Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 581 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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581 um nichts Geringeres handelt es sich hier. Rassenverhetzung und konfessionelle Beschränktheit haben es also in Deutschland jetzt soweit gebracht, daß für die wichtigsten Menschheitsfragen jedes tiefere Verständnis fehlt. Einen eklatanteren Beweis für den unglaublichen Tiefstand ethisch - sozialer Kultur in weiten Bevölkerungskreisen hat es lange Zeit nicht gegeben. Wo bleiben denn da die christlichen Tugenden? Wir müssen sie bei den Juden suchen! „Es geht uns nichts an!" Wenn die Juden nun auch so sprechen würden, wenn christliches Elend an ihren Türen klopft! Alle diejenigen, welche auch nur einen flüchtigen Blick in die heutige soziale Arbeit werfen, werden sehen, daß alle unsere modernen Wohlsahrtsbestrebungen neunzehntel mit jüdischem Geld organisiert und erhalten werden. Welche Katastrophe würde bei uns eintreten, wenn die deutschen Juden uns in diesem Jahre ihre Beihilfe versagen würden mit der Begründung: Jetzt-müssen wir erst für die russischen Juden sorgen, um die sich die Christen nicht kümmern, wir können euch vorläufig nichts geben. Selbst den Fall angenommen, daß das nicht geschieht, so liegt doch die Befürchtung sehr nahe, daß die jüngsten schlechten Erfahrungen, die die Juden mit den Christen gemacht haben, einen großen Einfluß auf die Freigebigkeit jüdischer Kreise Christen gegenüber haben werden. Denn man kann nicht annehmen, daß alle Juden so vornehm -denken, wie eine jüdische Dame, die mir in einem diesbezüglichen Gespräch antwortete: „Nun müssen wir erst recht den Christen geben, damit sie sehen, daß wir uns nicht so kleinlich rächen!" So kann jüdische Ethik sprechen. Im Geiste höre ich schon aus christlichem Munde die gedankenlosen Erwiderungen, die meinen Vorwürfen entgegengehalten werden: „Die Juden haben doch viel mehr Geld als wir, es ist also nur recht und billig, wenn sie unsere,humanen Bestrebungen fördern helfen, man kann das überhaupt von ihnen verlangen" usw. Steckt denn wirklich alles Geld in Deutschland iti jüdischen Händen? Gibt es nicht christliche Großgrundbesitzer und Großindustrielle genug, aber wo finden wir da das großzügige, gemeinnützige Verständnis, was so viele jüdische Kreise auszeichnet? Leider sind die Wohlfahrtsbestrebungen der Großindustriellen mit ganz wenigen Ausnahmen immer in engherzigster Weise mit konfessionellen oder parteipolitischen Interessen vermischt, also ethisch betrachtet durchaus nicht einwandfrei: Wessi Brot ich esse, dessi Lied ich singe! Auch sind die Juden ja nicht beim Gel dg eben stehen geblieben, sie stellen ihre Zeit, Arbeitskraft und Intelligenz mit derselben Freigebigkeit in beu Dienst gemeinnütziger Interessen; ganz besonders gilt das für Berlin. Ich kann mir wohl die Aufzählung von Anstalten und Errichtungen der Wohlfahrtspflege innerhalb Berlins, die von Juden ins Leben gerufen worden sind, ersparen, denn sie würde ins endlose gehen. Eines aber möchte ich nicht ungesagt lassen, nämlich, daß die Juden in Deutschland im wesentlichen die Begründer der modernen Wohlfahrtspflege überhaupt sind. Dank ihrer Mitarbeit gelingt es immer mehr, die altmodische engbegrenzte konfessionelle Wohltätigkeit zu beseitigen und die großen humanitären Aufgaben loszulösen von kirchlicher Bevormundung. Die sittliche Bedeutung dieser Tatsache wird heute noch bei weitem nicht genug gewürdigt. Aber wenn in Zukunft einmal die Geschichte der deutschen Wohlfahrtspflege geschrieben wird, so wird dieselbe ein Ehrendenkmal für das moderne deutsche Judentum sein! Es wäre also nur noblesse oblige, wenn weite Kreise der deutschen Bevölkerung sich in der zwölften Stunde wenigstens noch zusammenrafften zugunsten einer starken Hilfsaktion im Interesse der russischen Juden. Seit einigen Tagen machen sich Versuche nach .dieser Richtung hin