Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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604 wurden, bereits auf über 300! Dabei treffen noch fortgesetzt Nachrichten über Niedermehelungen und Beraubungen von Juden ein, die in kleineren oder größeren Gruppen vereinzelt außerhalb des Ansiedlungsrayons, wohnten! „Leider besteht", wie in der Denkschrift ausgeführt wird, „nicht die geringste Garantie, daß gleiche Ausschreitungen für die Zukunst unmöglich sein werden. Die Befürchtung ist vielmehr gerechtfertigt, daß bei der systematischen Hetze, die auch jetzt noch in zahlreichen Ortschaften gegen unsere Glaubensgenossen betrieben wird, und bei der Straflosigkeit, der sich zahlreiche bei den Pogromen beteiligte russische Beamte erfreuen, neue, schwere Ausschreitungen gegen die russischen Juden in jedem Augenblick erwartet werden können. Es ist daher die Pflicht der nichtrussischen Juden, aus das Ernsteste mit diesen Möglichkeiten zu rechnen und auf eine erneute Intervention gefaßt zu sein." Angesichts dieser Sachlage wird es in der Tat noch größerer Anstrengungen bedürfen, um dem Rettungswerk weitere Mittel zuzuführen. Ueber die Fortschritte der Sammlungen ist zu berichten, daß dieselben sich bei dem „Hilfsverein der Deutschen Juden" auf 1900000 M., bei dem Frankfurter Komitee auf 750000 M., bei der Alliance israelite auf 1500 000 M., in London aus mehr als 2000 000 M. belaufen. Das neue englische Ministerium hat einen Juden zum Staatssekretär im Ministerium des Innern ernannt, nämlich Herbert Louis Samuel, der im Alter von 45 Jahren diese hohe Stellung erreicht hat. Bis jetzt sind außer Disraeli nur zwei Juden Mitglieder eines Kabinetts gewesen: Sir- George Jessel und Baron Henry de Worms. Ein Neffe von Sir- Samuel Montagu, also aus guter jüdischer Familie, hat S. nach Beendigung seiner Studien sich mit vollem Eifer den öffentlichen Angelegenheiten zugewendet. 1900 kam er in das Unterhaus, zu dessen besten Sprechern er gehört. Im vorigen Sonuner hielt er einen Aufsehen erregenden Vortrag über die Einwanderung mit Rücksicht aus die damals dem Parlament vorliegende Fremdenbill, gegen die die jetzigen Minister allesamt — als Führer der liberalen Opposition — mit aller Entschiedenheit sich ausgesprochen haben-, so, daß man wohl annehmen darf, sie sei mit dem abgegaugenen Ministerium endgültig abgetan. * Von den Juden in China ist wieder einmal d.ie Rede. Mr. Oliver Bainbridge, welcher sich vor einiger Zeit nach Kaifengfu in der Provinz Honau in China begeben hat, um die Ueberreste der einst so mächtigen jüdischen Kolonie daselbst zu besuchen, ist am 10. Oktober nach Shanghai zurückgekehrt. Die Rückkehr hat sich durch eine schwere Erkrankung des Reisenden in Kaifengfu um einige Wochen verzögert. Die Ausbeute dieser Reise besteht-in zahlreichen Photographien von Tempeln, Palästen, Moscheen, zwei wertvollen und sehr alten Dokumenten, sowie endlich einer 400 Jahre alten Thorarolle. Die Juden begegneten ihm überaus zuvorkommend und übergaben ihm einen Aufruf an die europäische Judenheit, in welchem diese gebeten wird, ihnen beizustehen, damit sie ihre Synagoge wieder ausbauen und die Ueberreste ihrer einst zahlreichen Gemeinde sammeln könnten. Dagegen stieß er ansangs bei den chinesischen Mohamedanern aus große Schwierigkeiten. Ihr Haß gegen die Juden ist so groß, daß, als er in Kaifengfu ankam, er von 800 Mohamedanern umringt wurde' welche im Glauben, er wäre ein jüdischer