Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
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konfessionellem Gepräge — unter Leitung von Pastoren durchgeführt, und es wird uns zur Zeit^'wohl auch kaum etwas anderes übrig bleiben, als jüdische Jünglings- und Mädchenheime zu gründen, um der zunehmenden Verflachung, Frivolität und Blasiertheit sowie der Untergrabung von Bildung und Moral entgegenzuarbeiten und so die verloren gegangene Zucht der Familie zu ersetzen. In diesen Heimen müssen in anregender und fesselnder Art und in geschickt abwechselnder Form Stoffe allgemeiner wie auch jüdischer Bildung dargeboten werden und die Jugend angeregt und belehrt werden. Es würden dazu historische und andere Fortbildungskurse kommen, Bibelabende, Vorträge und Aufführungen, woran sie selbst nach Kräften und Fähigkeiten mitzuwirken hätte. Zu den geistigen Bildungsmitteln würde auch eine allgemeine und spezielle Lesehalle konunen, wie sie schon in einer Reihe von Städten bestehen. Ferner Toynbeehallen für größere Massen, wo Proletariat, namentlich durchziehende Auswanderer, in Betracht kommt, sodann eine gute Jugend- und Volksliteratur, eine gute Literaturvereinsbibliothek, ein Gemeindearchiv k. Für solche Ausgaben müßten Mittel mit derselben Leichtigkeit zu haben sein wie zu anderen Wohlfahrtsunternehmungen. Es scheint aber, daß auch hier erst große Vorurteile, eine starke Kleingläubigkeit, ein wachsender Jndifferentismus zu besiegen sind, che man an wirkliche Erfolge denken kann. Die jüdische Literatur und Wissenschaft hat nicht ungestraft über ein Menschenalter brach gelegen, ist nicht umsonst fast verschollen und vergessen, bis sie als Kampfmittel gegen die Uebergriffe des Antisemitismus aus den verstaubten Winkeln unserer Rüstkammer hervorgeholt und schleunigst aufgeputzt und gebrauchsfähig gemacht wurde. Zehn' Jahre tobte bereits der Antisemitismus, bis — ein Menscheualter nach der Emanzipation — der erste literarische Verein schüchtern und zwar in Studentenkreisen in Berlin erstand. Bezeichnenderweise unmittelbar nach den ersten Judenverfolgungen — von Ausländern, Russen und Ungarn, und nur einenr einzigen deutschen Studenten gegründet! Name, Methode und Art des Vereins mußten erst mühsam konstruiert werden, weil typische Vorbilder fehlten. Heute ist kaum eine Gemeinde ohne derartigen Verein, aber auch keine, in der nicht erst mehr oder weniger heftige Kümpfe der Gründung vorangegangen waren. Ein anderes Beispiel: Als ein in der modernen Geschichte des Judentums wichtiger Wohltätigkeits- und Organisationsverband sich anschickte, sein 25-jähriges Jubiläum zu feiern und trotz reichlicher Mittel in Verlegenheit war, ein wirklich neues, großes, gemeinnütziges Werk für das Judentum zu schaffen, da ließ er lieber die ganze Jubiläumsgabe fallen, als daß er den dringenden Vorschlag angenommen hätte, etwas für die Wissenschaft des Judentums zu tun, z. B. durch große Reisestipendien jüdische Gelehrte und Orientforscher auch zu großen Werken, Ausgrabungen usw. zu veranlassen, wie es der Staat, wie es die orientalische Gesellschaft bei christlichen Forschern macht. So wie aber einer nun doch in die Bresche springt und mannhaft den Ansturm unternimmt, da strömen ihm sofort Beihilfe aller Art und die Sympathien aller zu. Der Verband hatte, wie gesagt, die Idee aus den Händen gegeben, ein Jahr später entstand der groß angelegte Verein zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, ein Verein, der schon nach den Leistungen in dem kurzen Zeitraum seines Bestehens zu urteilen, zu diesen und noch größeren Aufgaben berufen zu sein scheint; in der Tat hat er sich bereits . die namhaftesten Köpfe der europäischen Judenheit zu Mitarbeitern gemacht und genießt reiche Subventionen und Sympathien von allen