Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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69. Jahrgang. No. 50. Berlin, 15. Dezember 190i>. Vellage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums" Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 9## Berlin, 10. Dezember. Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich der Trauer-Gottesdienst, den unsere Gemeindeverwaltung heute Vormittag in der Neuen Synagoge veranstaltet hat. Bis auf die ersten vier Reihen des Mittelschiffs, die für durch ihre Abwesenheit glänzende Ehrengäste reserviert blieben, war das Gotteshaus von Andächtigen überfüllt, die in dichten Scharen gekommen lvaren, urn an geweihter Stätte unserer im russischen Reiche hingemordeten Glaubensgenossen zu gedenken. Nach einem stimmungsvollen Orgelpräludium sang der Chor in bewährter Meisterschaft den an unsere eigene Vergänglichkeit uns erinnernden Psalmvers: „Der Mensch, der Blume gleich sind seine Tage, wie des Feldes Blüte, so blühet er", woraus Rabbiner Dr. Mahbaum, von dem Ernst des Momentes sichtlich ergriffen, eine Predigt hielt, die auf die Zuhörer einen tiefen Eindruck machte. „Das Gotteshaus," führte der Redner aus, „ist keine Stätte der Anklage, sondern der Versöhnung. Hier beten wir nicht nur den Tod der Sünder, sondern um den Tod der Sünde, um das Verschwinden der bösen Leidenschaften, die von jeher zu Bruderzwist und Brudermord führten. In der Geschichte des Patriarchen Jakob spiegelt sich die Geschichte seiner Nachkommen, die Geschichte Israels wieder. Auf der Leiter, welche die Erde mit dem Himmel verbindet, steigen gute und böse Engel auf und nieder, alles aber ist von Gott vorausgeschaut, der durch Finsternis und Tod zu Licht und Leben führt. An Israel hat sich nicht einmal das Wort der Schrift bewährt: „Wenn der Fromme auch siebenmal fällt, er richtet sich wieder auf, denn Gott steht ihm bei." Nicht weinen und klagen, sondern ringen und kämpfen wollen wir, ringen und kämpfen nach Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit, dann wird jene Zeit heranbrechen, nach der die erleuchteten Geister aller Nationen sich sehnen und die, von unseren Propheten vorausgesagt, zum Heile der gesamten Menschheit einst kommen wird. Aber während wir den Märtyrern eine Träne der Erinnerung nachweinen, wollen wir auch der Lebenden, ihrer Hinterbliebenen gedenken und nach Kräften an dem Hilfswerk uns beteiligen, um die entsetzliche Not der Witwen und Waisen zu lindern, und die vielen zerrütteten Existenzen wieder aufzurichten." Alsdann rezitierte er den üblichen bei jeder Totenfeier gesprochenen Psalm : „Gott, was ist der Mensch, daß du sein gedenkst usw." und verrichtete ein ergreifendes Gebet für die Seelen der Märtyrer, bei dem kein Auge tränenleer blieb. Abermaliger Chorgesang und das vom Rabbiner gesprochene Kaddischgebet bildeten den Schluß der Gedenkfeier. In der Vorhalle standen Tempeldiener mit Sammelbüchsen, um Spenden für die Opfer der russischen Judenverfolgung entgegenzunehmen. Wie wir beobachten konnten, war die Opferwilligkeit eine ziemlich rege. — Auch die Gedenkfeier in der Synagoge Rykestraße nahm einen sehr würdigen Verlauf. Das Programm war das gleiche. Die Rede des Herrn Rabbiner Dr. Rosenzweig machte auf die zahlreichen Zuhörer einen sehr tiefen Eindruck. 8. Berlin, 8. Dezember. Im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hielt gestern Herr Dr. Adolf Friedemann einen sehr interessanten und von einem zahlreichen Auditorium mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Palästina,Land und Leute". Ausgehend von einer allgemeinen Schilderung seiner Reiseerlebnisse gelangte der Redner zu einer sehr charakteristischen Darstellung der verschiedenen Religionsbekenntnisse im heiligen Lande, ihrer Weltanschauung, ihrer Lage und ihrem Verhältnis zu einander. Anl ausführlichsten schilderte er natürlich die Stellung der Juden, wobei er in sehr scharfer und, wie wir leider zugestehen müssen, berechtigter Weise gegen die übliche Wohltätigkeitspflege im heiligen Lande, die sogenannte Chalukah, polemisierte. Es ist das ein alter Krebsschaden, gegen den schon Ludwig Philippson vor mehr als 50 Jahren zu Felde gezogen ist. Zum Schlüsse gab der Redner eine sehr gute Schilderung der jüdischen Kolonien im heiligen Lande. Hübsch ausgeführte Lichtbilder ergänzten in wirksamer Weise den Vortrag. