Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1 ' -- 603 -— deputation wird, wenn die Schulen des Schulverbandes von einer ganz unerheblichen Zahl jüdischer Kinder besucht werden. Denn es handelt sich hierbei nicht so sehr darum, für die jüdischen Lehrer, als vielmehr für'die jüdischen Kinder eine Vertretung ihrer religiösen Jnteresseü innerhalb der Schuldeputation zu gewährleisten.- Es muß zu dem letzten Punkte noch hinzugefügt werden, daß auch selbst für den Fall der Zulassung eines Rabbiners . als Vertreter der jüdischen Gemeinde zur Schutdeputation derselbe erst der Bestätigung durch die'Regierung bedarf; dieser gerät also dadurch in ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis >r zu der Behörde. Auch dieser Punkt bedarf entschieden der Abänderung. Der Verband der deutschen Juden wird als Zentralstelle für alle diejenigen Wünsche und Anträge dienen, welche seitens der jüdischen Gemeinden, der Lehrerschaft und der Rabbiner sich au diesen Gesetzentwurf knüpfen. In der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses, hat übrigens, was allgemein übersehen wurde, der Abgeordnete Justizrat P orsch als Generalredner des Zentrums erfreulicher- weise die folgende Aeußerung getan: Es versteht sich von selbst, daß wir und unsere Partei die Wünsche und gerechtfertigten Ansprüche unserer jüdischen Mitbürger in bezug aus das Schulunterhaltungsgesetz auf das Sorgfältigste prüfen und berücksichtigen werden. Wir hoffen, daß die Juden uns ihre bezüglichen Anforderungen eingehend begründen und auseinandersetzen werden. $ Im Reichstag haben die Antisemiten es versucht, den Ton, den leider Herr von Kardorff zuerst angeschlagen, weiter- ' zuführen. Allerdings in anderm Sinne. Glücklicherweise ist es ihnen bisher nicht gelungen, eine große Debatte zu provozieren. Man hat ihre Reden, die sonst einen Heiterkeitsersolg davon zu tragen pflegen, diesmal gar nicht beachtet. -Sowohl - Herr Lieberinann von Sonnenberg, wie Herr Oswald Zimmermann und Herr Adolf Stöcker hetzten gegen die russischen Juden und gegen das Hilfswerk, und beide verlangten, Deutschland müsse, wie England durch die Alien-Bill es getan, Maßregeln ergreifen, uni die Einwanderung russischer und polnischer Juden zu erschweren. Wir legen diesen Hetzreden kein allzugroßes Gewicht bei, aber in Verbindung mit den Hetzartikeln der „Kreuzzeitung" und der „Post" bilden sie doch ein bedenkliches Symptom der Stimmung in gewissen Kreisen. Das letztere Blatt bemerkt ausdrücklich in einem Artikel mit der Ueberschrift „Besteht der Ausweisungsparagraph nicht mehr zu Recht": „Ferner wäre es sehr wünschenswert, daß die Behörden den sehr zahlreich in Berlin herumlungernden und agitierenden russischen Studenten und Studentinnen unausgesetzte Aufmerksamkeit schenkt. In der „freien" Schweiz ist man nicht so duldsam gegen solche Leute wie bei uns." Daß die letztere Bemerkung absolut unrichtig ist, geniert natürlich diese Herren nicht im geringsten. Aber dieses ganze Zusammenwirken edler Brüder in Presse und Parlament zeigt uns deutlich, wohin die ganze Hetze steuert. $ Die Judenfrage im russischen Ministerrat ist neuerdings, wie verschiedene Blätter melden, wieder in einer der letzten Sitzungen aus Anlaß der jüngsten Judenverfolgungen besprochen worden. Mehrere Mitglieder waren der Ansicht, daß diese Angelegenheit gegenwärtig gar nicht zu verhandeln sei, zufolge des früheren Beschlusses, wonach die künftige Duma darüber Entscheidung treffen solle. Der Ministerrat beschloß indessen, mit Rücksicht auf die