Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
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zustellen. Soviel steht aber fest, daß Schaufäden und Gebetriemen zu jenen äußeren Merkmalen gehörten, die neben dem Studium den pharisäischen Schriftgelehrten des ersten und zweiten Jahrhunderts, den Talmid Chacham, auf der Straße kenntlich machten und von den Alltagsmenschen, von der Masse, von den Amme-baarez auszeichneten. Diese Tatsachen ergeben, daß die Nichtbeobachtung dieser die mifl '22 kennzeichnenden Gebote keineswegs eine überaus schwere Gesetzesverachtung bedeuteten, obwohl sich die Gelehrten je später je mehr geradezu krampfhaft bemühten, sie zu einer solchen zu stempeln?) Drittens, weil die Arnmö-baarez sie nicht hielten, waren sie eben keine Talmide Chachamim, aber darin eine richtige Vorstufe für die paulinische Gesetzesbefreiung zu sehen, hieße aus einer Mücke einen Elefanten machen. — Jedoch stehen vor diesen talmudischen Sätzen noch zwei andere, die Herr Friedländer wohlweislich unter den Scheffel gestellt hat: „Wer ist ein Am-haarez? Jeder, der sein ungeweihtes Getreide nicht in ritueller Reinheit genießt, sagt Rabbi Meir; die Weisen aber sagen: Jeder, der seine Früchte nicht vorschriftsmäßig verzehntet." Und in Wahrheit weiß jeder, der nur oberflächlich die wichtigsten Stellen über den T\"V jemals gelesen hat, daß gerade diese beiden Sätze das Richtige treffen. Der Am-baarez war vor allem derjenige — er mochte vom Lande gewesen sein oder ein Städter —, der in erster Reihe die verschiedenen Zehnt- und Hebegesetze, sodann die mannigfaltigen Satzungen über rituelle Reinheit unbeachtet ließ, oder sie nur zum Teil beobachtete. Gerade, weil die Zerstörung des Tempels durch Titus diese Vorschriften zu vernichten drohte, haben sie die Pharisäer — hierin mit den Sadduzäern vollständig einig und ihre Erbend —, die Hoffnung auf Wiederrichtung des Heiligtums nie aufgebend, mit aller Macht zu erhalten getrachtet. Aus diesem Bemühen heraus erstarkte der Bund der Chaberim, der Genossen, die zwar oft mit den Pharisäern und den Talmide-Ghachamim identifiziert?), doch wieder des öfteren von ihnen unterschieden werden* * 3 4 5 * 7 8 * 2) und selbst in ihrem eigenen Orden zwei Abstufungen kannten: die des CH ab er und des Chasid?). Selbst Priester gab es, die zu den Pf# gehörten, von denen sich die Chamberimpriester scharf absonderten"); ja. es gab Familien, in denen ein Teil dem Chaberim, der andere dem Armne-baarez sich anschloß''). In diesen Bund ausgenommen zu werden, forderte gewisse Gelübde bezüglich der rituellen Reinheit und des Verzehntens, und jeder Am-haarez, der diese Pflichten auf sich nahm, tonnte schlankweg in den Bund der Chaberim Ausnahme sinder?), natürlich, nachdem ihn die anfangs recht scharfe Kontrolle für glaubwürdig befunden hattet. h B. Ber. 14b, 24a, 32b, Pes. 113a und andere mehrere. 2) Siehe 8. Määa 33bk. 3) Tos. Sabb. I 15. 4) Tos. Demai II, lOff., B. Bechor. 30b. 5) B. Chag. 18 b, Chol. 35 a. Aboth II 5. Daß in diesem Ausspruche: Tan. P‘"INn Dtf 8^1, das Wort nicht den „wahrhaft Frommen" bedeutet, wie Friedländer übersetzt, sondern den Ueber- -frommen in bezug aus Zehnt und Reinheit, dafür spricht der Zusammenhang. Auch sonst sprechen sehr diele Stellen für diese Auffassung vom Chasid, z. B. B. Chag. 18 b, Cholin 130 b u. a. Ab. d. R. N. ed. Sch. I 41 b; Tos. Terum. VII 4, 5; Dem. III 1; B. Sanhedr. 90 b; Tos. Hör. II 10; Lev. r. XVIII 1'; B. Gittin 61 b; 7) Tos. Dem. VI 8. 