Rabbiner, ihn tätlich angreisen wollten. Es gelang Mr. Bainbridge jedoch leicht, sie zu. überzeugen, daß er kein Jude ist. Das anfängliche Mißtrauen der Mohamedaner verwandelte sich darauf in große Freundschaft, welche schließlich soweit ging, daß sie ihm die obenerwähnte Thorarolle abtraten. Der Grund für den Haß der Mohamedaner gegen die Juden besteht in der Tatsache, daß sie auf einen Teil des Platzes der alten jüdischen Synagoge eine Moschee errichtet haben und sie infolgedessen befürchten, diese Moschee zu verlieren, wenn die Synagoge neu erbaut werden sollte. Wdilche Oberlehrer an den höheren Lehranstalten Orentzens. er soeben erschienene „Kunze - Kalender" für das höhere Schulwesen Preußens usw. (Schuljahr 1905) mahnt uns an unsere Chronistenpflicht, den Lesern der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" von den jüdischen Oberlehrern in Preußen zu berichten. Ist doch der „Kunze" selbst ein beredtes Zeugnis von den Verdiensten, die sich ein Jude um den höheren Lehrerstand erworben hat. Einer der beiden Herausgeber ist Jude, und schon sein Vater, der an. der Anstalt unterrichtete, an der Kunze Direktor war, hat diesem bei dem ersten Jahrgang geholfen. Es ist aber bezeichnend für die Art, wie die Regierung Verdienste ehrt, daß im vergangenen Jahre, als im Kultusministerium eine Neuordnung der Ancieunitätsverhältniffe der Oberlehrer ausgearbeitet werden sollte, einer der Herausgeber des „Kunze-Kalenders" ins Ministerium als Hilfsarbeiter berufen wurde — natürlich der evangelische. Im Schuljahr 1904/05 sind im ganzen sechs Juden an preußischen höheren Knabenschulen als Oberlehrer angestellt worden, davon einer an der jüdischen Realschule „Philauthropin", als Ersatz für einett Pensionierten Oberlehrer, die übrigen fünf an städtischen Schulen Berlins. Da ein jüdischer Oberlehrer Berlins in diesem Schuljahre verstorben ist, so hat sich die Zahl der jüdischen Oberlehrer in Berlin um vier vermehrt (46 gegen 42). Von den jüdischen Oberlehrern an den staatlichen Anstalteit in der Provinz Posen hat sich einer. taufeit lasset:; sonnt beträgt die Zahl der jüdischen Oberlehrer an den staatlichen Anstalten Preußens ::ur itoch 10 (Ostpreußen 1, Westpreußen 3, Posen 4, Brandenburg 2 ^darunter 1 in Berlins). An städtischen Anstalten tvaren am 1. Mai 1905 63 jüdische Oberlehrer vorhanden, und zwar 1 in Westpreußen (Danzig), 3 .in Brandenburg (Charlottenburg), 46 in Berlin, 1 in Posen (Bromberg), 8 in Schlesien (5 in-Breslau), 1 in Sachsen (Magdeburg), 3 in Hessen-Nassau (Frankfurt a. M.). Die Vermehrung der jüdischen Oberlehrer um 3 entspricht ungesähr dem Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zur nichtjüdischen. Da in diesem Schuljahre im ganzen 245 Oberlehrer mehr vorhanden als im vorhergehenden, so kämen bei dem Prozentsatz der Juden (1,14) auf diese 2,79 mehr. Von Lehramtskandidaten, die früher dem Judentume angehört haben, ist übrigens noch einer bei Beginn des laufenden Schuljahres Oberlehrer geworden. Er hatte trotz seiner schon vor längerer Zeit erfolgten Taufe im ganzen 16 Jahre auf definitive Anstellung warten müssen. Die Zahl der in der Liste der anstellungsfähigen Kandidaten verzeichneten Juden hat sich sehr vermindert. Von den 14, die der vorjährige Kunze noch aufzählte, sind 3 Oberlehrer in Berlin geworden, 1 Oberlehrer an einer außerpreußischen Mädchenschule (Mainz), 1 ist an eine deutsche Aüständsschuke (Konstantinupel) übergegangen. '4 sind an