bemerkbar; auch in der Reichshanptstadt ergreifen die Behörden die Initiative, und wir wollen hoffen, daß diese verspätete Hilfsquelle anwachsen wird zu einem großen Strom, dem es gelingen wird, den Schandfleck der bisherigen Gleichgültigkeit etwas fortzuwaschen. Möge ein jeder in seine Tasche greifen und lieber seinen Weihnachtstisch etwas bescheidener schmücken! Es handelt sich hier um eine Ehrenschuld! Uns drr Lrrlimr Gemeinde. Berlin, 3. Dezember, m 22. November 3 Uhr begrüßte die Bibliothekskommission /I und der wissenschaftliche Beirat der Berliner jüdischen Gemeinde Herrn Sanitätsrat Dr. S. Neu mann, um ihm den Dank beider Körperschaften anszusprechen für das Geschenk seiner Büchersammlung, die der großen Bibliothek der jüdischen Gemeinde einverleibt werden' soll. Da der Vorsitzende der Kommission, Herr Kommerzienrat Eisner, durch Krankheit und der in Aussicht genommene Redner, Professor Dr. S. Mahbaum, durch Amtsgeschäfte an der Teilnahme verhindert waren, so übernahm Professor Geiger, als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates, die Führung der Kommission, die aus Herrn Direktor Holzmann, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates, und den Herren Professor Kalischer, Benas Levy, Geheimrat Pinner, Mitgliedern der Bibliothekskommission, bestand. Die- Ansprache des Herrn Professor Dr. Ludwig Geiger hatte folgenden Wortlaut: Hochgeehrter Herr Sanitätsrat! Nach so manchen Deputationen, die wertvolle Geschenke und kostbare Adressen überreichten, kommen wir mit einem schlichten Dank. Die städtischen Behörden erneuerten durch ein schönes Geschenk-den Dank für die Dienste, die Sie beinahe ein halbes Jahrhundert ihnen durch ihre Vertretung in der Stadt geleistet, die Stadtverordneten beglückwünschten den scheidenden Kollegen, der während so langer- Zeit gemeinschaftlich mit ihnen gearbeitet hatte; wir können uns einer so langen gemeinsamen Arbeit nicht rühmen. Aber unser Dank ist vielleicht noch Würmer, unser Grund zum Danke noch größer. Denn wenn Sie auch kaum ein Lustrum, so lange wir bestehen, mit uns gearbeitet haben, so schenken Sie uns Ihre. Sammlung, deren Begründung, Ausgestaltung und Vermehrung Sie mehr als ein Menschenalter beschäftigt hat. Nehmen Sie dafür unfern herzlichsten Dank. Einen dreifachen Dank: für uns, für die jüdische Gemeinde,, für die Wissenschaft des Judentums. Für uns, denn wir, die Bibliothekskommission und der wissenschaftliche Beirat, betrachten es als ein persönliches Geschenk, nicht etwa als Anerkennung für unsere Tätigkeit, sondern als Gabe unseres Seniors. Vielleicht findet sich einmal ein Mäcen, der uns Tausende bietet, — wir haben eine Sammlung in Aussicht, die außerordentlich viel Kostbarkeiten birgt und die eine wunderbare Vermehrung unseres Vorrats darstellt, — aber Ihre Gabe werden wir innner als eines unserer wertvollsten Besitztümer betrachten, weil sie einer der unsrigen gesammelt und uns dargeboten hat. Für unsere Gemeinde, denn gerade darin besteht das Eigenartige Ihrer Bibliothek, daß sie das Berliner Leben, wenn auch nicht ausschließlich, so doch in hervorragender Weise berücksichtigt, daß sie nichts für zu klein und nichts für zu groß betrachtete, sondern auf Lokales, Personalien, Familienereignisse, Vereine eben solchen Wert legte, wie auf die Versammlungen von städtischen und staatlichen Behörden, in denen jüdische.Dinge verhandelt wurden und an denen jüdische Männer teilgenommen. Für die Wissenschaft: Zwar-wissen, wir, die Wissenschaft des Judentums ist kein.Abwehrverein und keine Missionsanstalt, aber mit Hilfe dieser Wissenschaft kann treues Festhalten und Beharren im Glauben und in der väterlichen Religion gelehrt werden. . Gerade die Wissenschaft des Judentums soll Wissen und Leben verbinden. Sie haben in unseren Zusammenkünften stets den Standpunkt vertreten, daß unsere Bibliothek nicht ausschließlich, ja nicht einmal in hervorragender Weise die Aufgabe verfolgen soll, K W