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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 -%V.; i Ausführungen die Notwendigkeit des Eintritts der. deutschen Juden in den Kampf um ihre Rechte, legte die Aufgaben und die Bedeutung des Verbandes der deutschen Juden dar und schilderte den schönen, vielversprechenden Verlauf seiner ersten öffentlichen.- imposanten Kundgebung. Der formvollendete, inhaltlich anziehende und begeisternde Vortrag fand einmütigen und lebhaften Beifall und weckte hervorragendes Interesse für die Bestrebungen des Verbandes. Es Ware sehr zu wünschen, daß auch anderwärts seitens geeigneter Redner über diesen Gegenstand vor möglichst großen Kreisen der Oeffentlichkeit berichtet würde, damit auf diese Weise dem Verband und seinem Ausschüsse nicht nur das Interesse, sondern auch die dauernde Mitarbeit der deutschen Juden erhalten bleibe. i. Frankfurt a. M., 2. Dezember. Der Freisinnige Verein ür jüdisches Gemeindeleben hielt gestern im Taunus eine sehr gut besuchte Versammlung ab, in der Direktor Dr..S. Adler übenden jüdischen Religionsunterricht in den Frankfurter höheren Schulen sprach. Der Redner gab zunächst eine Darlegung des rechtlichen Charakters des christlichen Religionsunterrichtes im Gegensatz zum jüdischen. Für die Schulen in Deutschland sei letzterer keine lehrplanmäßige Einrichtung, er stehe also nicht einmal dem Zeichen- und Gesangsunterricht gleich. Diese Entwertung der jüdischen Religion führe zu dem traurigen Jndifferentismus, ja sogar zum Abfall vom Glauben. Wie soll nun der israelitische Religionsunterricht erteilt werden? Ueber äußere Form, Lehrstoff und Verteilung desselben herrsche Uebereinstimmung in den beteiligten Kreisen; nur über die Art der Darbietungen finden sich Schwierigkeiten, sodaß die Stellung des Religionslehrers sehr unbehaglich sei. Der geschickte Lehrer müsse bei der Patriarchen- und Mosesgeschichte jeden Hinweis auf die legendäre Bildung des Stoffes vermeiden, aber auch im Hause dürfe man keine Kritik an die Glaubwürdigkeit knüpfen, weil sonst das Seelenleben des Kindes vergiftet werde. In der oberen Unterrichtsstufe entbrenne oft ein Kampf zwischen den religiös-sittlichen An- . schauungen und den modern-wissenschaftlichen. Der Lehrer habe hier ein dankbares Feld vor sich, wenn er die Grundlosigkeit der Behauptung darlege, daß zwischen Religion und Wissenschaft Gegensätze bestehen. In Frankfurt hatte bis vor wenigen Jahren die israelitische Gemeinde die Sorge für die religiöse. Ausbildung der Kinder mU Ausnahme vom Philanthropin — fast ganz in ihren Händen. Erst seit fünf Jahren habe die Stadtverwaltung auf ihre Kosten einen ordnungsmäßigen Religionsunterricht au ihren Schulen eingerichtet, sobald in dieser Schule mindestens 10 Prozent Juden waren. Später wurden auch an fast allen privaten höheren Schulen — mit Ausnahme eines einzigen Instituts für Mädchen - auf Kosten der israelitischen Gemeinde Religionslehrer zur Verfügung gestellt. Ferner seien Lehrkurse für Seminaristinuen im Religionsunterricht geschaffen worden. Immerhin bleibe noch manche Lücke im Religionsunterricht auszusüllen. In der Debatte hob Dr. Ernst Auerbach hervor, daß der Unterricht in durchaus freisinnigem Geiste geleitet und daß mit Aengstlichkeit jeder Zwiespalt mit dem Elternhaus vermieden werden müsse. Rabbiner Dr. Seligmann. regte an, eine Kommission zu wählen, um auf diejenigen Eltern einzuwirken, die ihre Kinder nicht am Religionsunterricht teilnehmen lassen. Der Vorstand des Vereins will dieser Anregung näher treten. Außerdem hat der Freisinnige Verein für jüdisches Geineindeleben in seiner Generalversammlung beschlossen, im April 1906 aus Anlaß des 100jährigen Geburtstags Gabriel Rießers eine größere Gedächtnisfeier zu veranstalten. Der Vorstand wurde mit den Vorbereitungen beauftragt. Im übrigen -wurde in der Generalversammlung ein Wachstum der Mitgliederzahl und ein günstiger Kassenabschluß konstatiert. — Am 21v. M. wurde die Grundsteinlegung der neuen Gemeindeshnagoge der orthodoxen Israelitischen Religionsgefellschaft an der Friedberger Anlage 5-6 vorgenommen. Rabbiner Dr. Breuer hielt die Festrede, dann folgten die üblichen Zeremonien: Einmauerungen und Hammerschläge. Die Synagoge, im romanischen Stile gehalten, saßt 1000 Sitzplätze für Männer und 600 für Frauen. Der Bau wird in N/z Jahren vollendet sein. Die Kosten mit Grunderwerb werden 1 Million Mark betragen. Die Pläne und Zeichnungen stammen von den Architekten Jürgensen- und Bachmann-Charlottenburg, die: Ausführung