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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-15 · Heft 50 (15.12.1905) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 600 (sequence 12)
Language
German
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600 Befehl aus ihrem Munde erwartete, da rief ihn Susi in den Hof, forschte nach, ob ihn hungerte und führte ihn in den Küchenramn, wo er gesättigt werden sollte. Jsak war ganz außer sich. Ihm schwindelte. Er war nicht imstande, ordentlich zu essen. Und trotz des Hungers und der Dankbarkeit, die er, der Unglückliche, für seine Wohltäterin empfand, verschlang er Susi mit den Blicken, als ob er sie ganz verzehren möchte. Wenige derartige in den Küchenraum eingenommene Mahlzeiten reichten hin, um Jsak ben Jsak in Susi rasend verliebt zu machen. Nun hielt er sich tagsüber nur in der Nähe ihres elterlichen Hauses auf. Wagte es jemand, seiner Herzenskönigin etwas zu sagen, und sei es auch nur im Scherz, so war Jsak immer bereit, mit geballten Fäusten den Kampf zu beginnen, um zu allerletzt eine ansehnliche Tracht Prügel einzuheimsen, wie es sich für einen eifersüchtigen Ritter geziemt. An ungezogenen Burschen fehlte es natürlich nicht in jener Straße und so konnte Jsak tagtäglich seine Prügel einstecken; litt er es doch nicht, daß jemand, und sei es noch so anstandsvoll, sich seiner Susi nähere. Die gefühlvolle Susi war zweifellos tief gerührt von der großen Anhänglichkeit Jsaks. Allein, so sehr sie seine Ergebenheit bewunderte, seine Heftigkeit billigte sie nicht und machte ihm dann und wann leise Vorwürfe. Aber selbst wenn sie ihn zurechtwies, so ergriff sie doch seine Hand und streichelte ihm Stirne und Wangen. In diesen Augenblicken hörte Jsak keinen Vorwurf, keine Zurechtweisung — er war glücklich, seine Augen zwinkerten fortwährend und Glückstränen rollten über sein Gesicht. Er ergriff die Hand Susis und küßte sie. Er flehte sie an, nicht um ihn besorgt zu sein. Er sei kräftig genug, um all die ungezogenen Burschen zu züchtigen, die die Leute nur zu belästigen wissen. Susi lachte aus vollem Herzen über den Mut Jsaks. Sah sie doch oft, welch' beträchtliche Anzahl Schläge und Stöße Jsak einzustecken vermochte, nur weil er nicht gestattete, daß jemand seine Herzenskönigin eine Weile länger betrachtete. Mit der Zeit begann aber Susi sich ob des treuen Verehrers zu langweilen. Zwar verabreichte sie ihm noch innner allerhand Speisen und gestattete ihm, ihr Händchen zu küssen, allem sie sah ihn nicht mehr mit jenem nülden, beseligenden Blick an, der ihn so glücklich machte. Während der Bursche ihr nun lächerlich vorkam, loderte in Jsaks Herzen das Feuer wie zuvor. Schon seit längerer Zeit sehnte sich Jsak danach, seiner geliebten Susi ein schönes Geschenk zu machen. Natürlich war er sich darüber klar, daß er etwas schönes suchen müsse, das dem Gefühle der Dankbarkeit, das die guten Augen der schönen Susi in seinem Herzen erzeugt hatten, entsprechen würde. Auf seinen Spaziergängen, die er manchmal absichtlich in der Nähe des Stadttores machte, besonders in der an Früchte tragenden Bäumen reichen Vorstadt, erblickte Jsak in eineur der Gärten einen Birnbaum mit großen gelben Birnen, die alle Vorstellungen, die er von einer solchen Frucht sich hätte machen können, übertrafen. Rasch schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß solch ein Paar schöne Birnen für seine gute, hochverehrte Susi ein paffendes Geschenk ab geben würde. Der Gedanke an Susi war mächtiger, als die Furcht, erwischt zu werden. Rasch kletterte Jsak ben Jsak über den Zaun, erfaßte den Birnbaum, hielt sich an eineur Aste fest und pflückte zwei der schönsten Birnen. Allein ein Hund spürte den Gast und begann zu bellen. Jsak hatte es eilig, zmn Zaun zurück zu gelangen. Der Hund folgte ihm nach und biß ihn in den Fuß. Von Ferne ertönten die