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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-15 · Heft 50 (15.12.1905) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
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597 er die Kanzel betreten und die Lippen geöffnet, sofort fühlte sich der Zuhörer-im Mittelpunkt der Sache, lebhaft für dieselbe erregt, immer einer Ueberraschnng, einer originellen Auffassung des Gegenstandes oder Textes gewärtig. Und wenn auch dasselbe Thema und Schristwort wiederkehrte, die Behandlung war doch immer neu und der Zuhörer hatte die Empfindung, etwas Originelles zu hören. Hierzu trug auch sein natürlicher, lebhafter, von künstlich abgezirkelter Gemessenheit und Pose freier Vortrag sehr viel bei. Redner und Zuhörer blieben in beständigem Kontakt; es war gar nicht, als ob der! Prediger von der Kanzel spräche, Rabbiner und Gemeinde! tauschten vielmehr ihre Gedanken und Empfindungen Wechsel- > seitig aus. Und so war es denn seine Persönlichkeit allein, die der deutschen Predigt bis zu seinem Tode in der Hauptstadt j Ungarns, dem er aufrichtige Sympathie entgegenbrachte, eine! dauernde Stätte sicherte.! Die frische, reine, kräftige Luft'der Hochgebirge weht durch! seine Reden und Schriften, der freie Geist des Schweizervolkes! waltet in dem ganzen Wirken und Schaffen des vieltätigen! Mannes. § Große Ehrungen wurden ihm zuteil; er war als die! bedeutendste Autorität in seinem Gebiet anerkannt; mehr aber! als jede Auszeichnung befriedigte und beglückte ihn die Liebe,; die ihn umgab und der stille Frieden seiner Arbeitsstube, aus! dem er nach kurzein Kampf einging in den ewigen Frieden. j Die letzten Worte, die er in seiner für das Pessachfest, das! ihm ein Hinüberschreiten war, bestimmten Predigt schrieb, z lauteten: „Der ewig einzige Gott ist gerecht." j Die Lntltkhung des Chriltentums und dss Mlsltimnlllchk Landvolk (Am-haarez).1’ Von Dr. I. Z ie gler-Korlsbad. s kann nicht geleugnet werden, daß Moritz Friedländers Jdeen-und Schreibweise etwas außerordentlich Bestrickendes an sich haben; sein Feuergeist ist fähig, begeisternd und hinreißend zu wirken. Wer sich ohne zu prüfen seinem Redeflüsse überläßt, wird schnell ein überzeugter Anhänger seiner Lehren über die Entstehungsgeschichte des Christentums, deren Erforschung er sein ganzes wissenschaftliches Können gewidmet hat. Bei eingehender Prüfung seiner Werke jedoch gewahrt man so manche Riffe und Sprünge, ja sogar an den Grundmauern machen sich hier und da bedenkliche Fugen bemerkbar. An einem Kapitel der jüngsten Friedländerschen Arbeit will ich das Nachweisen; ich will dem Leser seiner Schriften zeigen, wie dieser geniale, aber leider undiziplinierte, in vorgefaßten Meinungen und Tendenzen schwelgende Mann, Behauptungen aufstellt, Theorien zusauunenschweißt. Phantastische Schlüffe zieht, ohne den geringsten triftigeil Beweis für seine Ansichten vorzübringen. Ja, ich muß behaupten, so sehr es mich auch schmerzt, daß sich Friedländer absichtliche Entstellungen zu schulden kommen läßt, nur um seinen Ideen die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Ich will von dem zweiten Kapitel seines Buches sprechen: „Die religiösen Bewegungen im Landvolk') (Am-haarez). Friedländers Hypothese über die Entstehung des Christentums besteht, wie es die Leser nunmehr wissen, darin, daß das 1) S. Mg. Zeit. d. Iudent. Jahrg. «9, Nr. 47, ©.