Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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sein, will ich den Mann zitieren, der, wie kein zweiter heute, sie in allen ihren Einzelheiten kennt: Fr ie d län d er selbst. „Es wird diesen Männern vielmehr noch gegen Ende des ersten und Anfang des zweiten Jahrhunderts von Seiten hervorragender pharisäischer Gesetzeslehrer das Zeugnis ausgestellt, „daß sie sich der Thora — allerdings nicht der Ueberlieserung gemäß — und frommer Werke befleißigen", wenn ihnen auch gleichwohl wegen Geringachtung der mosaischen Satzungen der Anteil an dem künftigen Leben abgesprochen wird. — Dieses Zeugnis lautet wörtlich: „R. Eleazar aus Modem lehrt: Wer die Sabbate entweiht, die Festtage verachtet, wer den Bund unseres Vaters Abraham — die Beschneidung — zerstört, und wer Erkärungen der Schrift enthüllt, die nicht der Ueberlieferung entsprechen: der hat keinen Anteil an dem künftigen Leben, selbst wenn er Kenntnis der Thora besitzt und fromme Werke übt." Ein solches Zeugnis aus dem Munde der Gegner.wirst ein Helles Licht auf das Wesen und die Bestrebungen des Minäismus."*) — Und dieser selbe Friedländer, der uns das Verständnis für die palästinensischen Sedim und Minim so glänzend erschlossen hat, wagt es — ich bin außer mir — diesselbe Urteil über die Minim auf die unschuldigen Amme-haarez zu beziehen. Ist das jenes Mannes Vorgehen, der unser ° wissenschaftlicher Messias sein und mit seiner heißen Lava das ganze Judentum begraben möchte? Das Wenigste, das man von einem solchen Manne verlangen darf, ist doch wissenschaftliche Ehrlichkeit. Zwei Zitate sollen die gewaltigen Zeugen sein dafür, daß der Palästinensische Am-baarez die Paulinische Gesetzesbefreiung vorbereitet hat: das eine hat Friedländer, milde gesprochen, mißverstanden, das zweite mißbraucht. (Schluß folgt.)!}fafe den Mir. Skizze von Jo an D. Mono lache?) gab wohl selten einen unglücklicheren Burschen als es unser Jsak.war! Ihm lauerte das Unglück auf, als er noch im Mutterleibe weilte: der Vater starb, bevor Chajia ihr Söhnchen gebar, so daß der kleine Bursche, der seinen Vater nicht kannte, nach altem Brauch seines Vaters Namen führen mußte. Und als der Glückspilz zur Welt kam, da sollte die Entbindung seiner Mutter schier das Leben kosten, während seine ältere Schwester sich einen Fuß ausrenkte. Lauge Zeit mußte .die schwerkranke Wöchnerin das Bett hüten. Der arme Jsak aber fand nur wenig Milch in der geschrumpften Mutterbrust. So gewöhnte sich Jsak von frühester Kindheit daran, Entbehrungen zu ertragen. Und als er heranwuchs, war er so mager und dürr und seine Beinchen waren so schwach, daß er nicht einmal am Spiel der gesunden, ungezähmten Kinder teilnehmen konnte. So saß der Kleine still, dort wo die Schwestern, die ihn Pflegten, ihn gerade hinsetzten, auf dem Fußboden, auf der Erdbank vor dem Hause oder in der Mitte des Hofes. Und 1) Friedländer, Der Antichrist, S. 12. Vgl. Friedländer, Der vorchr. jüd. Gnostizismus S. 67 5. 