ausnahmsweiseu Umstände (Judenmetzeleien). sich mit der Sache sofort zu befassen. Auf der Tagesordnung stand die Frage, der Aufhebung aller Vorschriften, durch welche die Juden im Genuß der Rechte beschränkt werden. Im Laufe der. Debatte traten zwei Ansichten hervor. Eine erhebliche Minderheit erklärte sich gegen Aufhebung der Beschränkungen und vertrat die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung des „Status quo." Andere dagegen wiesen die Notwendigkeit der Aufhebung unter Hinweis darauf nach, daß die Einteilung der Untertanen in Bürger und Juden die gleiche Auffassung im Volke nach sich ziehen und beseitigen werde. Dadurch würde das Volk auf direktem Wege zu der Ansicht gelangen, daß die Regierung die Juden verfolge und daß, wenn das Volk sie ebenfalls verfolge, es nur den Wünschen und Absichten der Regierung entgegenkomme. Die Vertreter der ersteren Ansichten führten dagegen aus, daß die Aufhebung der Judenbeschränkungen eine noch größere Repression seitens des Volkes erfahren werde, wenn es diese Maßregel ebenso auffassen würde, wie das Manifest vom 17. Oktober. In vertraulichen Gesprächen gestanden die Teilnehmer des Ministerrats einander zu, daß „die Verwaltung keinen geringen Anteil an der Verschärfung der Judenverfolgungen" habe. Die langen Beratungen führten zu keinem positiven Resultat und man beschloß wieder, die Sache der Duma zu überlassen. Nur bezüglich des „Niederlassungsrayons" wurde beschlossen, sich „aus irgend eine Weise" abzufinden und zu diesem Zwecke eine neue Sitzung anzüberaumen, zu welcher „das Material dieser Angelegenheit" herbeigeschafft werden solle. Inzwischen hat Graf Witte einem Interviewer hinsichtlich der absoluten Gleichstellung der Juden erklärt: „Wenn die Regierung auch wollte, so könnte sie diese jetzt nicht gewähren, da dadurch ein entsetzliches Blutvergießen entstehen würde. Die Juden würden dann Schutz verlangen, und die Regierung müßte ihr eigenes russisches Volk niederschießen lassen, was nicht verstanden werden würde." $ Neuerdings hat auch der Papst das Wort ergriffen. In einem Schreiben an die polnischen Bischöfe bedauert er die von den Parteien, hauptsächlich von den Sozialisten und Radikalen, begaugeuen Ausschreitungen und Gewalttaten. Das Evangelium verurteile selbst solche Judenhetzeu. Dann fordert er alle Katholiken Polens auf, sich zu vereinigen, um die Schäden wieder gut zu machen, und erinnert die Bischöfe an ihre Pflichten. Dazu ist nur zu bemerken, daß nicht die Sozialisten und Radikalen die Judenhetzen gemacht haben, sondern vielmehr deren Gegner! Die Sammlungen für das Hilfswerk nehmen ihren guten Fortgang. Die Herren Dr. Paul Nathan, Karl Stettauer und Feinberg sind von ihrer Reise durch Rußland glücklich nach Berlin zurückgekehrt. In einer ausführlichen Denkschrift, die uns der Hilfsverein zuschickt, berichten die Herren über die von ihnen im Verein mit den russischen Komitees durchgeführte Organisation der Hilfsaktion, sodann über die den einzelnen betroffenen Orten bewilligten Beiträge und schließlich über die Eindrücke, welche sie durch unmittelbare Beobachtungen sowie durch die Vernehmung absolut zuverlässiger Zeugen von den Vorkommnissen und ihren Folgen gewonnen haben. „Diese Eindrücke", so heißt es in der Denkschrift, „sind die furchtbarsten. Die Wirkungen der Pogrome sind entsetzlicher, als auf Grund der bisherigen schriftlichen Berichte hat angenommen werden können." Beläuft sich doch die Zahl der bei den russischen Komitees antzemeldeten Ortschaften, welche von Exzessen heimgesucht