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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-15 · Heft 50 (15.12.1905) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 593 (sequence 5)
Language
German
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593 Polizei- und Militärbehörden wiederholt. Es gebe keinen Sophismus, durch welchen sich die Ungleichheit der Staatsbürger nach Nationalität oder Konfession rechtfertigen ließe. Roditscheff protestiert gegen die in offiziösen Kreisen verbreitete Ansicht, es sei für die Iudenemanzipation noch nicht derrichtige Zeitpunkt, oder es würden durch Aufrollung der Judenfrage die Leidenschaften der Parteien entfacht werden. „Wenn Ihr bei den Exzessen zugegen gewesen wäret", ruft der Redner, „so hätte Euch die einfache Menschlichkeit dazu gedrängt, mit der eigenen Brust, die unglücklichen wehrlosen Opfer der Bestialität zu verteidigen." Es ist eine Gewrssenspflicht für den Kongreß, seine gewichtige Stimme gegen die Unnienschlichkeiten zu erheben, nachdem die Regierung aus Konnivenz gegen die vertierten Hooligans mit voller Autorität einzuschreiten sich scheut. Es sagen nun Manche, die Frage sei im Prinzip ja bereits durch das Manifest vom 30. Oktober gelöst. Aber noch manche andere politische Fragen, wie z. B. die Agrarfrage, sind prinzipiell gelöst und doch müssen wir noch aus ihre praktische Durchführung drängen. Dabei haben vor unseren Augen Judenexzesse in zehnfach größerem Umfange stattgefunden als Bauerunnruhen. „Ueber die Iudenemanzipation gegenwärtig schweigen, wäre eine Feigheit. Wenn wir uns selbst treu bleiben, wenn wir mit Entrüstung und Schamgefühl die Mitschuld au den Massenmorden von uns abwälzen wollen, müssen nur einstimmig die Resolution annehmen. Wir werden damit den Namen der russischen Nation von der Schmach und Schande befreien, mit der er bedeckt wurde, und künftige Geschlechter werden nicht mit Verachtung aus uns zurückschauen müssen. Es soll der Welt kundgegeben werden, daß das russische Volk keine Schuld trägt an den barbarischen Untaten, die die Regierungsbehörden angestiftet haben." Diese Ausführungen wurden mit lautem Beifall ausgenommen und folgende Resolution fand einstimmige Annahme : „Die nach dem 30. Oktober stattgesundenen Unruhen haben grauenvolle Leideil über die jüdische Bevölkerung gebracht. Zn Hunderten und Tausenden sind die Opfer in 60 von Inden bewohnten Städten und Ortschaften. Der Umfang der Mordtaten, Räubereien und Verwüstungen ist nur durch die Begünstigungen und sogar aktive Teilnahme der Behörden zu erklären, sowie durch die bei den staatlichen Organen durch die langjährige rechtlose Stellung der Juden großgezüchtete Anschauung, wonach alle Gewalttaten gegen Leben und Vermögen dieser Volksklasse straflos waren. Um diese verhängnisvolle Vorstellung einfür allemal mit der Wurzel auszurotten. müssen Maßregeln sofort ergriffen werden, und der Kongreß der Laildes- und Städtevertreter wiederholt zu diesem Zwecke seine prinzipielle Forderung nach Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Die Anwendung dieses Prinzips speziell zur Aufhebung aller Ausnahmsgesetze gegen die Juden ist mit Rücksicht ans die blutigen Massakres eine dringende Aufgabe, deren unverzügliche Erfüllung unerläßlich erscheint. Es muß sofort von der Negierung proklamiert werden, daß der Jude in seiner Persönlichkeit und in seinem Eigen- - tum, in seinem Menschen- und Bürgerrecht jedem anderen Bewohner Rußlands gleichgestellt ist und alle gegenteiligen Gesetze, Erlässe und Zirkulare aufgehoben sind." ^?