Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · p. Seite 587

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228686--62224-3276089
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Von ©tingelt, der knapp hinter den Reihen die dichtgedrängte Menschenmenge erblickte, die die Bewegungen verhindern tonnte, erteilte den Befehl, die Städter auseinander zu jagen. Mehrere Husaren ritten in den Haufen hinein, die Verwirrung wuchs, die Mauer von Menschenleibern wankte, taumelte, ohne sich loslösen zu können, ©ringen schäumte vor Wut, er wollte seine Abteilung über den Fluß führen. Die Husaren setzten sich in Bewegung, als von der nach Zelechow führenden Straße mehrere blutbespritzte Oesterreicher direkt auf das Korps heranstürzten und im Anrennen die Linien in Verwirrung brachten. Zwei Pferde stürzten, sich inmitten der Reihen umherwälzend. Von Stieglitz wollte ein Karree formieren. Der Soldat, von der Panik demoralisiert, irrte, verwirrte sich, verlor die Kaltblütigkeit. Noch immer kamen versprengte Husaren herangeritten. Die Rufe: „Die Ulanen!" „Rettet Euch!" ertönten immer stärker. Der Oberst geberdete sich wie ein Luchs, keine Hiebe sparend. Er vermochte zum dritten Male die Ordnung herzustellen. Es war aber zu spät. Die Ulanen brächen wie ein angeschwollener Strom auf den Ringplatz herein. Es entspann sich ein schrecklicher Kampf. Man vernahnt nicht mehr Schüsse und das Klirren der aneinandergeratenen Schwerter, sondern das Krachen gebrochener Knochen, das Aufspritzen des Blutes und ein dumpfes Getöse hinstürzender Leiber. Und an der Spitze der Ulanen griff zuerst ihr junger Schwadronschef an. Wo die Husaren den hartnäckigsten Widerstand leisteten, dort teilte er tödliche Streiche aus. Ueber die weißen Ausschläge seiner Uniform zogen sich bereits drei Blutstreifen, er aber war fortwährend der Erste. „Mir nach, Brüder!" rief er seinen Ulanen zu. „Vivat Oberst Berko!" antworteten die Soldaten. Von Stieglitz wurde niedergemetzelt. Die Husaren streckten die Waffen und riefen: „Pardon!" Unter ©ringen wurde das Pferd getötet. Der Oberst vermochte aber, sich hervorzuarbeiten. „Ergebe Dich, Du Schuft!" erscholl eine junge Stimme. ©ringen blickte die hohe Gestalt des lllanenob ersten an. „Was ist Dir?" „Denn Du wirst der Peitsche nicht entweichen." Von ©ringen zuckte vor Wut zusammen. „Warte! Ich werde es Dir heimzahlen!" schrie er giftig und in das Häuflein sich wehrender Husaren stürzend, eilte er schnurstracks auf die Hauptstraße zu. Der Ulanenchef setzte dem Entweichenden sofort nach- Von ©ringen stürzte hinter die Umzäunung vor der Hauptstraße. „Her mit Josielowicz! Wo ist Josielowicz?" Ein vor Bestürzung halbstumm gewordener Büttel wies auf die zusammengekauerte Gestalt des alten Berko. Von. ©ringen sprang mit geschwungenem Säbel auf ihn zu. Zwei Frauen warfen sich dazwischen, um den für den Greis bestimmten Hieb aufzufangen. Da stürzte der Ulanenoberst zu Pferde hinter die Umzäunung und versetzte ©ringen einen Hieb über den Arm. Er taumelte, der Säbel entsank seiner Hand. Gleichzeitig aber ertönte ein Schuß. — Der Ulanenches glitt vom Pferde ... Der alte Josielowicz schlug seine verschleierten Augen auf, um seinen Erretter zu sehen -- und erbebte . . . Vier Tage lag der Chef der zweiten Schwadron des fünften Ulanenregiments inmitten von flackernden Kerzen, von einem Walde Blattpflanzen und Blumen umgeben — erlag in Paradeuniformdas Schwert zu Häupten — mit Ordensbändern geschmückt . . . Sein Antlitz.atmete Frieden, eine edle Melancholie aus. Das vorüberziehende Heer brachte vier Tage lang der teuern Hülle des geliebten Kameraden seine Huldigungen dar. Durch vier Tage saß der alte Berko in seinen Alkoven eingeschlossen, sich in seinem eigenen Schmerze wälzend, sich in seiner Nichtigkeit demütigend und dumpf wiederholend: „Ein solches Ende hat er genommen! So ist er zugrunde gegangen!" Am fünften Tage kamen zu Berko zwei Offiziere imb nahmen ihn unterm Arm. — Josielowicz ging wie ein Verurteilter. Wohin sie ihn führten — es war ihm alles egal. Weder der Trommelwirbel, noch die wehmütigen Trompetenklänge vermochten ihn aus seiner Erstarrung zu erwecken. Er gmg kraftlos, im Gehen flüsternd-: „Möge Gottes Urteil in Erfüllung gehen!" Da aber blickte er um sich und es kam ihm vor, daß ihm träume: Die Gassen Kocks prangen in Trauerschmuck, neben ihm geht der ganze Vorstand der Judengemeinde. Hohe Offiziere und Zivilwürdenträger, Karossen des Adels aus der Umgegend ... die Glocken läuten ... die Soldaten präsentieren das Gewehr! Es verstreicht eine längere Zeit und er wird noch immer geleitet. Erst auf dem Friedhofe kaut er wieder zu feiner Besinnung. Oberst Prasecki hielt die Grabrede. Und er sprach so, als ob er dem alten Berko in die Seele blickte, all' sein Klagen ans Tageslicht förderte — und dann erwähnte er so seines „entarteten" Sohnes, daß unter Josielowicz die Füße zusammenknickten. „Kehre, Kamerad, in die Erde, die Dich hervorgebracht, und welche Du so aufrichtig geliebt hast, zurück", schloß Oberst Prasecki. Berko sank ächzend auf den Grabhügel nieder. Als er die Augen aufschlug, erblickte er vor sich einen Ulanen in großer Uniform. Der Ulan ergriff Josielowics abgehärtete Hand. „Armer Vater, der Name Deines Sohnes wird Jahrhunderte überdauern! Er ist nicht gestorben — er bleibt in den Herzen von tausenden! Du, seine Frau und Sohn werdet den Schuß des Fürstentums genießen. Ehre Dir, daß Du solch einen Sohn erzogen!" Berko kehrte nach Hause, von allen Seiten gegrüßt, und die ganze Gemeinde gab ihm das Geleite. Der Name von Berkos Sohn wurde ehrfurchtsvoll geflüstert, daß das Herz des alten Josielowicz vor Stolz, einer schmerzlichen Wollust, einem thränenreichen Glücke hoch anschwoll. Die Bitterkeit schmolz und eine Beruhigung zog ein. Berko erhob sein Haupt. Aus der Schwelle empfingen ihn die alte Rachel und Sarah weinend. An der Wand stand ein Knabe und blickte die schluchzende Mutter traurig an. — Josielowicz zog den Enkel an sich, drückte ihn an seine Brust und sagte leise: „Berko höre! Du . . . Du sei so, wie Dein Vater!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.