8) Ab. d. R. N. ed. Sch. I 66 b; Tos. Dem. II 2; Jer. Erub. 28 d u. a. °) Tos. Dem. II 3. B. Bech. 30 b, Ab. z. 39 a. Ich frage nun Herrn Friedländer: Würden diese so intoleranten Pharisäer so ohne weiteres einen n"V in den Chaberbund ausgenommen haben, wenn er außer diesen Priestergesetzen — so wollen wir sie züsammenfassend nennen — noch andere nicht gehalten hätte? Wie kommt es. daß an den Stellen, in denen die Aufnahme des Am-baarez in den Chaberbund diskutiert wird, mit keiner Silbe der Verpflichtung Erwähnung geschieht, Tefillin und Zizith anzulegen, dieMesusa anzubringen, mit keinem Sterbenswörtchen auch nur ein einziges Mal der früheren Mißachtung der anderen Gesetze gedacht wird? — Doch Pardon, Herr Friedländer zitiert ja eine sehr gewichtige Stelle zur Bekräftigung seiner Ansicht: „R. Eleazar aus Modem sagte: Wer die Sabbate entweiht und die Festzeiten mißachtet und den Bund unseres Vaters Abraham zerstört, und wer Erklärungen der Schrift veröffentlicht, die nicht der Satzung entsprechen, der hat, selbst wenn er über Kenntnis der'Lehre und gute Handlungen verfügt, keinen Anteil an der kommenden Welt4)". Ich gestehe, daß es mir, da ich dieses Zitat las, meiner selbst Herr zu bleiben, viel Mühe gekostet hat. Ich weiß, daß selbst die unpersönlichsten Gelehrten zu mancher Zwangsauslegung sich hinreißen lassen, wenn es gilt, ihre Meinungen zu stützen. Daß aber Herr Friedländer zu einem literarischen Schelmenstückchen fähig ist, hätte ich nie und nimmer gedacht! Die von Friedländer herangezogene Stelle lautet in den zwei wahrscheinlich ältesten Lesarten folgendermaßen: „Denn das Wort des Herrn hat er verachtet (Rum. 15, 31): das ist der Sadduzäer; und sein Gebot hat er zerstört (ibid.): das ist der Epiknräer. Nach einer andern Version: denn das Wort des Herrn hat er verachtet: das ist der, der Erklärungen der Schrift veröffentlicht (die nicht der Satzung entsprechen), und sein Gebot hat er zerstört: das ist jener, der den Bund des Fleisches zerstört. Daher sagt R. Eleazar aus Modem: Wer das Heilige entweiht, die Feste verachtet und den' Bund unseres Vaters Abraham zerstört, selbst wenn er viele Gebote erfüllt, ist wert, aus der Welt gestoßen zu werden. Wenn er spricht: ich halte die ganze Thora, außer dieser einen Sache, von dem heißt es: denn das Wort des Herrn hat er verachtet; wenn er sagt : die ganze Lehre ist aus dem Munde des Heiligen, dies eine Wort aber verkündete Moses aus Eigenem, von dem heißt es: denn das Wort des Herrn hat er verachtet." ^) — Die zweite Lesart ist folgende: „Diese haben keinen Anteil an der kommenden Welt: Wer da sagt: der Glaube an die Auferstehung der Toten sei nicht biblisch, die Thora sei nicht von Gott, und der Epiknräer. . . diesen fügte man hinzu: Wer das Joch abschüttelt, den Bund zerstört und Erklärungen der Schrift veröffentlicht [bie nicht der Satzung entsprechen), die haben keinen Anteil an der kommenden Welt. Wer das Joch abschüttelt, das ist derjenige, der da sagt: Es gibt eine Thora, aber ich achte sie nicht; wer den Bund zerstört, das ist derjenige, der die Vorhaut über die Beschneidung zieht; wer Erklärungen der Schrift veröffentlicht, das ist derjenige, der da sagt:-die Lehre ist nicht von Gott gegeben."3) Ich frage jetzt: Wo ist der Verständnislose, der nicht einsehen wollte, daß an diesen Stellen von dem Am-baarez überhaupt nicht, sondern nur von dem Min, von dem Epikuräer, von dem Häretiker gesprochen wird, von denselben Gottlosen, die Philo so scharf geißelt, die aber nichts, aber auch gar nichts mit den Amme-baarezs gemein hatten? Da ich aber mir nicht anmaße, Autorität in dieser Frage zu 4) Aboth III 11. 2) Sifre ed. Fr. 33 a. 3) Jer. Sanh. 27 c. Vgl. Jer. Pea 16, 6; Tos. Sanh. XII 9f u. a.