Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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580 St. Frauzisko hat bis zum 15. November 25 000, St. Louis 16 000 und Baltimore 10 000 Dollar gesammelt. In Boston rechnet man 50 600 Dollars aufzubringen. Außer den Ge- . meinden haben auch zahlreiche jüdische Trade-Unions Sammlungen eingeleitet, und die Mitglieder setzen eine Ehre darein, daß ihr Trade möglichst viel Geld aufbringt. So gedenkt die Schneiderorganisation, die größte jüdische Arbeiterorganisation Newhorks, 50 000 Dollars aufzubringen. Die Million Dollars, welche die amerikanischen Juden aufzubringen sich Vornahmen, war schon am 25. v. M. zusammeugekommen und hat Jacob Schiff davon 180 000 Pfund bereits nach London gesandt. Ueber dir Ergebnisse der Sammlungen in Rußland selbst liegen irgendwelche Angaben noch nicht vor. Dieselben dürften jedoch keineswegs sehr reichlich sein, da jeder irgendwie bemittelte Jude jetzt Rußland verläßt, um die schlimmsten Zeiten im Auslande zuzubringen. Sehr viele von ihnen werden sich wohl an den Sammlungen des Auslands beteiligen. Im ganzen sind bis jetzt gesanunelt worden 9 500 000 Mark, und es hat den Anschein, als wenn diese an und für sich respektable Summe sich noch ansehnlich vergrößern wird. Wie hoch dieser Betrag auch ist, so ist er doch in Anbetracht des ungeheuren Schadens an Gut und Blut noch sehr geringfügig zu nennen. Wie aus den Blättern bekannt wird, hat das unter Leitung des Herrn Dr. Nathan jetzt in Rußland weilende Komitee zur Feststellung der unbedingt erforderlichen Nnterstützungsgelder an 55 Städte, und zwar als erste Hilfe, 753 080 Rubel überwiesen. Nahezu die Hälfte davon, nämlich 338 000 Rubel, erhielt Odessa, wo es 40 000 obdachlose Juden geben soll.. Kiew und Umgegend erhielten 80 000 Rubel, wobei zu bemerken ist, daß gleich nach dem Krawall in Kiew selber Vi Million Rubel gezeichnet worden sind. 40 000 Rubel erhielt Poltawa nebst drei kleinen Städten in der Nähe. Nikolajew bekam 35 000, Rostow a. D. 31 000 Rubel, 25 200 Rubel erhielt Homel und Umgegend, 21 400 Jekaterinislaw, 20 500 Krementschug und 20 000 Rubel Romni. Cherson erhielt 12 630, Nowo und Sibkow 11 000, Tschernigow 9000, Njeshin 8000, Starodup 7000 und Bachmut, .Jusowka und Nowgorod-Sewersk je 5000 Rubel. Auch die in Rumänien gelegene Stadt Braila, die in der schwarzen Woche gleichsam im Vorübergehen von einem Krawall betroffen wurde, mußte mit 5000 Rubel unterstützt werden. Auch zwei jüdische Städte, in denen zwar ein Krawall nicht stattfand, deren jüdische Bevölkerung sich aber dennoch in großer Not befinden muß, wurden mit größeren Beträgen unterstützt. Es sind das die Städte Warschau, welches 15 000 Rubel, und Kronstadt, welches 6500 Rubel erhielt. Es haben im ganzen 22 Städte 690 230 Rubel erhalten, während auf die ^übrigen 33 Ortschaften mit meist kleineren jüdischen Gemeinden 52 850 Rubel entfielen, wobei die einzelnen Gemeinden Beträge von 150 bis 4000 Rubel erhalten haben. Wie verhält sich Frankreich gegenüber den ^Kundgebungen und Sammlungen für die-russischen Juden? Diese Frage wurde oft in den letzten Wochen gestellt. Wir erhalten darüber den nachfolgenden Bericht: Am 13. November fand endlich nach langen und eifrigen Bemühungen im Versammlungssaak der Gelehrten-Gesellschaft zu Paris unter den Auspizien der Liga der Rechte und der Gesellschaft der Freunde des russischen Volkes eine Protestversammlung gegen die Judenmassakres . in Rußland statt. Ter große, mehr als 2000 Personen fassende Raum erwies sich als zu klein, um auch nur einen Teil der andrängenden Menschenmassen aufzunehmen. Am Eingang zum Saale sowie im Saale selber wurden massenhaft Flugblätter des Selbstschutz verteilt, in welchen die Anwesenden aufgefordert wurden, Beiträge zur Anschaffung von^Waffen zu leisten/ Auch der' Bund ließ massenhaft Flugblätter verteilen. Mr. Louis Habet. Mitglied der Akademie, eröffnete die Versammlung. Die Ereignisse seien jetzt so verwickelt geworden, daß niemand deren^Ende absehen kann.' Niemand.kann den Versprechungen der russischen Bureaukratie trauen. Die Manifeste des Zaren sind wertlos geworden. Inzwischen müssen die Kämpfer für die Freiheit kräftig unterstützt werden. Mare Sangnier, Direktor des katholischen Journals „Les Sillon“ unb hervorragendes Mitglied der kämpfenden katholischen Kirche, protestierte im Namen der ganzen katholischen Welt gegen die Verbrechen der Moskowiter. Er stellt die «lübre karole", welche die Kühnheit hatte, die Massakres zu glorifizieren, an den Pranger. Der Deputierte von Paris, Mr. Rouanet, ein bekannter Dreyfusard, sagt, alle in Rußland vorgekommenen Ereignisse haben in Frankreich ihre Vorbilder gehabt. Kein Barbarismus vermag ihn mehr in Erstaunen zu setzen, da jene freche Verhöhnung von Treu und Glauben, wie sie in jüngster Zeit in Rußland passiert ist, vor wenigen Jahren anläßlich der Drehfusaffäre auch in Frankreich erlebt würde. Die russischen und französischen Antisemiten sind einander wert. Mr. Noguöres, Präsident der studentischen Vereinigung von Paris, protestierte im Namen der studierenden Jugend gegen die Judenmassakres in Rußland. Der Präsident der Liga der Menschenrechte, Mr. Francois de Pressense, Deputierter für Lyon, bedauerte, daß der Protest Frankreichs zu spät kornme. Nachdem noch Mr. Ferdinand Bonisson, Deputierter von Paris, gesprochen hatte, gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die in den Räumen der Gelehrten- Gesellschaft am 13. November versammelten französischen Bürger sprechen nach Anhörung der Berichte über die in Rußland durch die kaiserlichen Beamten, die Polizei und eine Bande von Mördern gegen Revolutionäre, Intellektuelle, Juden und Armenier organisierten Massakres ihren Abscheu gegen diesen barbarischen und vergeblichen Versuch einer Kontrarevolution aus untr."erklären ihre Solidarität mit den Ueberlebenden, welche für ein neues Rußland, das einzige mit welchem das französische Volk verbundeu bleiben kann, weiter kämpfen." Im Komm der Menschlichkeit! Von Lilli Jannasch/) 3Xi fast allen Kulturländern entfaltet sich augenblicklich in den verschiedensten Bevölkerungskreisen eine rege Hilfsaktion zur Linderung der beispiellosen Not, die über die russisch-jüdische Bevölkerung hereingebrochen ist. Angesichts dieser Regsamkeit muß das gleichgültige Verhalten, das in Deutschland weite Kreise in dieser Frage zur Schau tragen, jeden denkenden Menschen mit Trauer und Empörung erfüllen. Deutschland — so wird immer stolz hinausgerufen —, marschiert an der Spitze der Kulturnationen, aber wo'bleiben denn da die: Kultu rgefühle, wenn die nichtjüdifche deutsche Bevölkerung es nicht für nötig erachtet, sich dieser dringendsten Hilfsaktion anzuschließen, aus dem einfachen Grunde, weil es sich diesmal ausschließlich darum handelt, Juden zu helfen! Mit der Laterne muß man die christlichen Namen auf den Geberlisten suchen, die zur Linderung der jüdischen Not kursieren. Der schöne christliche Standpunkt, mit dem diese Gleichgültigkeit gerechtfertigt wird, gipfelt in den Worten: Was gehen uns die russischen Juden an, mögen ihre eigenen Glaubensgenossen für sie sorgen, die haben ja Geld genug! Das ist der Kulturstandpünkt, den das Gros der deutschen christlichen Bevölkerung in einer Men sch h eits fra ge einnimmt, denn 0 Dieser Aufrnf einer Dame aus hochangesehener, nichtjüdischer Familie wird sicher allgemeine Teilnahme erregen. Er ist geschrieben, bevor^die allgemeine Hilfsaktion im Gange wardie die Wünsche der geehrten Verfasserin in schöner Weise erfüllt hat. Aber um des allgemeinen Inhalts und namentlich um des^ Schlusses willen durste der Aufsatz trotzdem nicht ungedruckt bleiben. Die Red.