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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 583 (sequence 7)
Language
German
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'-- ö8ä — " -; ’ ' dem gleichen Eifer beseelt, die Schöpfungen Ihrer Liebe durch Ihre persönliche Mitarbeit zur höchsten Blüte entfaltet haben. Wenn ich nun die Wohltätigkeitsanstalten und Stiftungen überschaue, die durch Sie innerhalb -und außerhalb unserer Gemeinde ins Dasein gerufen und ausgebaut, oder die Sie durch Ihre unermüdliche Fürsorge gehoben und zur Entfaltung gebracht haben und ulit deren Gedeihen Sie bis auf diesen Tag früh und spät beschäftigt sind; wenn ich an die Vielseitigkeit ihrer sozialen Fürsorge denke, die sich hier den zarten Kindern, dort den Kranken und Siechen, und dort den Greisen und Greisinnen zuweudet, so fühle ich mich außer Stande, den Umfang Ihrer Liebestätigkeit in der knapp bemessenen Zeit, die mir hier vergönnt ist, erschöpfend zu schildern. Nur die Eigenart Ihrer Wohltätigkeitspflege lassen Sie mich hier kennzeichnen. Zu dem Verse der heiligen Schrift, der von der Erbauung der Stiftshütte handelt: „Jeder Hochherzige bringe seine Gabe dem Ewigen, NV1N21?D21 SH* „Gold, Silber oder Erz", bemerken die Weisen: Man kann auf dreierlei Art hochherzig sein. Der eine spendet in der Vollkraft seines Lebens, der andere gibt erst bei eintretender Krankheit, der dritte endlich macht sein Testament und spendet erst nach seinem Tode. Die Spende des ersten ist Gold, die des zweiten ist dem Silber gleich geachtet, die des dritten aber wird nur als gewöhnliches Erz geschätzt. Also, mein verehrtes Jubelpaar, sind im Sinne unserer Weisen die Werke Ihrer Hochherzigkeit dem köstlichen Golde gleich zu achten, und zwar nicht blos deshalb, weil sie von der Güte Ihres Herzens künden, das Sie autreibt. Ihr ganzes Leben in den Dienst der Liebe zu stellen, sondern sie gewinnen auch für Sie selbst den höchsten Wert, weil Sie ihr Gedeihen mit eigenen Augen schauen und sie durch Ihre unablässige, tätige Fürsorge zu einer reich gesegneten Entfaltung bringen können. Von der hohen Befriedigung, die Sie aus dieser Liebestätigkeit gewinnen, zeugt am meisten der Eifer, mit dem Sie bestrebt sind, auch andere zur Betätigung der Menschenliebe zu erwecken. STU nttf’UJrT p inY' nWDn „Verdienstlicher noch, als selbst zu spenden, ist andere zum Wohltun zu veranlassen", sagen unsere Weisen mit Recht, denn wichtiger als die persönliche Linderung der Not ist die Erziehung der Menschen zur Liebe des Guten und Edlen. Wie hoch müssen wir nun Ihr Verdienst, verehrter Herr Jubilar, schätzen, der Sie beide Vorzüge in sich verbinden, da Sie uns nicht bloß ein Vorbild großzügiger Freigebigkeit sind, sondern auch Ihre Kraft und Ihren Einfluß dafür einsetzen, unseren Wohltätigkeitsanstalten neue Freunde und Gönner zu werben! Fürwahr, wenn irgendwo, so darf hier der Erfolg einen Maßstab bilden für den Wert der Persönlichkeit, denn alle jene Wohltäter, die durch Sie für unsere Vereine und Anstalten gewonnen wurden, unterlagen dem Zauber der Tugend, die in Ihnen ihre liebenswürdigste Verkörperung gefunden hat. So sehr wir Sie aber als Philantropeu schätzen und ehren, wir schätzen und verehren Sie nicht minder als Mann des Rates in unserer Verwaltung, wo Sie, Herr Jubilar, von dem Vertrauen aller Wähler getragen, seit Jahrzehnten in ununterbrochener Folge Ihre geistige Kraft und Begabung in den Dienst unserer Glaubensgemeinde gestellt haben. Ihnen, dem überzeugungstreuen und opfermutigen Juden, war weder die Form unseres Gottesdienstes noch die Weise unserer Jugenderziehung gleichgültig: Sie kennen die Bedeutung der Religion für die Entfaltung der Gottesebenbildlichkeit im Menschen, Sie wissen, daß alle Sittlichkeit im letzten Grunde auf das göttliche Ideal zurückzuführen ist, das die Religion im Menschenherzen erzeugt. Darum gehörten Sie stets zu jenen Männern, die darauf bedacht waren, das Judentum durch die Anpassung seiner Erscheinungsform an die Anschauring und Empfindung der Gegenwart auch dem kommenden Geschlechts zu erhalten. Und wenn diese Bestrebungen im Widerstreit der Meinungen allmählich zun, Siege gelangt