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Memel sprachen Dr. Beermann-Jnsterburg über „Aus dem Vereinsleben in alter und neuer Zeit", Dr. Ro senthal-Stargard über „Schiller und die Bibel"; in Danzig Dr. Ros enberg-Thorn über „Nascht und feine Wirksamkeit"; in Nakel Dr. Ludwig Cohn über „Moses Mendelssohn und seine Bedeutung für das Judentum"; in Breslau Dr. Go ldfchmi dt-Königshütte über feine „Reiseerlebnisse in Palästina"; in Küstrin Prediger Haafe über „Moses Mendelssohn Leben und Wirken"; Dr. Adolf Ko Hut-Berlin über „Alexander von Humboldt und das Judentum"; in Magdeburg Lehrer Steinhardt über „Die deutschen Juden im X. und XI. Jahrhundert"; in Coethen Dr. Seligkowitz über „Herodes und das Judentum"; in Köln Professor Dr. Martin Philippson über seine „Reise im Orient"; in Bonn Referendar Alfred Apsel-Köln über „Die Renaissance des jüdischen Bewußtseins"; in Aachen Dr. Hochset d-Düsseldorf über „Moses Maimonides"; in Frankfurt a. M. Dr. Arthur Kahn über „Das Ghetto der alten und der neuen Welt"; in Karlsruhe Fräulein Anna Ettinger über „Goethe und dieBibel"; in Mannheim Dr. Ackermann-Brandenburg über „Ursprung und Originalität der synagogalen Melodien"; in Alzey Dr. Le mit über „Den biblischen Schöpfungsbericht vom Standpunkt der modernen Naturwissenschaft". — Ein neuer Literaturverein wurde begründet in Grünberg in Schlesien. Den einleitenden Vortrag hielt Herr Lehrer Adolf Heymann; in den Vorstand wurden gewählt die Herren: Rittergutsbesitzer, Bankier Louis Laskau, I. Vorsitzender; Fabrikbesitzer Emil Kosterlitz, II. Vorsitzender; Lehrer Adolf Heymann, Schriftführer; Kaufmann Adolf Selowsky, Schatzmeister; Kaufmann Alfred Baeck, Bibliothekar. L2 Berlin, 12. Dezember. Herr Siegmund Bergel, Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Inden, der mit rastloser Hingebung für die Zwecke dieses Vereins wirkt, stellt jetzt seine bewährte Kraft in besonderem Maße zur Verfügung, wo die furchtbare Katastrophe über die russischen Juden hereingebrochen ist, die noch auf lange Zeit hinaus unermüdliche Hilsstätigkeit und Opserwilligkeit erfordern wird. Herr Bergel hat mit großem Erfolge Versammlungen unter anderem in Laudsberg a.W., Gotha, Nordhausen und Erfurt abgehalten. Es traten zahlreiche Anwesende dem Hilfsverein der Deutschen Juden als Mitglieder bei, und es wurden in den betreffenden Städten Lokalkomitees gegründet. Den Vorsitz des Lokalkomitees in Erfurt hat Herr Rabbiner Dr. Salzberger übernommen.. Herr Bergel ist bereits wieder unterwegs, um in einer Reihe anderer Städte Vorträge zu halten, die insbesondere infolge seiner genauen Kenntnis der russischen Verhältnisse überall mit lebhaftestem Interesse ausgenommen werden. — Königsberg, 1. Dezember. Hier ist am 27. v. M. der Amtsgerichtsrat Alexander gestorben. Die Beerdigung fand am 29. v. M. unter großer Anteilnahme statt. Nachdem zunächst imTrauerhause in der Henschestraße Rabbiner Dr. Vogelstein im engsten Familien- und Freundeskreise eine kurze Tranerandacht gehalten hatte, setzte sich der Leichenzug, dem sich zahlreiche Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte, an ihrer Spitze Oberlandesgerichtspräsident von Plehwe, sowie viele Freunde des Verstorbenen anschlossen, nach dem neuen jüdischen Friedhofe in Bewegung. Dort hielt dann nach einem Gesang des Synagogenchors unter Leitung des Oberkantors Birnbaum Rabbiner Dr. Vogelstein die Trauerrede. Er rühmte an dem Verstorbenen seine reiche Begabung, seinen festen Charakter und sein stark ausgeprägtes Rechtsbewußtsein. Dieses habe ihm in Verbindung mit seinem geraden Wesen manche Kämpfe und auch Unannehmlichkeiten bereitet, wenn er im Streit der Meinungen mitunter in voller Schärfe seine Ansicht vertrat. Aber auch in solchen Fällen habe niemals jemand von seinen Gegnern an der Lauterkeit und Reinheit seiner Absichten zu zweifeln gewagt. — Dann wurde der Sarg zum