> Die Schwierigkeiten, die das rüstig fortschreitende Hilsswerk für die russischen Juden im gegenwärtigen Augenblick findet, werden durch einen Beschluß des Pariser Hilfskomitees der Alliance Israelite Universelle drastisch illustriert. Dieser Beschluß^vom 3. Dezember lautet: „Trotz größter Bereitwilligkeit, das vom Russo-Jewish-Comite zu London empfohlene Prinzip der einheitlichen Aktion möglichst zu wahren, sendet das Hilfskomitee der Alliance in Anbetracht der dringenden Notlage und des Stillstandes des Telegraphen im Lande dem Bezirkskomitee in Odessa l.auf direktem Wege hunderttausend Rubel mit der Bedingung, diese Summe ausschließlich für unmittelbar notwendige Unterstützungen zu verwenden." „Sobald der Telegraph wieder arbeitet, ist dem Zentralkomitee in Petersburg von dieser Sendung Kenntnis zu geben. Das Komitee in Odessa hat seinerseits eine Liste der von ihm unterstützten Ortschaften mit Angabe der jeder einzelnen überwiesenen Beträge dem Petersburger Komitee zu übermitteln." 4r Zur Feier der 250. Wiederkehr des Tages, an dem zum ersten Male Juden nach Amerika kamen, wird, wie wir schon berichtet, augenblicklich in verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten eine Gedenkfeier abgehalten. Diese Feierlichkeiten veranlagten viele berühmte Männer zu begeisterten Lobeserhebungen der Juden als amerikanische Staatsbürger. Man mißt ihnen allgemein einen großen Teil an dem Aufblühen und an der Entwicklung des Landes bei. Der Präsident Noo sevelt hat gleichfalls einen Brief an die amerikanischen Juden geschrieben, in dem er sich bei Erwähnung ihres Wertes als Bürger folgendermaßen ausläßt: „Angesichts der entsetzlichen und furchtbaren Leiden, denen so viele Juden in anderen Ländern ausgesetzt sind, fühle ich mich als Oberhaupt des amerikanischen Volkes verpflichtet, Ihnen nicht nur meine tiefe Sympathie entgegenznbringen, sondern zugleich und mit aller Entschiedenheit auszusprechen, welcher hervorragende Grad von Bürgertreue durch die Männer jüdischen Glaubens und jüdischer Rasse entfaltet nmrde, die in unser Land kamen, um die Wohltat der freiheitlichen Einrichtungen und der Gleichberechtigung zu genießen. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß, wenn irgend ein Volk irgendwo unterdrückt wird, das Unrecht unvermeidlich am letzten Ende auf die Unterdrücker zurückfällt, denn es ist ein unwandelbares Gesetz in der Geisteswelt, daß Keiner Anderen Unrecht tun kann, ohne schließlich selbst dafür gestraft zu werden." Linbrlcherung. Bon Lehrer A. Brann in Beuthen (O.-S.). Seit etwa mehr als zwei Jahrzehnten hat unser Chanukahfest in jüdischen Kreisen an Bedeutung und Ansehen gewonnen, teils durch die. Art der gottesdienstlichen Veranstaltungen bei dessen Beginn und am Sabbath Chanukah, teils durch spezifische Festfeiern in jüdischen Vereinen und Wohltätigkeitsanstalten, besonders aber durch schöne, sinnige, auf das empfängliche Kitidergemüt berechnete Feierlichkeiten. Fürwahr, eine würdige Betätigung der Idee, daß die welthistorischen Ereignisse, von denen die Makkabäerbücher des apokryphischen, biblischen Schrifttums erzählen, ganz besonders geeignet sind, unerschütterliche Glaubenstreue zu wecken, den Charakter zu stählen, das erhebende Bewußtsein 51t stärken, daß keine Macht der Welt es bisher vermocht hat, das Judentum in seine Grundfesten zu erschüttern. Und hauptsächlich aus den hier hervorgehobenen Motiven wäre es zu wünschen, daß Chanukahfeierlichkeiten mit der ausgesprochenen Tendenz der Glaubensbesestigung von Jahr zu Jahr die ihnen gebührende Ausgestaltung nehmen möchten. In engster Beziehung zu diesen Chanukah feiern stehen die „Einbescherungen" armer jüdischer Kinder. Lassen wir zunächst die etymologische und historische Bedeutung des Wortes „Einbescherung" außer Betracht und stellen uns auf den Boden des Tatsächlichen. Vor einer Gesellschaft geladener Gäste wird an die zu beschenkenden Kinder eine Ansprache gehalten, deren Inhalt das Chanukahfest gar nicht oder meist nur ganz lose berührt. Nach einigen ganz allgemeinen Phrasen von Wohltätigkeit und edler Menschenliebe, die zur harten Winterszeit der Armen gedenkt, werden die Kinder einzeln hervorgerufen und ihnen von einem Vorstandsmitgliede Kleidungs- und Wäschestücke und die allbekannten Näschereien, bestehend in Lebzelten, Baben,

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