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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-22 · Heft 51 (22.12.1905) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 605 (sequence 5)
Language
German
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605 privaten Anstalten tätig und .1 als Hilfslehrer an einer jüdischen Realschule in Frankfurt a. M. 1 ist noch immer im Aufträge der Generalverwaltung der königlichen Museen zu Studienreisen beurlaubt,. 1 ist. Privatlehrer und die beiden noch übrigen haben sich, des langen Wartens müde, streichen lassen. Es sind unter den 153 anstellungsfähigen Kandidaten so nur noch 8 jüdische verzeichnet, und keiner von ihnen au einer höheren öffentlichen Knabenschule Preußens tätig, während die christlichen Kandidaten fast durchweg vollbeschäftigt sind und zum größten Teile wohl noch in diesem Jahre augestellt werden. Von den drei Probanden des vorigen Schuljahres sind zwei als Oberlehrer in Berlin angestellt worden, der dritte ist ausgeschieden. Von den vier Seminarkandidaten des vorigen Schuljahres sind zwei als Probanden in Schlesien voll beschäftigt, die beiden anderen Berliner Anstalten überwiesen. Sie waren bei Beginn des Schuljahres jedenfalls nicht voll beschäftigt. Reu hinzugetreteu sind drei jüdische Seminarkandidaten (Gesamtzahl 549), zwei in Berlin, einer in der Provinz Posen. Außerdem wird ein Jude an einer Berliner höheren Lehranstalt voll beschäftigt, der in der Liste der anstellungsfähigen Kandidaten nicht verzeichnet steht. Man sieht, daß der Nachwuchs an jüdischen Lehrkräften nicht mehr bedeutend ist. Wie die Verhältnisse gegenwärtig liegen, kann man das nur gutheißen, da bei dem in ca. 2 bis 3 Jahren zu erwartenden Ueberfluffe an Lehrkräften eine Anstellung von jüdischen Oberlehrern unmöglich sein wird. M. G. Lum Gedächtnis von Lador Lahn. Grabrede gehalten in Paris am 11. Dezember von Salom on Rein ach, Vizepräsident der Alliance Jsr. llniverselle. Meine Herren! enn ich hier an Stelle des Präsidenten der Alliance das Wort ergreife, so geschieht es, itnt unserm verehrten Freunde eine schmerzliche Mühewaltung zu ersparen, bei der seine Beredsamkeit durch die innere Bewegung bemeistert werden könnte. Der hervorragende Mann, dem wir hier die letzten Ehren erlveisen, die Ehre seines Landes und des Judentums, war einer der frühesten Mitarbeiter an der großen Schöpfung der Alliance Jsraelite, deren Ehrenpräsident er seit 15 Jahren gewesen ist. Beinahe 40 Jahre widmete er ihr, ohne sich irgendwie zu schonen, die wohltätigen Kräfte seines Wortes, seines Verstandes, seines Herzens. Er hatte sie beinahe schon bei ihrer Entstehung kennen gelernt; noch jung an Jahren begann er mit ihr und für sie zu arbeiten, zu einer Zeit, als uoch -niemand die ruhmvolle Rolle, die ihr bei der ökonomischen und sozialen Entwicklung der Judenheit bestimmt war, voraussehen konnte. Er hat bei allen Aktionen, allen.Maßnahmen mitgewirkt, die ihre Tätigkeit nach und nach näher bestimmten und entfalteten, die ihren Einfluß erweiterten und ihre Hilfsquellen vermehrten. Niemand wird die Geschichte der Alliance schreiben können,, ohne beinahe bei jedem Schritte auf den Namen unseres Freundes zu stoßen. Gleich weit entfernt von jenem Kleinmut, der vor notwendigen Aenderungen zurückschreckt und jener Neuerungswut, die allzuoft nützliche Reformen kompromittiert, hatte er von Anfang an eine gleichsam gebieterisch klare Auffassung von der erzieherischen Aufgabe der Alliance, von der ihr obliegenden Pflicht, unfern Brüdern im Orient, ohne sie ihren religiösen Gewohnheiten zu entfremden, das Licht der Erkenntnis, die Methoden