Seiten. Diese Erfahrung, diesen Triumph einer trefflichen Idee würden wir sicher oft erleben, wenn wir nur nicht immer mit zu großen Bedenken den Anfang scheuten. Es ist gleichsam, als ob Ideen, wenn sie nur keimfähig sind, ein eigenes Leben, Wachsen und Ausreisen haben, bis sie im passenden Moment als reife Frucht dem Zulangenden entgegensallen, der dann scheinbar mit leichter Mühe das erntet, was ins Leben zu bringen viele Vorgänger sich nutzlos abgequält haben. So wird es auch mit den jüdischen gemeinnützigen Ideen in religiöser, ethischer, geistiger und geselliger Richtung sein, und so ist es schon vielfach geschehen. Schon haben wir unsere Gemeinde- und Rabbinerverbände aus den letzten Jahren, von denen kein Mensch heute begreift, warum sie nicht schon vor 30 Jahren entstanden sind, und schon wirken die Zentralhilfsvereine und Orden, die sich in rapider Ausdehnung befinden; schon keimen überall die Anlagen zu Vereinigungen und Verbänden, welche eine zentralisierende Zusanunenfassung aller Spezialwohlfahrtseinrichtungen, eine Kontrolle und eine Ergänzung derselben, wo es irgend not tut, anstreben. Ich habe die Empfindung, daß, wie wir heute überall Literaturvereine haben, wir bald ebenso in jeder Gemeinde einen solchen Zentralverein haben werden, der alle in dieser Betrachtung berührten Aufgaben und vielleicht noch mehr zu seinem Ressort machen wird, der alle bestehenden Einrichtungen fordert und unterstützt, da, wo Lücken sind, selbst arbeitend einspringt, und sich auswachsen wird zu einem jüdischen Külturverein im allgemeinsten Sinne. Schon einmal, in der Jugendzeit Heines, Mosers, Zunz' usw., hatte sich in Berlin ein derartiger Kulturverein gebildet, mit eigener Zeitschrift und mit der Tendenz, seine Mitglieder und die jüdischen Mitbürger zu guten, dabei aber auch gebildeten Juden zu erziehen, Aufklärung. Gesittung und Wissenschaft zu verbreiten. Was damals als verfrüht als undurchführbar sich erwies in einem Zeitraum, wo jüdische Geschichte noch nicht von solchen Meistern, wie Zunz, Grätz, Jost und Rapaport zusammengefaßt, jüdische Literatur ja in den weitesten Kreisen unbekannt war, ist heute nach solchen Vorarbeiten keine so gewaltige Schwierigkeit mehr. — Diese Kulturvereine mögen sich auch zu einem großen Verbände zusammenschließeu, vielleicht mit anderen Repräsentanten zusammen die ständige Organisation eines Judentages zu stände bringen, einen Elitebund, wo die besten Geister des Judentums über sein Wohl und Wehe, seine hauptsächlichsten Bedürfnisse und die notwendigen Organisationen beraten und sicherlich nur Gutes zu Tage fördern werden. Dieses soll auch der Negierung gegenüber einen Ersatz einer autoritativen Körperschaft und die Vertretung des Judentums bilden, die uns heute noch sehr fehlt. Wir fechten in einer Reihe von Einzeltreffen, in einem ermüdenden Guerillakrieg gegen einen geschlossenen Feind von Haß, Stupidität und Aberglauben, und haben wohl Truppen, aber keine Leitung, keinen - Feldherrn und Feldzugsplan. Bei dem jetzigen System können wir allerbestens nur Einzelerfolge erringen, aber den Feind nicht endgültig schlagen und zurückdrängen. Das wird uns nur möglich sein bei einer wie oben skizzierten Organisation. Diesen Kulturvereinen dürfte bei dem jetzigen Volksbrand in Rußland, wobei Millionen über unsere deutschen Grenzen geworfen werden, — durch die Beihilfe bei der Auswanderung, durch die Regelung der Unterstützungen von Fremden und Bekämpfung der unwürdigen gewerblichen Schnorrerei mittels eines Netzes von Auskunftsstätten und Bureaus schon allein ein großes Arbeitsfeld zufallen, bis sie dies eventuell später an Spezialvereine abzugeben in der Lage sind. 'Genug! Wenn wir Pflegestätten für jüdische Ideen haben werden, dann wird nicht die Not des Tages uns zusammen-