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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · p. Seite 588

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 588 (sequence 12)
Language
German
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588 Litersrilche Mjtteilungrn. M ax Herfchel, Im Tale Saron. 'Gedichte jüdischreligiösen Inhalts sowie hebräische Gebete, Lieder, Sprüche und Bibelstücke in freier poetischer Uebertragung. Berlin 1905. Verlag von M. Poppelauer. Der Verfasser der vorliegenden Sammlung war von dein Wunsch durchdrungen, daß^ das Gefühl der Beseligung und Erhebung, das so manche Schätze unserer Literatur in ihm selbst erweckt hatten, auch seinen fernestehendeu Brüdern und Schwestern nicht vorenthalten bleiben sollte. Zwei gute Eigenschaften, die sich leider in den seltensten Füllen bei einander finden, sehen wir hier in schönster Harmonie gepaart: Echt religiöses Empfinden und echte dichterische Begabung. Wahrer religiöser Schaffensdrang ist es, dem die hier dargebotenen Dichtungen ihre Entstehung verdanken, in denen eine starke Liebe znm Erbe der Väter sich verkörpert zeigt, und eine ausgeprägte Kraft der lyrischen Empfindung sowohl wie Gestaltung hat das religiöse Innenleben in die anziehendsten und fesselndsten Formen gekleidet. Die Brauchbarkeit des Buches für Synagoge, Schule und Haus wird unbedingt dadurch erhöht, daß der Verfasser im dritten und vierten Teil, bei den Gebeten und Haftorat, seine Meisterschaft im Nenschaffen des Alten nicht dazu gemißbraucht hat, die altgeheiligten Gefäße rücksichtslos zu zertrümmern. Bei aller Schönheit und Innigkeit der Verdolmetschung hat er hier fast stets zum mindesten das Wesentliche formell wie inhaltlich gewahrt. Sonst aber begnügt er sich keineswegs, längst geprägte Münzen bloß nachzuprägen, baut vielmehr oft genug auf der übernommenen Grundlage gedenklich Eigenes auf (vergl. z. B. die geistvolle Auslegung des alten Märchens in Glaube und Wissenschaft, S. 78), läßt anmutig und gegeuwartsgemäß das alte Gemüts- und Geistesleben des Judentums neu vor uns erstehen. Sind doch sehr viele der in diesem Buch enthaltenen Gedichte nicht eigentlich bloße poetische Uebertragungen, sondern selbständige Schöpfungen einer im Sinne warmen und zugleich geläuterten Judentums religiös gestimmten Muse, die der heiligen Literatur im Grunde nur ihre Motive und Anregungen entnimmt! Fürwahr, das beste, washier geleistet ist, konnte nur von einem wirklichen Dichter geleistet werden. Wenn wir znm besten von den Gebets- und biblischen Uebertragungen Boruch Scheomer (©. 146), Psalm 90 (S. 147), Psalm 136 (S. 152), Aschrei (S. 154), Jisclilabacli (S. 159), Schmn Jisroiil (S. 162), Borclni (S. 167), Haschkhvenu (S. 168), Sehemone csre (S. 169), Lecho daudi (S. 174), Psalm 113 (S. 182), Tischgebet (S. 191), das Gebet vordem Schlafengehen (S. 195), NoOnL zur Jesclmosi (S. 204), Owinu malkenu (S. 216),* Unessdne tonkef (S. 218), Jaale (S. 222), Joel 2, 15—17 (S. 269), die Haftora znm 8. Tage Pesacli (S. 274), und von den mehr selbständigen Erzeugnissen: Hoffe beständig nfw. (S. 10), Hör' Israel (S. 12), Gedenke des Todes (S. 29), Zeiger rückt (€?. 30), Gute Werke usw. (S. 3! und 32), Das eigene Heim usw. (S. 38), Am Morgen Feind usw. (S. 61), Das flotte Fahnenlied (S. 85), und noch einige weiterhin zu erwähnende Stücke rechnen, so ist das, auch nur proportional betrachtet, ein sehr achtnngslvertes Quantinn. Vor allem atmet in fast all diesen Poesien jener wunderbare undefinierbare Einklang, den nur die echte Dichterseele hegt. Darum gilt von ihnen, was der Altmeister als Kennzeichen wahrer Lyrik hinstellt: „Nur nicht lesen, immer singen, und ein jedes Wort ist Dein." Im übrigen ist die Leier unseres Dichters durchaus nicht auf einerlei Ton gestimmt. Ueberwiegen auch, wie es schon die Natur der hier in Betracht kommenden Sujets mit sich bringt, die zarten und innigen Empfindungen in mannigfaltigster Schattierung, so liefern Stücke wie die Amnonlegende (S. 64), Unessdne tonkef (S. 218) usw. den vollgültigen Beweis, mit welch imponierender Kraft der Dichter das Heroische, das Düstere zu behandeln versteht. Die überraschende Unmittelbarkeit und Feinheit seines Naturempfindens kennzeichnet ihrerseits ebenfalls den echten Dichter, und wie lebensvoll und entzückend empfangene Natureindrücke hier verarbeitet werden, davon kann man an Kabinettsstücken wie das Einleitungsgedicht „Im Tale Saron" und „Sulamit" (S. 283) sich überzeugen. Individuelles Interesse gewinnt die Sache noch dadurch, daß dieser Dichter in der jüdischen