Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- Seite 596 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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596 Tätigkeit nicht abzuwenden. Er bearbeitet das bereits gesammelte Material und auch neue Stoffe bieten sich ihm dar. ,1862 erscheint „Mos es Mendelssohn, Sein Leben und seine Werke, nebst einen AnhaÜg ungedruckter Briefe von und an Moses Mendelssohn", 1864 „Der Dichter Ephraim Kuh, ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur" und 1867 der zweite Teil der „Geschichte der Juden in Spanien und Portugal" (die Juden in Portugal). Um die Kenntnis der jüdischen Geschichte weiteren Kreisen und besonders der Jugend zuzuführen, bearbeitet er die Geschichte Israels von E. Hecht, die seither als „Handbuch der israelitischen Geschichte" in zahlreichen Auslagen und Uebersetzungen Verbreitung gefunden, und sein Predigtamt regt ihn zur Herausgabe der „Bib li o th ek jüdischer Kanzelredner" an, die zum einigenden Organ der jüdischen Homiletik bestimmt war und es sich zur Aufgabe stellte, ihre bedeutungsvolle Vergangenheit wissenschaftlich zu würdigen und ihre besten Erzeugnisse jedermann zugänglich zu machen. Zugleich kämpft er in Wort und Schrift für die Rechte seiner Glaubensgenossen, widerlegt die gegen dieselben erhobenen Anklagen und Verleumdungen und tritt unerschrocken in die Schranken, als unter dem Vorwände, daß Schächten Tierquälerei fei, die Schlachtfrage aufgerollt wird. Seine 1867 erschienene Schrift: „Die rituale Schlachtfrage, oder ist Schächten Tierquälerei? Auf Grund der eingeholten und mit abgedruckten Gutachten . . . beantwortet und beleuchtet", hat der Sache sehr gute Dienste geleistet. Es war ein reicher Ertrag, auf den er zurückblicken konnte, als er nach nahezu neunjähriger Tätigkeit die Schweiz verließ. Es hatte sich manches Freundschaftsband gewoben, das ihn an ausgezeichnete Männer knüpfte und die Gemeinden, die seinen Wert schätzen lernten, waren ihm ans Herz gewachsen. Heiße Tränen rollten ihm übers Antlitz, als er sich von den ragenden Bergen und freundlichen Tälern trennte, um als Nachfolger des berühmten Kanzelredners W. A. Meisel, dem er später ein schönes Denkmal gesetzt, die Stelle des deutschen Predigers bei der Pester Gemeinde anzutreten. Mitten in einer stürmisch bewegten Zeit erschien er als Priester des Friedens in der großen Gemeinde. Als er am 20. Mai 1870 zum erstenmal ihre Kanzel betrat, sprach er über den Text: „Und ich gebe Frieden in das Land." Und auch seine Antrittsrede hatte Frieden zum Gegenstand. Er j war, wenn er sich auch nicht scheute, von der Pflicht gedrängt j in wichtigen Momenten die Wahlstatt zu betreten und es wohl verstand, die Waffen zu führen, stets ein Mann des Friedens und eroberte sich als solcher im fremden Lande rasch die Herzen. Das große Amt nimmt in gesteigertem Maße seine Kräfte in Anspruch, aber die Elastizität seines Geistes und seine staunenswerte Arbeitssreudigkeit besiegt leichterdings die Schwierigkeiten des Anfangs und bald kehrt er zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit wieder zurück. Kurz nach seinem Amtsantritte gründet er in Gemeinschaft mit seinem würdigen Kollegen Dr. Samuel Kohn die „Un garischjü dis che Wochenschrift, Organ für Gemeinde, Schule und Haus". Dieselbe bestand nur ein Jahr und einige Wochen; „täglich sich mehrende Amts- und Berufsgeschäfte" machen es den Redakteuren unmöglich, die Wochenschrift ferner herauszugeben, die mächtig anwachsende Gemeinde stellt immer größere Anforderungen an ihren Rabbiner; trotzdem findet er Zeit, Vorlesungen über jüdische Geschichte zu halten, sämtliche Fachzeitschriften mit Beiträgen zu bereichern, und im Jahre 1879 erscheint bereits sein vielbegehrtes Buch: „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst." Der neuerwachte Judenhaß ruft ihn wieder ans den Kampfplatz: es erscheinen seine Streitschriften: „Die Vlutbeschuldigung von Tisza-E.