonso X., genannt den Weisen (1252—1284). Die jüdischen Spanier waren die besten Gelehrten des Landes, sie übersetzten die wissenschaftlichen Werke des Landes aus dem Arabischen ins Kastilianische (also Spanische), waren Aerzte, Astronomen, sogar kunstfertige Mechaniker, und in den Heeren Kastiliens kämpften ihre Söhne. Der Hof Alfonsos X. trug freies Gepräge und die bekannten alfonsinischen Tafeln sind das Werk eines Juden, des Astronomen D om Zag. Um 1300-bewohnten über 860 000 Juden allein das Königreich Kastilien; ganze jüdische Dörfer gab es L

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