Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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595 M. lkaylrrling. Vom Oberrabbiner Dr. E. Neu mann in Groß-Kanisza. m 24. April d. I. wurde ein Sarg durch die weiten Hallen des großen, in düstere Trauer gehüllten Gotteshauses einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinschaften getragen. DieAeltesten der Gemeinde trugen die Bahre, die nach Tausenden zählende Menge winkte unter Tränen Abschiedsgrüße, und wer den Sarg erreichen konnte, bedeckte denselben mit Küssen. Er barg die Staubhülle des Mannes, dem vor sünsunddreißig Jahren, als er zum erstenmal die geweihte Stätte betrat, die Herzen zujubelten, von dem nun seine treue Gemeinde in tiefer Wehmut Abschied nahm. Fast übertönte ihr Schluchzen die rauschenden Klänge der klagenden Orgel. Denn es war ein starkes Band, das sie an den geliebten Seelsorger knüpfte, und der Wandel der Zeiten, der vieles änderte, hatte nicht vermocht, es zu lockern. Und was Mayer Kayserling der Pester Gemeinde gewesen, trat nun in der überwältigenden Trauer zutage, in der sich der Schmerz über seinen Hintritt kundgab. Man war sich dessen bewußt, daß die Bedeutung des plötzlich Abberufenen bei weitem nicht in seiner Tätigkeit als Lehrer und Berater seiner Gemeinde sich erschöpfte, sondern die heiligsten Interessen unseres Stammes umspannte, daß er die Zierde unserer Wissenschaft gewesen, daß der Ruhm seines Namens weit hinansreichte über die Grenzen des Landes, das ihm zur zweiten Heimat geworden. Und so war es denn ein Gefühl des Stolzes, das sich an dem großen Trauertage der Gemeinde in die schmerzliche Empfindung ihres schweren Verlustes mischte, des Stolzes darüber, daß der Mann, der ihr Lehrer gewesen, der ihre Kanzel schmückte, dessen flammendes Wort sie so oft erhoben und begeistert, hingerissen und bezaubert hat, als Meister geschätzt wurde in ganz Israel, dem all' die vielen Tausende huldigten, die bewußt oder unbewußt es anerkennen, daß die Wissenschaft des Judentums die Ehre und der Ruhm unserer Glaubensgenoffenschaft ist. M. Kayserling wurde am 17. Juni 1829 als das erste Kind seiner in bescheidenen Verhältnissen lebenden Eltern: Abraham und Ester (Emma) Kayserling in Hannover geboren. Sein Vater war ein schlichter Kaufmann, seine Mutter, die fromme Lebensgefährtin des biederen ehrenhaften Gatten, eine Frau mit aufgeschlossenem Sinn und edlem Herzen, die in ihren Mußestunden mit Vorliebe die Klassiker las, und den Bildungsgang ihrer Söhne — Mayer und Simon — stets mit warmem Interesse verfolgte. Kayserling gedachte ihrer noch in späten Jahren in inniger Rührung und kindlicher Pietät. Er wurde im Hause seiner Tante Seelig erzogen, deren Geschäftsbücher er führte. Mit Stolz zeigte die wackere Frau die zierlichen Schristzüge ihres Neffen, der noch im Greisenalter eine selten schöne Hand schrieb. Früh entwickelt sich in dem geweckten, temperamentvollen Jüngling das Interesse für die Lebensgeschichte historischer Männer und deuten sich in seiner Seele die Bahnen seiner späteren wissenschaftlichen Tätigkeit an. Er obliegt in Halberstadt, Nikolsburg, Würzburg und Berlin bei hervorragenden Lehrern talmudischen, philosophischen, philologischen und besonders historischen Studien, und sein empfänglicher Sinn öffnet sich willig den Einwirkungen der Männer, die ihn an sich heranzogen. Ranke übte tiefen Einfluß auf ihn. Aber allen gegenüber bewahrte er seine Sebständigkeit. Ein freier Zug ging durch fein ganzes Wesen. Auch in den engen Verhältnissen seiner Studienzeit fühlte er sich unabhängig und war stets zu finden, wenn es galt, anderen helfend unter die Arme zu greisen. Er. erwarb