Schritte des Wächters, der den Eindringling zu erwischen sich beeilte. Jsak achtete auf nichts. Mit einer Kraft, die ihm gar nicht hätte zugetraut werden sollen, rannte Jsak durch die Straßen, daß er kaum den Atem holen konnte. Seinen Spuren folgte ebenso rasch der Wächter. Es war eine rasende Jagd. Nichts hätte den kleinen Flüchtling aufhalten können. Wußte er doch, daß, einmal erwischt, es ihm unmöglich gewesen wäre, loszukommen. War es aber möglich, daß Jsak an etwas anderes dachte als an die Freude Susis in dem Augenblicke, da er ihr das Geschenk überreichen würde? Wahrhaftig, er mußte sich sagen, daß das Geschenk gestohlen war, allein er stahl nur ihr zu Liebe, nur ihrer unvergleichlichen Schönheit zu Liebe. Jsak war ganz gelb und mit unstetem Blick als er bis an das Elternhaus Susis gelangte. Susi kam ihm lächelnd entgegen. Nun reichte ihr Jsak die Birnen, küßte ihre Rechte und ohne daß er imstande gewesen wäre, ein Wort auszusprechen, sank er leblos hin zu ihren Füßen. . . . Susi, die Schönste im Städtchen, das Mädchen mit den mildesten Augen die Jsak je gesehen — Susi war von der Treue des Armen, der so zu lieben verstand, tief gerührt. In ihrer plötzlichen Rührung beugte sie sich weinend über Jsak und küßte ihm mehrmals Augen und Wangen und Stirn. Armer Jsak! Du wärest der Glücklichste auf Erden gewesen, hättest Dll die Küsse gespürt, die Susi Dir gab. Ach, und Du warst der Unglücklichste auf Erden! i-im: Literarische Mitteilungen. Zur Geschichte der Juden in Bingen am Rhein. Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge in Bingen am 21. September 1905. Herausgegeben von Dr. Richard Grünfeld, GroßherzoglicherRabbiuer. Bingen 1906. Es ist äußerst dankenswert, daß in unserer Zeit dasBestreben vorwaltet, dieGeschichte der einzelnen jüdischen Gemeinden in Deutschland zu erforschen. Solche Arbeiten ergänzen vielfach die in den großen jüdischen Geschichtswerken niedergelegten, geschichtlich bedeutenden Tatsachen, sie berichtigen — wie das bei historischer, mit Liebe betriebener Kleinarbeit selbstverständlich ist — manche Unrichtigkeiten und Nngenauigkeiten, und sie liefern zugleich reiches Material zu einer künftigen Geschichte der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Einen bemerkenswerten Beitrag hierzu liefert die vorliegende Arbeit des Bingener Rabbiners Dr. Grünfeld. Die Geschichte der Bingener Gemeinde, die weit in das Mittelalter zurückgeht, ist an und für sich interessant, sie ist mit der Geschichte der Mainzer Gemeinde innig verknüpft, sie erhielt v.on diesem Geisteszentrum mannigfache Anregungen und sie teilte zumeist die Schicksale, von der das jüdische Gemeinwesen in Mainz getroffen wurde. Der Verfasser hat es trefflich verstanden, die Leidens- und Kulturgeschichte der jüdischen Gemeinde flott und anziehend zu schildern und ein anschauliches Bild von der Entwicklung der Gemeinde und ihrer Angehörigen zu entwerfen. Dadurch, daß die lokalen Vorgänge, die sich auf dem engen Boden der Gemeinde abspielten, an die politischen Begebenheiten der allgemeinen Weltgeschichte angereiht und unter höhere geschichtliche Gesichtspunkte gebracht sind, gewinnt die Arbeit an allgemeinem Interesse. Auch die Kapitel: „Die alte Synagoge", „Der Friedhof" und „Das Memorbuch" sind von mehr als lokaler Bedeutung. Der Anhang mit seinen Grabinschriften, Nekrologen, Judenschutzurkunden usw. ist recht reichhaltig; die Auswahl ist sorgfältig getroffen. Es ist zu wünschen, daß der Verfasser sich entschließt, auch das übrige Material, über das er nach seinen Mitteilungen verfügt, zu verarbeiten und herauszugeben; wir sind überzeugt, daß er sich dadurch ebenso wie durch die Abfassung der vorliegenden Arbeit den Dank und die Anerkennung weiter Kreise erwerben wird. x. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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