des Baus ist der hiesigen Firma Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiesbauten, vormals Gebrüder Helfmann, übertragen. o. Mainz, 3. Dezember. Der Großherzog von Hessen verlieh anläßlich seines Geburtstages dem Geh. Baurat Landsberg das Ehrenkreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen und dem Rabbiner Dr S alfeld in Mainz dos Ritterkreuz 1. Klasse desselben Ordens und ernannte Dr. Hesdörffer, Chefarzt des jüdischen Hospitals in Mainz, zum Sanitätsrat, Lndw. Mayer und Heinrich Merzbach in Offenburg zu Kommerzienräten und Dr. D. Loeb und Dr. Em. Reis in Darmstadt zu Justizräten. — t. München, 22'. November. Aus Anlaß der gegen die Juden Rußlands verübten Greuel veranstaltete die israelitische Kultusgemeinde am Sonntag in der Synagoge eine Trauerseier, die unter starker Beteiligung stattfand. Nachdem einige passende Psalmen gesungen waren und Teile des Gebetes „Unser Vater, unser König" vorgetragen waren, hielt Rabbiner Dr. Werner eine entsprechende, . bewegte Predigt und betete dann für das Seelenheil der Ermordeten, worauf die Feier mit Gesang geschloffen wurde. In der Synagoge des Vereins zur Förderung jüdischer Wissenschaft in der Herzog Rudolfstraße wurde am Montag unter Beteiligung zahlreicher Mitglieder ein Fasttag veranstaltet und vor dem Einheben, nachdem die Psalmen 45—49 rezitiert worden waren, ein hebräisches Gebet für die Gefallenen und Notleidenden Rußlands oorgetragen. — Den Brief des Bischofs von Bamberg haben Sie bereits gebracht. Bamberg ist seit mehr als 50 Jahren der Sitz von Erzbischöfen, welche freundliche und friedliche Beziehungen zu den Juden unterhalten haben; als vor etwa 50 Jahren der längst heimgegaugene Erzbischof Michael von Deinlein zur Spendung der Firmung nach Fürth kam, wo ein israelitischer Mitschüler des Erzbischofs vom Bamberger Gymnasium her als Advokat tätig war, hat er nicht unterlassen, seinen Mitschüler in dessen Wohnung aufzusuchen. Es wird wohl gut sein, diese Feststellungen für das Gedächtnis künftiger Geschlechter festzuhalten, daß die heutige Zeit beim hereingebrochenen Unglück ohne Unterschied der Religion Herz und Hand geöffnet hat. Luxemburg, 28. November. In unserer Synagoge fand heute für den verstorbenen Großherzog Adolf ein Trauergottesdienst statt, zu welchem zahlreiche Gäste erschienen waren. Der Hof war durch den Adjutanten des Eroßherzogs vertreten. Die Predigt hielt Landesrabbiner Dr. Samuel Fuchs, ausgehend von dem Textworte des Wocheuabschnittes „haltet mich nicht zurück, denn gesegnet hat der Herr meinen Weg". Die Israeliten des Großherzogtums haben in einer Kondolenzadresse an das Fürstenhaus ihre Trauer zum Ausdruck gebracht. Dieselbe wurde mit folgendem Telegramm an den Landesrabbiner Dr. Fuchs beantwortet: „Seine Königliche Hoheit der Großherzog lassen herzlichst danken für die aufrichtige Teilnahme, welche das. Rabbinat und die Konsistorialvertreter der Jsraeliten Luxemburgs an der Trauer, welche über das großherzogliche Haus durch das Ableben S. K. H. des Grobherzogs Adolph gekommen, bekundet. Im Aufträge Seiner Königlichen Hoheit. Schloß Hohenburg, Bayern. Gras v. Villers". — Auch die verwitwete Großherzogin hat am 26. d. folgende Zeilen an den Landesrabbiner gerichtet: „Ihre Königliche Hoheit, die Frau Grotzherzogin-Mutter von Luxemburg, danken bestens für die Teilnahme und den Ausdruck treuer Gesinnung. Im Austrage: Freiherr v. Dieskan." OesterreLch-Angarn. □ Wien, 4. Dezember. Es ist ergötzlich, mit anzusehen, wie die Wiener Antisemiten in der Wahlrechtssrage den Sozialdemokraten den Rang ablaufen wollen. Den ernsten Ruf: „Heraus mit deni Wahlrecht!" beantworteten ihre am Sonntag mobilisierten und vor dem Rathanse haranguierten Anhänger mit tausendfachem „Nieder mit den Juden!" Stundenlang gröhlte es der christlich-soziale Mob.in den Straßen Wiens. - Das Ergebnis der Spendensammlung der „I s ra eV litischen Alliance in Wien" zugunsten der Opfer dersJndenverlolgungen in Rußland beträgt bis heute'ca. 480 000 Kronen. Außerdem wurden in Budapest 160 000 bis 180 000 Kronen gesammelt. — Eine sehr interessante Unterredung mit dem päpstlichen Nuntius über die russischen Judenverfolgungen brachte die „Neue.Freie Presse". Der hohe kirchliche'Würdenträger sprach sich in sehr scharfer.Weise überdie Greuel und über diejenigen aus, die sie billigen 'oder zu entschuldigen versuchen. — In Pra g plünderte..tschechischer Pöbel am. l. .d. M. drei jüdische Trödlerläden und schleppte eine große An-

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