Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 584 (sequence 8)
- Language
- German
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564 schiedenen jüdischen Bevölkerungsschichten als kaum durchführbarbezeichnen und insbesondere die Frauenwelt als Haupthindernis hinstellen, immer im Hinblick auf die lokalen, mehr oder weniger kleinlichen Verhältnisse. Nun, ähnlich und glücklicherweise falsch hat man bei allen neuen Unternehmungen durch den Mund kleinherziger Leute, die sich nicht mit großzügigen Ideen befreunden können, prophezeit. Darum erwarte ich getrost von der Zukunft den Sieg der hier vorgetragenen Anschauungen um so mehr, als sich kein wirklich stichhaltiger Gegeneinwand gegen sie Vorbringen" läßt. Wir sehen ja unter einer höheren patriotischen Pflicht Mitglieder aller Stände und Range mit ihren Familien allgemeine Feste feiern, warum sollte es bei Juden nicht gehend Eine solche gesellschaftliche Vermengung ist darum noch lange nicht eine Verbrüderung oder Verfchwisterung. Sodann glaube ich nicht, daß die kleinen Leute sich gedrückt Vorkommen würden. Gerade im Gegenteil werden sie mit Stolz auf das ihnen eingeräumte Anrecht blicken und das Gefühl einmal empfinden, wegen ihres Glaubens auch einmal einer Anerkennung, einer Freude teilhaftig zu werden. Daß ebenso die sogenannten höheren Stände sich nichts vergeben würden, wenn sie sich in den Dienst einer höheren Idee, einer Pflicht stellen, indem sie die minder gut Situierten zu sich heranziehen, ist selbstverständlich und wird allmählich jedem Angehörigen der ersteren bewußt werden. Nur so, im Umgänge mit der Allgemeinheit, wiederhole ich, und ebenso im gelegentlichen Verkehr mit allen Schichten der Glaubensgemeinschaft, auch der exklusivsten, können die Fehler- Rudimente des Ghetto — die gesellschaftlichen Verstöße — abgewöhnt und die Manieren abgeschliffen werden. Daher gilt es schon, um den Chillul-haschem, die Kompromittierung der Glaubensgemeinschaft, zu vermeiden, diese Bestrebungen zu unterstützen. Zu diesem Zwecke gilt es aber auch in erster Linie, die jüdische Frauenwelt aus ihrer geistigen Letargie zu reißen und sie auch iirx Gemeindeleben mehr zur Betätigung und Geltung zu bringen als bisher. Ja, selbst eine religiöse Erziehung muß der Frauenwelt bei uns, besonders aber in Osteuropa, erst verschafft werden. Denn dort, z. B. in Galizien, erscheint es der orthodoxen Masse gänzlich unnötig, die Mädchen außer den zeremoniellen Haus¬ und Festverpflichtungen auch in Bibelkunde, Kenntnis der heiligen Sprache, in den tieferen ethischen und religiösen Inhalt des Judentums einzusühren. Ja, diese Gleichgültigkeit erstreckt sich bis auf die völlige Freigabe des Profanstudiums, die Aneignung von Wettbildung und Manieren, den Besuch städtischer Schulen für Mädchen während dieses alles für die männliche Jugend gänzlich ausgeschlossen, ja gottlos erscheint. Für diese ist der Cheder bestimmt. Aber auch bei uns ist die religiöse Durchbildung der jüdischen Mädchen nur wenig bemerkbar und demgemäß ihr Interesse, ihr Anteilan dem Gemeindeleben, den man ihnen läßt, oder den sie sich allein nehmen, sehr geringfügig. So kann es kommen, daß in derselben Zeit, in derselben Stadt, in der die Frauew die intimsten Vorgänge und Krebsschäden des menschlichen Verkehrs öffentlich mit und vor Männern vortragen und diskutieren, ihre Zulassung zu den Diskussionsabenden des jüdischen Literaturvereins erst mit großer Mühe und mit schwächster Majorität erfochten werden konnte — nota bene war die Anwesenheit pon Knaben nie als störend empfunden worden! Aber bei der Anwesenheit von Damen könnte man sich nicht so .ruhig, so ungefährdet vor Mißverständnissen und falschen Verbreitungen äußern, die Debatte würde herabgewürdigt, verflacht werden! So die Meinung eines