Gemeinde von Bonn seit vielen Jahren das Ehrenamt eines Vorstehers bekleidet. Aber auch abgesehen hiervon liegt der Fall so, daß nicht leicht der Versuchung zu widerstehen ist, ein wenig ans der Schule zu plaudern und etwas über des Verfassers Lebensgang zu verraten. Am Rhein hat er das Licht der Welt erblickt und säst, sein ganzes, bereits mehr denn sechzigjähriges Leben verlebt, und man kann kaum anderes sagen, als daß die ihm daselbst umgebende romantische Schönheitssülle seine angeborene Dichtergabe dauernd genährt hat. Ein frappantes Beispiel ist in ihm verkörpert, wie ein starker Trieb znm Idealen sich den Weg durch den Drang des Lebens zu bahnen weiß, denn er gehört zu den Leuten, denen anfgegeben war, sich aus eigener Kraft emporzuschwingen. Von Grund auf einfacher Handwerker, hat er in jüngeren Jahren in mühseliger Arbeit sein Brot erwerben müssen. Jedoch alle inneren und äußeren Schwierigkeiten haben das ursprüngliche Talent, das in ihm wohnt, nicht zu unterdrücken vermocht. Der Mann wird uns um so interessanter, wenn wir erfahren, daß er, abgesehen von seinen religiösen Poesien, eine überaus große Anzahl jenen zum mindesten gleichwertiger weltlicher Dichtungen hervorgebracht hat Es ist leicht zu verstehen, daß solcher dichterischen Befähigung auch die Anerkennung der Welt nicht entgangen ist, und in diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß der Verfasser erst kürzlich bei den Kölner Blumenspielen für ein weltliches Lied mit dem vom Oberpräsidenten der Rheinprovinz gestifteten Preise airsgezeichnet wurde, lieber die Schwelle des Greisenalters, wie erwähnt, bereits hinweggeschritten, sieht er noch jetzt im dichterischen Schaffen sein bedeutsames Lebenswerk, das nach menschlicher Berechnung und Hoffnung noch lange nicht abgeschlossen sein wird. Wie kraft- und glutvoll noch der Greis zu dichten vermag, dafür liefert sein Buch ja selbst den schlagendsten Beweis. Ist es nicht merkwürdig, daß diese größtenteils so jugendfrischeu und jugendstarken Produkte Kinder des Alters sind? Wahrlich, nach dem, was er uns hier vorgelegt hat. zu urteilen, können wir ihm ans vollen Herzen znrufen: Achron cliawiw! Das Gebotene ist in der Tat von solcher Beschaffenheit, daß es uns auf weitere Früchtedieses reichen dichterischen Herbstsegens durchaus begierig macht. — Die Israeli tisch - Ungarische Literaturgesellschaft hat ihr Jahrbuch für 1905 herausgegeben. Es ist sehr interessant und reichhaltig, wie schon die folgende Inhaltsangabe beweist: „Raschi und Maimuni" von Prof. Dr. Wilhelm Bacher; „Aus alten Tagebüchern" von Schriftsteller Adolf Agai; „Leben und Wirken Maimunis" von Rabb. Dr. Moriz Klein; „Eghptische Kulturelemente in der Bibel" von Prof. Dr. Eduard Mahler; „Uebertritte in alten Zeiten" von Prof. Dr. Jgnacz Acsädy; „Moritz Jökai" von Rabbiner Dr. Bola Bernstein; „Salvmon Sulzer" von Oberkantor Adolf Lazarus; „Jüdische Apostel" von Prof. Dr. Samuel Krausz; „Goethe und die Bibel" von Rabbiner L. H. Feigl; „Die Juden und ihr Vaterland" von Rabbiner Bola Vojda; „Volkswirtschaftliche Projekte ungarischer Juden im XVIII.Jahrhundert" von Bürgerschultehrer Bernhard Mandl; „Die Ragusaer Blutanklage 1622" von Nabb. Dr. Gabriel Schwarz;. „Uneigennützige Pflege der Wissenschaften bei den Juden" von Pros. Dr. Josef Farkas; „Die Verbreitung der ungarischen Sprache unter den Juden" von Rabbiner Dr. Alexander Bückler; „lieber die Assimilation" von Prof. Dr. Max Schächter. Belletristische und dichterische Arbeiten weist das heurige Jahrbuch folgende auf: „Vogelfang im Gotteshaufe" von Dr. Alexander Feleki; „Geständnis" von Dr. Arnold Kiß; „Im Friedhofe" von Andor Gabor; „Saul und David" von Julius Varsanht; „Der Herr Rat" von Paul AVer; „Wer ist der Weisere?" von Andreas Nagy; „Die Füchse" (Juda Gordon) von Dr. Kornel Heves; „Religiöse Gesänge" von Joses Patai; „Abisag" von Alexander Mezeh; „Jephta" von Geza Szilügyi. Dem Rechenschaftsberichte entnehmen wir, daß der Direktionsrat beschlossen, Rabbiner Dr. Julius Wellesz mit der Abfassung einer Monographie über Raschi zu betrauen. Aus der Kunewalder-Stiftung wurde als Preisfrage ausgeschrieben: „Eine geschichtliche oder soziale Erzählung für die israelitische Jugend beider Geschlechter." Preis 50 Dukaten. Im Wintersemester 1903/4 wurden in der Hauptstadt acht Vortragsabende mit 20 Thematas, in der Provinz zwei Vortragssoireen mit sechs Thematas abgehalten. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Berantlvortlich für die Redaktion: Max Bauchtvip in Berlin.

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