find, so ist dieser glückliche Erfolg nicht znm wenigsten auch Ihnen zu danken, Ihrem tapferen Worte, das Ihnen noch immer beredt von der Lippe strömt und dem man ebensowenig eine Ermattung anmerkt, wie der Schrift Ihrer Hand, die sich heute noch durch ihre markigen und ebenmäßigen Züge auszeichnet. Kein Wunder daher, daß sich alle Zweige der Verwaltung an dem heutigen. Feste beteiligen, und daß sich weite Kreise unserer Glaubensgemeinde zur Festfeier hier eingefunden haben. Sie erkennen in Ihnen einen vorbildlichen Führer, dessen Leben und Wirken allen zum Segen geworden ist; sie blicken heute im Bewußtsein, daß er der ihre ist, mit stolzer Genugtuung zu Ihnen empor, au dem sich erfüllt hat das Wort, das die Schrift von dem Prophetenvater Mose rühmt, dessen Namen Sie in Ehren tragen, das Wort: "rfcOT '"k'v'Äl- „Wie deine Jugend, so dein Alter", dieselbe Begeisterung für alles Gute und Schöne, dieselbe Kraft und Schaffensfreudigkeit heute wie ehedem. Darum, mein verehrtes Jubelpaar, 13 2D 'D TTin ■HD!! üblpb „danken Sie dem Ewigen, denn er ist gütig, ewig währet seine Gnade". Er hat Sie von Jugend aus beschirmt und bewacht, er hat Sie mit väterlicher Hand geleitet und zusammengeführt, er hat Sie seit Ihrer Verbindung zu seinem Dienste, dem . Dienste der werktätigen Menschenliebe erkoren und er wird Sie noch viele Jahre vereint in unserer Mitte weilen und walten lassen. Ihr Name wird in unserer Mitte stets gefeiert sein. Wie ein siegreicher Held des Altertums seinem Vaterlande, das er wiederholt gerettet, seine Siege als seine Töchter zurückließ, die seinen Ruhm verkünden sollten, so werden die Schöpfungen der Barmherzigkeit, die Sie errichtet und zu ertragreicher Entfaltung gebracht, als Ihre Kinder dem kommenden Geschlechtern erzählen von Moritz' und Berta Manheimer, von dem Ehepaar, dessen Herzensbund der Ewige so sehr gesegnet hat, daß sich der Myrtenkranz, der einst die Braut schmückte, zuerst in blinkendes Silber verwandelte und zuletzt, als auch ihr Haar sich silbern gefärbt hatte, als köstliches Gold erglänzte; sie werden erzählen von dem gefeierten Jubelpaar, das am Tage seiner goldenen Hochzeit zu weiterem, beglückendem Wirken den dreifachen Segen der Schrift erhalten hat, den ich Ihnen nunmehr im Aufträge Gottes erteile: "PI pIS1- „Der Ewige segne Dich und behüte Dich, der Ewige lasse Dir sein Antlitz leuchten und sei Dir gnädig, der Ewige wende Dir sein Antlitz zu und gebe Dir Frieden! Amen!" Nach der Segenerteilung ertönte in vollendeter Klangschönheit das von den Damen Vera Goldberg, -Opfer und Frau' Weinbaum gesungene Engelterzett aus dem „Elias", das durch die geschickte Plazierung der Sängerinnen wie Sphärenmusik aus den Höhen erklang. Es folgten das von Profesfor Dr. Maybaum gesprochene Gebet und das vom Chor unter Posaunenbegleitung gesungene große Hallelujah (Psalm 1-50 von Lewandowski). Alsdann überreichte Professor Dr. Maybaum im Aufträge Seiner Majestät des Kaisers dem Jubelpaare die goldene Ehejubiläumsmedaille., Ein Orgelnachspiel bildete den Schluß der schönen, stimmungsvollen und erhebenden Feier. P. S. Kulturarbeit im Judentum. Von Dr. I. Lewy-Danzig. V. ie wenig angebracht übrigens ein Standesbewußtseinsunterschied bei uns Juden ist, sagt man sich leider nicht oft genug! Wo die Durcheinanderwürfelung der Lebensschicksale so groß ist, wie bei uns Juden, wo Armut und Reichtum, bequemes, luxuriöses Leben und tiefste Niedrigkeit, Bildung und Unbildung in denselben Familien, oft in derselben Generation, kaleidoskopisch wechseln, wo wir keinen erbeingesessenen Adel bei unserer Unstätigkeit und Länderflucht haben können, keinen Mandarinenstand von Beamten- und Soldatenfamilien besitzen, sollte doch die größte Toleranz zu einander herrschen! Der ärmste Schnorrer kann aus dem reichsten Hause — ohne seine Schuld — stammen, der Landesflüchtige, Asyllose aus der einflußreichsten Sphäre! Man denke nur an die Tragödien von Kischinew und an die Desertionen während des russisch-japanischen Krieges! Man wird ja natürlich von vielen Seiten diese Forderungen nach geselligem und gesellschaftlichem Zusammenwirken der ver-

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