2) Der jüngst verstorbene Dichter war einer der hervorragendsten Erzähler Rumäniens. Aus der Moldau stammend, war er ein guter Kenner jüdischer Sitten und Gebräuche. Seine Witwe ist Jüdin. wie er da saß, glotzte er mit seinen klugen Augen nach denjenigen, die sich ihn: näherten, oder aber er verlor sich in der Bewunderung seines bis zur Schulter beschmutzten Armes. In seiner unverstandenen Sprache brachte er verschiedene Laute zum Ausdruck, aber nie sah man ihn weinen. Mit der Geduld einer Erwachsenen verharrte er so, bis jemand kam, der ihm etwas zu essen gab. Brachte man ihn zu Bett, so schlief er die ganze Nacht hindurch. Fast war es kaum zu merken, daß ein kleines Kind im Hause war. Als er fünf Jahre alt war, begann die Zeit, wo er von seinen Brüdern und Schwestern viel zu erdulden hatte. Ohne daß er sich etwas zu schulden kommen ließ, wurde er getadelt, ja sogar geschlagen. Keiner im Hause mochte ihn leiden. Alle haßten ihn. Der arme Jsak aber ertrug alles geduldig. Dabei hatte Jsak eine Nase, die inmitten der Stirn begann und bis über die Mundöffnung herabhing. Die Augen waren groß, farblos, tief zwischen den blauroten, von Sommersprossen bedeckten Backen gelegen — ein echtes und rechtes Semitengesicht. Trotzdem trug der Kleine solch' einen Ernst zur Schau, daß man sich fragen mußte, ob es Intelligenz war oder aber einfache Gefühllosigkeit. Gar zu oft retteten ihn seine Sittsamkeit und die Geduld, mit der er alles ertrug. Nicht einmal seine Mutter schenkte ihm große Aufmerksamkeit. Und wie sollte sie es auch, die arme Chajia, die bei reicheren Juden dienen mußten, um ihre Kleinen ernähren zu können. Wenn ein Jude, ob reich oder arm, noch so viele Kinder hat, so Pflegt er immer „Unberufen!" zu sagen und vom Herrn für alle Wohlergehen zu erflehen. Wie mußte es erst Chajia tun, deren Aelteste — Rebekka — jetzt zü einem Schneider in Arbeit ging. War der Verdienst noch so gering, so trug er doch zur Linderung der Not bei. So wachsen die Armen heran und insbesondere die unglücklichen Kinder der Armen. Nicht nur, daß sie nicht genügende Nahrung und Kleidung haben, können die kleinen Märtyrer des Glücks sich nicht einmal eines frohen Blickes, eines vergnügten Zuspruchs ihrer Eltern erfreuen. So wuchs auch Jsak lieblos heran und lernte früh, auf alles zu verzichten. Nie erbat er etwas, denn er gewöhnte sich an den Gedanken, im Hause überflüssig zu sein und kein Recht zu haben, etwas für sich zu beanspruchen. Und doch . . . Jsak ben Jsak verstand zu lieben. Da er aber sich weder in Chajia, seine Mutter, noch in seine Brüder und in seine Schwestern verlieben konnte, verliebte sich Jsak in Susi, die Tochter des größten Kurzwarenhändlers. die als die schönste im Städtchen galt. Welch' sonderbares Zusammentreffen! Der lächerliche, häßliche Jsak und Susi, das zwölfjährige Mädchen, das bereits den Volksschulunterricht beendet hatte — ein herrliches, kleines Mädchen. Susis Augen aber waren so schön, ihr .Blick so gütig und mild, daß Jsak, da er sie zum ersten Mal erblickte, einen Schwur ablegte, diese Augen zu küssen — nicht weil sie schön waren, sondern weil sie so gütig blickten. Noch nie hatte Jsak solch freundliche Augen gesehen. Vielleicht war es nur die Güte, -die diese Augen so schön erscheinen ließ. Tagtäglich Pflegte Jsak vor den Fenstern des schönen Mädchens aus und ab zu gehen, und unsagbar war seine Freude, wenn es ihm glückte, sie zu erblicken. So schön Susi war, ebenso barmherzig war sie. Als sie nun bemerkte, mit welch freudvollen, warmen Blicken der mißgestaltete Bursche zu ihr aufsah und die Demut, mit der — wahrscheinlich als Gipfel des Glückes — er ein Wort, einen