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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-15 · Heft 50 (15.12.1905) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
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592 WWW ausliefern darf. Richten wir einen warmen Appell an alle Instanzen, denen die Wahrung unserer, heiligsten Güter obliegt, jener jungen Seelen zu gedenken, deren Heil in ihre Hand gegeben ist. Vor allem wird und muß hier der „Verband der deutschen Juden" auf dem Platze sein müssen, um zu retten was für Gewissensfreiheit, Recht und 'Billigkeit noch zu retten ist. Der Verband der deutschen Juden hat bereits eine dahingehende Denkschrift an das Abgeordnetenhaus gerichtet, und wir können die erfreuliche Nachricht hinzufügen, daß bei der gestrigen ersten Lesung des Gesetzentwurfs die Abgeordneten Funcke (Freis. Vp.) und Schiffer (natlib.) die Berechtigung unserer Einwendungen in entschiedener Weise ausgesprochen haben. Der erstere erklärte sogar, daß der Entwurf mit der gesetzlichen Gleichberechtigung der Juden überhaupt nicht vereinbar sei! Die Woche. Berlin, 12. Dezember, in schweres Unglück, nicht nur für das Land, dem er den besten Teil seiner Lebensarbeit gewidmet, sondern für das Gesamtjudentum ist an und für sich, besonders aber in diesem verhängnsvollen Augenblick, der Tod des Großrabbiners von Frankreich, Zadoc Kahn, der am. 8. d. im 66. Lebensjahre uns Allen entrissen wurde. Noch schmerzt die Kunde zu tief, um schon auseinandersetzen zu können, was Zadoc Kahn uns gewesen und was das Judentum an ihm verloren, was er in den fünfzehn Jahren, da er als Großrabbiner von Frankreich seines hohen und verantwortungsvollen Amtes gewaltet, in den schwierigsten Situationen, in den bedrängtesten Verhältnissen durch die Reinheit seines Charakters, durch die Güte seines Wesens, durch die Macht seines Wortes geleistet und geschaffen hat. Und nun ist er gerade in dem entscheidenden Augenblick, wo die Trennung des Staates von. der Kirche zum Gesetz erhoben und eine verhängnisvolle Wendung in dem Schicksal der französischen Judenheit eingetreten ist, mitten aus seinem unermüdlichen Wirken abberufen worden. Zadoc Kahn war eine der populärsten und angesehensten Erscheinungen unter den religiösen Führern des modernen Judentums; es war überhaupt kein Name mehr, sondern ein Begriff, der Inbegriff aller Güte und Liebenswürdigkeit, aller Humanität und Wohltätigkeit, alles Edelmuts und aller Charakterreinheit. Er hat das Judentum in Frankreich zu sehr hohen Ehren gebracht. In trüber Zeit, in der Periode des Antisemitismus und der Dreysnß-Affäre, stand er wie ein treuer Wächter auf seinem Posten, und die Geschichte wird davon Zeugnis abtegen, wie er dieses Amtes gewaltet hat. Für die Juden Frankreichs beginnt nun eine neue und große Epoche; sie werden nur sehr schwer einen Ersatz finden für den großen Verlust, der sie am Eingang zu dieser Epoche betroffen; aber sie werden auch in dieser neuen Zeitperiode nur dann das französische Judentum auf der Hohe seiner großen Mission erhalten, wenn sie das Vermächtnis Zadoc Kahns treu bewahren und in seinen! Geiste fortführen. Das Andenken des edlen und großherzigen Mannes aber wird fortleben in den Annalen der jüdischen Geschichte: eine ernste Mahnung an die Gegenwart, ein herrliches Vorbild für alle Zukunft! «$ Die Parlamente sind wieder in voller Tätigkeit, und wir ' dürfen uns auf mancherlei Auseinandersetzungen gefaßt machen, die im Reichstag besser, im Abgeordnetenhause weniger glimpflich ablaufen dürften. Es. gilt dies spieziell von dem Volksschül-Unterhaltungsgesetz, über dos wir an leitender Stelle ausführlicher berichten. Aber auch der neue Justizminister dürste bald Gelegenheit erhalten, sich über