iittb, die Werkzeuge nützlicher Arbeit zu bringen, Wohltaten, die das abendländische. Judentum nicht für sich reservieren durfte. Damit diese Aufklärung sich vollziehen konnte, damit der moralische, intellektuelle und materielle Stand unserer zurückgebliebenen Glaubensgenossen sich durch das Lehrliugswerk und Schulwerk erhob, bedurfte es bei den Leitern wie bei all ihren Hilfskräften einer hartnäckigen Entschlossenheit, eines standhaften Vertrauens zu der hohen Bedeutung des Unternehmens, wie zu der Lebenskraft und Lenksamkeit des Judentums. Zadoc Kahn hatte alle diese Eigenschaften, die beinahe Tugenden zu nennen sind, und wußte davon auch denen mitzuteilen, die an seiner Seite arbeiteten. Es genügte, ihn im Laufe unserer Sitzungen zwei oder dreimal über die Fragen jeder Art, die uns beschäftigten, sprechen zu hören, um außer seiner ausgebreiteten Bekanntschaft mit ben verschiedensten Gegenständen die feinfühlige und sichere Art und Weise zu bewundern, mit der er es verstand/ den Schwierigkeiten durch eine Mischung von Einsicht und Anmut beizukommen. Diese außerordentliche Liebenswürdigkeit Zadoc Kahns, die sich in seiner Stünme wie in seinem Lächeln ausdrückte, hatte nichts Angelerntes, nichts Konventionelles. Es war der unwillkürliche und selbstverständliche Reflex einer unerschöpflichen Güte. Zadoc Kahn war unendlich gut und nachsichtig. Er suchte mit einem rührenden Eigensinn nach Entschuldigungen auch für diejenigen, die seinen leidenschaftlichen Gerechtigkeits- und Wohltätigkeitssinn aufs stärkste verletzten. Er sah nur in allerletzter Linie, wenn er es überhaupt sah, in den Handlungen der Menschen die Wirkung von Bosheit und Mißgunst. Er entzog sich der Verlegenheit, das Schlechte zu hassen, indem er nicht daran glaubte oder darin einen Irrtum beklagte. Wieviele Male hörten wir ihn, wie er Aufregung besänftigte, Ungeduld zügelte, in naher und ferner Vergangenheit Beispiele aufwies, um den entmutigten Seelen Hoffnung zu spenden und Glauben den Geängstigten! So oft sich um den Tisch, an dem sein Platz verwaist ist, seine Kollegen, — die es bis gestern waren — seine Bewunderer und Freunde versanuneln werden, um über die Interessen zu wachen, die ihm so teuer waren, werden sie sich feine Gedanken und Ratschläge ins Gedächtnis rufen und werden den Hauch dieser Erinnerungen auch aus die Jugend zu übertragen suchen, die ohne Zweifel in demselben Geiste der Solidarität und des Fortschritts unser Werk fortführen und vollenden wird. Seit den ersten Tagen der Alliance, als ihre Mitglieder mehr Begeisterung als Mittel hatten, war es ihr Bestreben, durch Förderung der landwirtschaftlichen Kolonisation die traurige Lage der Israeliten in gewissen Ländern zu verbessern, in denen sie Opfer ungerechter Vorurteile sind, die der Geist des 18. Jahrhunderts nicht beseitigen konnte. An dem Tage, da es möglich wurde, von Worten zu Taten überzugehen, gehörte Zadoc Kahn zu der kleinen Zahl derjenigen, die inmitten von unaufhörlich wachsenden Schwierigkeiten und Hindernissen den rationellen und methodischen Gang des neuen Exodus leiteten. Die landwirtschaftlichen Kolonien, die die Alliance in Asien, Afrika, in dem weiten Amerika begründet hat oder die .,daselbst unter ihrem Einfluß entstanden sind, haben ZadÄ Kahn gegenüber eine Dankesschuld, die die Zeit nur immer vergrößern wird, in dem Maße, als die Wirkungen seiner Fernsicht immer mehr offenbaren werden, als sein allen Prüfungen standhaltender Optimismus sich immer schöner rechtfertigen wird. Diese Werke sind noch jung, das 20. Jahrhundert wird ihre Früchte reifen sehen.

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