Akademikers, der jung verheiratet ist. Man wird gewiß gleich die große Anzahl der Frauenvereine entgegenhalten. Es ist aber dabei zu bedenken, daß nur einige wenige Vorstandsdamen die ganze Arbeit verrichten, die anderen aber, sehr indifferent, nur das Geld ihrer Männer beisteuern, also nur in den Büchern geführt werden. Wie verschwindend ist die Anzahl der Frauen und Mädchen, die sich mit Armen- und Krankenpflege positiv beschäftigen, die Armen und Elenden in ihren dürftigen Wohnungen auffirchen, und wie wenig Frauen führen schon frühzeitig ihre Kinder mit aus den Gängen oder schicken sie allein hin mit Gaben der Linderung, um die Augen der Kinder frühzeitig zum Wohltun zu öffnen! Dies sind alles Dinge, die bei Christen bis in die besten Stände hinein, und da erst recht, gang und gebe sind. Durch die großartige Wohltätigkeit der Juden, die nüt vollen und übervollen Händen spenden, oft ohne Bedacht, sind wohl tausend Vereine vorhanden, um jeder Not vorzubeugen, aber nur sehr wenige Einzelindividuen, die sich in obiger Weise beschäftigen, llnd fast scheint es, als ob bei der allgemeinen Abnahme des religiösen Gefühls bei den Aufgeklärteren diese kleine Zahl noch sinkt. Trost und Zuspruch ist oft mehr wert und nötig als Geld! Ziehen wir die Frauen in das Gemeindeleben hinein, so werden sie uns bald ebenbürtig sein und uns manche große Arbeit abnehmen und mit ihren geschickteren Händen besser lösen als die Männer. Es spukt aber noch der alte orientalische Geist herum, der die Frauen am liebsten hinter Haremsgittern halten möchte und die Frauenwelt entschieden als inferior ansieht, sogar von Religionswegen! Daher ihre getrennten oft versteckten Shnagogensitze, ihr Nichtmitzählen bei dem gemeinsamem Tischgebet (Mesummen und dem Minjan, das Fehlen der religiösen Kinderweihen (das Mädchen wird keine Bar-M izw ah!). Aber, haben die Frauen Fehler, so muß ihnen erst recht Gelegenheit gegeben werden, sie abzulegen; sie haben die Kinder, die Zukunst des Judentums, anzuregen und großzuziehen, darum müssen alle erhebenden Eindrücke und Einwirkungen guter Werke, hoher Ziele, bedeutender Persönlichkeiten ihnen nahe geführt werden. Auch die Iu g e n d wollen wir nicht aus den Augen verlieren, denn ihre geistige und physische Pflege ist eine Hauptaufgabe. Physisch, weil die der körperlichen Arbeit, im Ackerbau, Handwerk und sonstiger rohen Arbeit entwöhnten Juden ihren Nachkommen nicht die Gelenkigkeit, Gewandheit und die Leibeskräfte vererbt haben, die für eine rüstige Gesundheit erforderlich sind, und weil auch die jetzt gewählten Berufe wenig Bewegung im Freien und Berührung mit der Natur Anlassen. Turn- und Sportübungen müssen in Orten, wo Exklusivität herrscht, nötigenfalls in eigenen jüdischen Turn- und Sportvereinigungen gepflegt werden. Es wäre direkt töricht, etwa der Separationsgesähr zu Liebe auf alle solche Geist und Körper stärkenden Uebungen zu verzichten! Dieses würde nur einen Mangel an Liebe und Verständnis für diesen so wichtigen Zweig unseres Lebens verraten! In der Tat habe ich in Assimilantenkreisen wohl viel Sinn für Kunst und Kunstvereinigungen, sowie Gesangvereine, aber keine große Neigung und Beteiligung für sportliche Zwecke angetroffen, selbst da, wo die Zulassung leicht möglich und bei Repräsentationszwecken Wohltütigkeits- und vaterländischen Feiern und Veranstaltungen erwünscht war! — Aber noch viel mehr interessiert uns geistig das Schicksal der schulentwachsenen Jugend, der Jünglinge und Mädchen, die in das praktische Leben treten. Diesen ist ein Halt, ein Zusammenhang, eine Stätte der Bildung, der Ueberwachung und Anregung zugleich, dringend von Nöten. Unsere christlichen Mitbürger haben diese Ideen bereits geraume Zeit mit großem Erfolge in Jünglings- und Mädchenheimen — allerdings meistens mit