die einschlägigen Verhältnisse anszusprechen. Bekanntlich ging vor einiger Zeit ein Festlied durch die Blätter, das der „Verein christlicher Referendare" in Breslau bei einer Feier gesungen hat und das die jüdischen Richter („die koschere Justiz") in der schlimmsten Weise verhöhnt. Gegen dieses durch und durch antisemitische Festlied, das die Feier des Vereins der christlichen Referendare „zierte", haben nun die jüdischen Richter. Rechtsanwälte und Referendare in Breslau eine Beschwerde an den Breslauer Oberlandesgerichtspräsidenten gerichtet. Der Oberlandesgerichtspräsident hat die Beschwerde an den Justizminister Dr. Beseler abgegeben. Der Minister hatte aber bereits vor Eingang jener Beschwerde von Amts wegen Bericht in jener Sache erfordert. Inzwischen Hetzen konservative und antisemitische Blätter, besonders die Kreuzzeitnng, gegen das Hilsswerk für die russischen Juden mit einer Beharrlichkeit weiter, als ob es gar keine andere Frage im ganzen deutschen Reiche gäbe, die der Behandlung wert wäre. Und selbst ein sonst vorurteilsfreier Mann wie Herr v. Kardo rff hat es für gut befunden, im Reichstag die Geister heraus zu beschwören, die, wenn man sie einmal gerufen, nur schwer zu bannen sind. Er sagte dort u. a.: „Wenn Herr Bebel schon in Aussicht gestellt hat, daß es auch bei ans zu ähnlichen Zuständen wie in Rußland kommen könnte — ja, wer kann's wissen. Das hängt von der Entschlossen heit der Regierung ab und der Unterstützung, welche sie in der Nation findet. Das eine ist gewiß, das; in einigen Teilen in den Ostprovinzen allerdings eine solche Bewegung denselben Charakter annehmen könnte, den sie in Rußland leider angenommen hat, nämlich den von Juden-, Verfolgungen. Denken Sie an Könitz. Wir wollen hoffen, daß es der Kraft und Energie der Regierung gelingt, eine solche Entwicklung bei uns von vornherein zu unterdrücken, unter Zurückdrängung derjenigen Elemente, welche es dahin zu treiben suchen." Wenn es nicht eben Herr v. Kardorff gewesen wäre, der diese Aeußerung getan, so hätte man leicht an eine böse Absicht denken können. Wieder russische Semstwo-Kongreß über die Judenfrage denkt, war schon aus der kurzen Resolution zu ersehen, die wir in der vorigen Nummer mitgeteilt haben. Wie ein Licht-. Punkt in den Wirrnissen der revolutionären Bewegung erscheint der humane Geist, der die überwiegende Majorität der Semstwo- Kongresse beherrscht und der in der letzten Versammlung zu einer entscheidenden Kundgebung zugunsten einer sofortigen bürgerlichen Gleichstellung der Juden in Rußland geführt hat. Mau hatte erwartet, daß die eingebrachte Resolution, betreffend die Gleichstellung der Juden, ohne Debatte angenommen werden würde. Eine Reihe von Rednern hielt es jedoch gerade im Hinblick auf die stattgefundenen entsetzlichen Judenabschlachtungen für unerläßlich, auf die Dringlichkeit und praktische Unerläßlichkeit der Judenemanzipation hinzuweisen. Als erster Redner sprach Korvalewski und erzählte, daß er vor drei Jahren, zur Zeit der Kischinewer Exzesse, in Paris geweilt hat und dort von der Liga der Freunde Rußlands ersucht wurde, an einem Protestmeeting teilzunehmen. Er wollte damals die Meldungen nicht glauben, wonach die Morde und Plünderungen in Kischinew unter Mitwirkung und Patronanz der Polizei stattgefunden haben. Er sagte den Franzosen, er kenne zwar den Minister Plehwe nicht, aber es sei ja ganz unsinnig, daß irgend eine noch so skrupellose Staatsverwaltung sich des Kannibalismus schuldig machen würde, gegen die eigenen Untertanen Mord und Todschlag zu veranstalten. Nachträglich hat sich das Unglaubliche als wahr erwiesen und jüngst wieder trotz des Manifestes in dem verbrecherischen Vorgehen der

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