-558fr 2) Der Ausdruck „Landvolk" ist schlecht gewählt. Mau könnte meinen, er beziehe sich ausschließlich auf die ländliche Agrarbevölkerung, während doch mit Amme-haarez alle jene bezeichnet werden, die nicht zu den Talmiüe-Gllacllamim, oder zu den Clhaberim gehörten. Christentum aus dem von dem Geiste des Diasporajudentums vollständig erfüllten Palästinensischen Landvolke hervorgegangen sei. Er sagt: „Man hat bisher bei der Darstellung der Entstehungsgeschichte des Christentums den wichtigsten Faktor, der sich hervorragend an dem Bau der Weltkirche beteiligte und ihren so ungeahnt raschen Aufschwung herbeiführte, fast ganz unbeachtet gelassen, nämlich: das sogenannte Landvolk, in welchem die messianische Idee einen empfänglichen Boden vorfaud, aus dessen Schoße das messianische Reich umso ungestörter hervorsprossen konnte, als es sich von Anbeginn gegen die Aufnahme, der pharisäischen Saat mit aller Macht wehrte. (S. 78)." — Es ist jedermann einleuchtend, daß eine so außerordentlich wichtige, für die Religionsgeschichte der gesamten Kulturwelt so ungemein bedeutsame These, zumal wenn sie mit solcher apodiktischen Uuumstößlichkeit ausgesprochen wird, mit einer buchstäblich erdrückenden Zeugnisfülle versehen sein muß. Hat sie Friedländer gebracht? — Ehe wir seine Auseinandersetzungen daraufhin prüfen, wollen wir nochmals kurz zusammenfassen, was bewiesen werden soll: a) daß zur Zeit Jesu der Am-haarez in dem Sinne gesetzesfeindlich war, daß Paulus darauf seine Loslösung vom Gesetze bauen konnte, b) daß besonders im Landvolke die Sehnsucht nach dem religiösen Messias — wohl zu unterscheiden von der politischen Messiashoffnung — zu jener Zeit tiefe Wurzel gefaßt hatte; e) daß der Haß des Landvolkes gegen die Pharisäer die Losreißung gefördert, die Trennung vorbereitet habe. a) Die Gesetzesfeindlichkeit des Am-llaarez. Friedländer schreibt: „Ganz unzweideutig geht aus den talmudischen Quellen hervor, daß die hervorstechendsten Merkmale eines Am-haarez waren: Die Absonderung von den pharisäischen Schriftgelehrten und die gesetzesfreiere Richtung. Dieser Klasse von Volksgenossen, die in ihrer gesetzesfreien Richtung so weit gingen, daß sie Sabbat- und Festtage gering achteten, die Beschneidung verwarfen, die Schrift nicht der Ueberlieferung gemäß auslegten, wurde der Anteil an dem künftigen Leben abgesprochen, obgleich sie Werke der Menschenliebe übten und sich des Studiums der Thora beflissen (S. 81)." — „Aus allen talmudischen, die Am-haarez betreffenden Diskussionen . . . : . leuchtet die eine Tatsache hervor, daß die Am-llaarez skrupellos über gewisse, von den Pharisäern von Gott selbst angeordnet bezeichnete Satzungen sich hinwegsetzten (S. 82)." — Zur Begründung dieser so schwer wiegenden Sätze bringt Friedländer zwei, sage zwei talmudische Stellen. In der einen lesen wir: „Wer ist ein Am-haarez?" Jeder, der nicht das Schemagebet morgens und abends verrichtet >), sagt Rabbi Eliezer; Rabbi Josua sagt: „Jeder, der keine Tesilliu anlegt"'); Ben Azai sagt: „Wer an seinem Gewände keine Schaufäden Hat"; Rabbi Nathan sagt: „Wer keine Mesusa an seiner Türe hat" (L. Berachoth 47 b, Sota 22 a). — Was beweist dieses Zitat? Erstens, daß die Masse des Volkes dem eingehenden Thorastudium in der Regel nicht oblag, unwissend war, so daß eigentlich in sehr vielen Fällen der Am-llaarez nichts anderes bedeutete als das Gegenteil vonTalmid Chachamch. Zweitens, daß die Gebote über Mesusa, Zizit, Tesillin von den Amme-haarez nicht gehalten wurden. Es würde hier zu weit führen, des Näheren die Entwicklung dieser drei Gebote, die im Talmud so häufig gleichsam als ein einheitliches Gebot behandelt werden1*), dar- ') Vergl. Jer. Sabb. 3a. -) S. and) Tos. Dein. II 17, Ab. z. III 8 Vergl. Mt.. 23. 5f. 3) Num, r. II I 1; Tos. Sanh. VII 7: Jer.'Maas. sch. 55 c: Koh. r. I 2 und V. a. •>) II. Sabb. 231), 32b, 118b, 153a, l’es. 113a, Joraa. 42a, Meg. 8b Men. 43 b.

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