sich durch Unterricht seinen Lebensunterhalt und verstand es, seine Schüler dauernd an sich zu fesseln. In Berlin, wo er auch seine nachmalige Gattin Berta Philippson, die hochgesinnte Tochter des damals im Zenith seines Ruhmes stehenden Ludwig Philippfon, kennen lernte, begann er seine literarische Tätigkeit und sammelte mit staunenswertem Fleiße reiches Material zu späteren Arbeiten. Die edle Gestalt Moses Mendelssohns bannte seinen Blick und beschäftigte in Gemeinschaft mit der Geschichte und Literatur der spanischen Juden seinen Forschersinn. Sie bleiben auch zeitlebens die Lieblingsgegenstände seiner wissenschaftlichen Arbeit, deren Gebiet sich allerdings schon in Berlin erweitert und auch anderen Zielen zustrebt. Auf „Moses Mendelssohns philosophische und religiöse Grundsätze, mit Hinblick auf Lessing dargestellt, nebst einem Anhang, einige bis jetzt ungedruckte Briefe Moses Mendelsohns enthaltend", 1856, folgten „Sep.hardim", Romanische Poesien der Juden in Spanien. Ein Beitrag zur Literatur und Geschichte der spanisch-portugiesischen Juden, 1859; „Ein Feiertag in Madrid, zur Geschichte der spanischportugiesischen Juden", 1859; „Menasse ben Israel", sein Leben und Wirken, zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Juden in England. Aus denQuellen dargestellt", 1861 und der erste Teil der „Geschichte der Juden in Spanien und Portugal: die Juden in Navarra, den Baskenländern und auf den Balearen", 1861. Außerdem erscheinen zahlreiche größere und kleinere Abhandlungen verschiedenen Inhaltes in dem von seinem ehemaligen Lehrer S. R. Hirsch herausgegebenen Jeschurun, in der von Zacharias Frankel redigierten Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, im Deutschen Museum von Robert Prutz, im Israelitischen Volksblatt und in der Allgemeinen Zeitung des Judentums von Ludwig Philippson, sowie im Jahrbuch für Israeliten von I. Wertheimer. In Berlin, wo er zu den eifrigsten Zuhörern Michael Sachs' gehört, betrat er auch zum erstenmal die Kanzel, und die in seinem Nachlaß befindlichen, im Jahre 1859 und 1860, an den hohen Festen in Interims-Synagogen gehaltenen Predigten lassen bereits den späteren Meister des Wortes ahnen. Es lag jedoch vorläufig nicht in seiner Absicht, seine Rednergabe durch Annehmen eines rabbinischen Lehramts praktisch zu verwerten, und hätte Philippson die Hand seiner Tochter nicht an die Bedingung einer gesicherten Lebensstellung geknüpft, er wäre noch weiter in Berlin verblieben, um seine schriftstellerische Tätigkeit unbeschränkt sortzusetzen. Von der Regierung des Kantons Aargau zum Rabbiner der schweizerischen Israeliten berufen, verläßt er im Jahre 1861 Berlin und tritt nun im Dezember desselben Jahres in einen neuen Arbeitskreis, wo neue Aufgaben und Ziele und zugleich die ersten und einzigen Kämpfe des Lebens seiner harren. Am 5. Dezember spricht er zum erstenmale zu seiner Gemeinde in Endingen, am 14. desselben Monates in Lengnau. Er predigte über den Text: „Er sah die Ruhe, daß sie gut sei und das Land, daß es lieblich sei und neigte seine Schulter zu tragen und ergab sich der Frohne des Arbeiters." Das Schriftwort spiegelte getreu seine Stimmung und zugleich den frohen Mut, mit dem er an die Pflichten und Arbeiten des Amtes herantrat. Bald fühlt er sich in den stillen Dörfern des Aargau heimisch; allerdings wird es recht lebhaft in ihnen. Es gilt, für die Emanzipation, so manchen Strauß auszusechten und auch in den Gemeinde selbst stoßen die Kulturbestrebungen' des von dem edelsten Eifer beseelten Mannes auf einigen Widerstand. Aber der Erfolg steht ihm zur Seite, und die mannigfaltigen Berufsarbeiten vermögen ihn der literarischen