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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-15 · Heft 50 (15.12.1905) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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Aepfeln und Nüssen überreicht. Ganz zuletzt spricht eines der Kinder eine vorher eingepaukte Danksagung in Poetischer oder prosaischer Form, dann ist die Feier, die vorher durch die Zeitungen urbi et orbi kundgetan war, beendet, und in denselben liest man bald darauf einen recht detaillierten Bericht und nimmt Gelegenheit, allen edlen Wohltätern den tiefgefühltesten Dank auszusprechen. Das Wort „Einbescherung" steht bekanntlich irr engster Beziehung zu den Sonnenfesten der alten Römer, zum Julseste der nordischen Volksstämme und zu dem christlichen Weihnachtsfeste. Die Familienfeier des letzteren hat von den alten Römern die Strena, d. h. den Brauch gegenseitiger Beschenkung, vom Julseste der nordischen Volksstämme die Ausschmückung und Beleuchtung des Tannenbaumes, des eigentlichen Weihnachts¬ oder Christbaumes übernommen. Da nrm unser Chanukahfest kalendarisch um die Zeit der christlichen Weihnacht oder mit derselben zrrsammenfällt, so ist der Name „Einbescherung" seltsamerweise auch auf eine Form der jüdischen Wohltätigkeitsübung übergegangen. Dagegen ließe sich kaum etwas einwenden, und keineswegs soll sie als Chukat. hagoj, als eine Nachahmung fremder, dem Judentum nicht eigner Gebräuche bezeichnet werden. Nun aber drängt sich von selbst die Frage auf: Entspricht die Art der „Einbescherung" dem jüdischen Empfinden? Liegt darin nicht eine vollständige Verkennung des Wohltätigkeitsbegriffs, wie ihn unsere Altvordern verstanden, wie ihn unser unvergeßlicher Moritz Lazarus in seiner ausgezeichneten Ethik des Judentums so Präzis und klar, mit so wohltuender Wärme und Innigkeit definiert hat? Es würde den Raum dieses Artikels weit übersteigen, sollte hier durch Zitate aus der Lazarusschen Ethik klipp und klar bewiesen werden, daß Wohltätigkeitsakte am Chanukahfefte nach Art der „Einbescherung" dem jüdischen Empfinden, das die Beschämung des Unterstützten durch zur Schau gestellte Verteilung von Liebesgaben nicht will, nicht duldet, vollständig fernliege. Wer nach diesen Ausführungen an der Einbescherung noch Gefallen findet, der betätige sie weiter; wer aber durch dieselben fühlt und empfindet, daß der Verfasser dieses Artikels doch gar nicht so unrecht hat, dem fei Nach stehendes zur Beherzigung anheimgegeben: Die Ehanukahfestlichkeiten sollen nach wie vor für die jüdische Jugend so gefeiert werden, daß der soziale Unterschied gänzlich verschwindet. Dabei kann sehr wohl der Armen gedacht werden. Aber man sende ihnen die Liebesgaben ins Haus, vermeide jedes Aufsehen und verzichte auf jeden Dank der Beschenkten. Die Zähre der Rührung im Auge des Erfreuten und das Bewußtsein, ein gutes und frommes Werk getan zu haben, sei einzig und allein dem Spender der Lohn für Uebung der Zdokoh im Sinne des uns heiligen und des uns überlieferten Schrifttums. Drutlche Lunlt. Glossen zum Ariergrößenwahn. Von A. Halbert, Breslau. I. ie dramatische Produktion soll gehoben werden. Das ist löblich und kann der modernen Kunst nur nützen. Und löblich ist es, wenn der niederösterreichische Landtag sich mit diesem Problem befaßt. Er hat letzthin ein dramatisches Preisausschreiben erlassen „zurWiedererweckung einer heimischen. wirklich künstlerischen, bedeutenden dramatischen Produktion", und einen jährlich zu verleihenden Preis von 2000 Kronen gestiftet. Aber die Bedingungen! „Dieser Preis", verkündet die „Kultur", „kann nur solchen Schriftstellern verliehen werden, welche deutscher Nationalität, in Niederösterreich durch längere Zeit ansässig und durch arische Abkunft und gründliche Kenntnis des Landes und. des Volkes befähigt, sind, unverfälschte, heimische Volkskunst zu schaffen." Also: Nicht mehr „Heimatskunst" (das klang wenigstens hübsch), sondern „heimische Kunst", wie heimisches Brot. . . der Heimatschein genügt. Und . dann: Arische Abkunft — darauf kommts an. Man denke das Idyll: jeder Dichter schickt mit dem Manuskript seines Dramas zugleich seinen Geburtsschein mit, und die Kritiker oder Beiräte, welche die Arbeit zu prüfen haben, greifen zuerst nach diesem Papier mit Amtssiegel, um die „arische Herkunft" festzustellen. Die „gründliche Kenntnis des Landes und des Volkes" wird erst hinterher beim Lesen des Poems festgelegt. Und Dr. Josef Popp, Redakteur der „Warte", meint dazu: „Wir erachten es als einen literarischen Vorteil, daß Juden ausgeschlossen sind — nicht, weil wir etwa Antisemiten wären, sondern weil diesen für die genannte Aufgaben die Grundlagen fehlen . . ." Ob nicht Herrn Popp die Grundlagen aller Menschenkenntnis und aller Kunstpshchologie fehlen, wenn er einfach Juden kennt und keine vielgestaltigen Menschen? ... II. In der „Deutschen Welt" schlägt Adolf Bartels die Gründung einer Deutschen Akademie vor, die aus vierzig Dichtern und zehn sonstigen Schriftstellern ersten Ranges bestehen und vom Deutschen Reichstag ein Gesamtgehalt von 200 000 Mark beziehen soll. Diese Summe wäre an ihre bedürftigen Mitglieder zu verteilen. Die Aufgaben, die diesem Kollegium zuzuweisen wären, beständen: 1. in der Begutachtung von Literaturwerken — die deutsche Akademie würde das höchste deutsche literarische Sachverständigenkollegium, als solches von Kaiser und Reich anerkannt; 2. in der Entscheidung sprachlicher Fragen; 3. in der Tätigkeit als höchster Ehrenrat bei literarischen Konflikten. Je nun, gewiß könnte die deutsche Literatur Künstler gebrauchen, die nicht im Daseinskampf ihre besten Kräfte verausgaben, die nicht Taglöhner einer Zeitung und Fronarbeiter eines Kritikerpostens werden müssen, sondern in Ruhe und materieller Sorgenlosigkeit ihre Kräfte sammeln und ihrem Schaffen widmen. Aber der Plan Bartels^ ist nicht nur unbeholfen und dilettantisch in seiner Art — auch die Persönlichkeit Bartels^ würde hindernd im Wege stehen ... Nehmen wir an: Paul Hehse und Hoffmannsthal und Schnitzler und Wassermann und wie sie alle heißen, kämen in die deutsche Akademie, Herr Professor von Gnaden des Großherzogs von Sachsen-Weimar! Was sollte da werden? „Vierzig Dichter und zehn sonstige Schriftsteller ersten Ranges" wären notwendig — ja, wer soll den „ersten Rang" feststellen? Aus Ihrer Literaturgeschichte . . . wo nicht bemerkt steht: „von jüdischem Geblüt" — nicht wahr? Das ließe sich hören.

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