ßlar", „Der Wucher und das Judentum" und seine ebenfalls apologetischen Zwecken gewidmete, als Manuskript gedruckte Schrift: „Das Moralgesetz des Judentums in Beziehung auf Familie, Staat und Gesellschaft" (1882). Aber auch seine spanischen und Mendelssohn-Studien ruhen nicht;' als Frucht derselben erscheint 1888 die zweite, vermehrte und umgearbeitete Auflage der Mendelssohn-Biographie, 1890 die „Zibiioleea S8paöo1a-portugu62a-j u daica. Diut. bibliographique“, und im Oktober 1892 geht er nach Spanien, dem Lande seiner Sehn-, sucht, um inr Aufträge der Amerikanisch-Jüdisch-Historischen Gesellschaft aus bisher verschlossenen Quellen, den Anteil der Juden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen zu erforschen. Die Madrider Akademie feiert ihr Mitglied in einer Festsitzung und er kehrt mit reicher Ausbeute heim. 1894 erscheint sein „Columbus", 1896 seine „Geschichte der jüdischen Literatur von Moses Mendelssohn bis auf die Gegenwart" und 1898 als Abschluß seiner größeren Schriften die „Biographie LudwigPhilippsons", ein mit denselben Vorzügen des Inhaltes und der Darstellung geschmücktes Buch, die seinem „Mendelssohn" soviele Leser und Verehrer errangen. Die letzten Jahre waren zahlreichen kleinen Arbeiten verschiedenster Richtung und besonders der Jewish Encyclopedia gewidmet, an deren Zustandekommen und gedeihlichem Fortschreiten er wesentlichen Anteil hatte. Jeder Band des großen Werkes enthält wertvolle Artikel aus seiner Feder. Kahserling war der bedeutendste Vertreter der jüdischen Geschichtsschreibung der Gegenwart. Er hatte einen stets offenen Sinn für die großen Erscheinungen der Geschichte unseres Stammes, aber auch das Kleine entging seiner Aufmerksamkeit nicht und war der Betrachtung seines Forscherauges nicht zu gering. Vollkommene Beherrschung des oft schwer zu beschaffenden Stoffes, Objektivität, kritischer Sinn und klare gefällige Darstellung zeichnen seine auch in fremde Sprachen übersetzten Schriften aus. Sein Stil entbehrt nicht des Schwungs; der Leser gewinnt sofort den Eindruck, daß nicht der kalte Verstand allein, sondern das warme Herz des mit einem tiefen Gemüte, begabten edlen Menschen die Feder des Forschers führt; aber der Prediger beeinflußt keineswegs den Schriftsteller, vielmehr steht der Redner unter der Einwirkung des Gelehrten. Er war ein entschiedener Feind jeder Phrase; die Schlichtheit, Natürlichkeit, Frische und Lebhaftigkeit seines Wesens drücken sich auch in seiner Darstellungsweise ans; auch seine Predigten waren ebenso frei von Trockenheit wie von Bombast und wirkten durch ihre Unmittelbarkeit, Einfachheit, die Kürze und Prägnanz des Ausdruckes, vor allem aber durch die Persönlichkeit des Predigers, die seinem Worte Gewicht verlieh und die Zuhörer stets in ihren Bannkreis zog. Nach späten Jahren kehrte oft ein von ihm stammender kräftiger Ausspruch aus schlichtem Munde zu seinen Ohren zurück. Er kümmerte sich, besonders in den letzten Jahren seiner Tätigkeit, nicht viel um die Regeln der Homiletik. Seine Natur ließ sich von keiner Fessel beengen, er schuf sich selbst seine Gesetze. Die Tiefe seines Gemütes, seine heitere, glückliche Lebensauffassung, die Geradheit seines Wesens, seine warme Menschenliebe, sein demokratischer Sinn, sein Durst nach Gerechtigkeit und Freiheit, traten in allen seinen Reden zutage; die Innigkeit und Begeisterung, die dieselben durchdrang, die Geistesblitze, die in ihnen aufleuchteten, der milde Humor, der häufig aus ihnen hervorlächelte, die jeder Effekthascherei abholde Urwüchsigkeit, die sich besonders bei seiner Behandlung der Tagesereignisse kundgäb, übten immer ihren Zauber auf sein Auditorium aus. Schablone und steife Form waren ihm zuwider — er nannte sie spanische Stiefel — und kaum hatte